Schönes und Schreckliches…. 24/9/2013

SAM_1794 SAM_1933 SAM_1964 SAM_1966Heute war ich bei der Migra, der Ausländerbehörde, alles verlief reibungslos, ich durfte, da meine Papiere vollständig waren (Gott sei Dank hatte mir Gerdi beim Ausfüllen der Formulare und dem Verfassen meines Anschreibens geholfen…), ca 200 EURO für die angestrebte Arbeitserlaubnis zahlen und kommende Woche werde ich dann hoffentlich das Papier erhalten…

Am Sonntag war ich mit Beto, meinem honduranischen Bekannten, im Museum, wo unzählige Trachten der Indigenas ausgestellt waren, wunderschön, natürlich viel zu viel um alles aufzunehmen… Danach lud er mich zu Abendessen ein, in ein ganz einfaches Restaurant, aber mit Superservice, von pomadisierten Kellnern in Anzug, die alles im Blick hatten, so bin ich NOCH NIE in einem Restaurant bedient worden! Man könnte fast eher sagen betreut! Und zwar nicht speziell ich, als Ausländerin, sondern alle Gäste. Das Essen war lecker, mit Vorsuppe und Nachgericht!  Das Bier trinkt man hier in Mexico übrigens gern gemischt mit ca 1/3 Wochestersauce und etwas Chili und Salz mit dem Strohhalm. Nicht soooo mein Geschmack…

Beto ist 58 und scheint ein bewegtes Leben gehabt zu haben, seit 4 Jahren ist er hier, und verkauft auf dem Markt Schmuck, den er selbst herstellt. Ich kenne ihn vom letzten Jahr, da habe ich mehrere Sachen bei ihm gekauft und ihn öfter auf dem Markt besucht. Er hatte in Honduras irgendwelche Probleme und kam nach Mexico, weil seine Tochter mit ihrer Familie hier in San Cris wohnt. In seinem Leben hat er schon alles Mögliche gemacht, „ich bin sehr intelligent“ sagt er – eigentlich kann er alles. In seiner Jugend hat er nichts anbrennen lassen und viel getrunken , „aber ich hab mich niemals geprügelt oder Leute belästigt“ sagt  er. Beto ist ein Freidenker und so sehr sein Leben sich auch von meinem unterscheidet, ein Seelenverwandter.

Gestern Vormittag ging ich zum Auftakt einer Reihe von Aktionen gegen Gewalt gegen Frauen in Chiapas. Vor allem ging es um Femizid: Morde an Frauen, allein wegen ihres Geschlechts kommen hier wie überhaupt in Lateinamerika in einem erschreckendem Ausmass vor!

Natürlich gibt es solche Fälle auch in Europa, aber für mich ist noch immer nicht wirklich fassbar, dass Gewalt gegen Frauen hier selbstverständlich ist, dass sie noch nicht mal, wenn sie im Morden gipfelt ein Anlass zu strafrechtlicher Verfolgung von Seiten des Staates ist! Tatsächlich ist es so, dass es ziemlich normal ist, den Täter gar nicht zur Verantwortung zu ziehen. Im Gegenteil leiden die Verwandten der Opfer nicht selten unter Stigmatisierung, da davon ausgegangen wird, dass die Schuld letztlich bei der Ermordeten selbst liegt, dass sie in irgendeiner Weise einen Anlass zu Bestrafung geboten hat. Damit, so wurde erklärt, sublimiert man die Angst, dies könne einem selber oder einem Mitglied der eigenen Familie passieren. Die Ursache liegt im Machismus, eine Frau hat keinen Wert und auch kein Recht. In diesem Jahr gibt es schon 67 bekannte Fälle von ermordeten Frauen in Chiapas, jedes Jahr steigt die Zahl. Nicht mitgerechnet sind die zahllosen verschwundenen Migrantinnen, nach denen sowieso niemand sucht.

Aus meinem deutschen Erfahrungshintergrund kann ich das gar nicht fassen.

Die Veranstaltung begann und endete damit, dass mehrere schwarz gekleidete Frauen mit verhülltem Kopf sehr langsam durch die Versammelten schritten, während 2 Musiker „La llorona“ (die Weinende) http://www.youtube.com/watch?v=0gQ31m4Yt0s

intonierten. Es ging mir so nahe, dass ich weinte.

Schließlich; auch das Hogar Comunitario existiert ja genau aus diesem Grund: Frauen die Gewalt erfahren haben, oft ihr ganzes Leben lang, so dass sie gar kein Bewusstsein dafür haben, dass dies NICHT normal ist, finden hier eine Bleibe – für eine Weile, um ihr Kind zu gebären, das meistens durch Gewalt entstanden ist. Auf Grund ihrer Schwangerschaft werden sie von der Familie verstoßen, irgendwoher erfahren sie vom Hogar oder jemand bringt sie dort hin. Meißtens kehren sie einige Wochen nach der Geburt zurück in Ihr Dorf oder kommen bei Verwandten unter, es ist selten, dass sie ihrer Familie für immer den Rücken kehren, denn die Idee von „alleinerziehender Mutter“ existiert hier gar nicht, alles läuft über die Familie, unabhängig von der Familie zu leben ist eigentlich nicht vorstellbar und schließlich gibt es auch keine staatlichen Hilfen für Alleinstehende, daher scheint es auch kaum welche zu geben, zumindest nicht unter der indigenen Bevölkerung. Wieso allerdings die Frauen verstoßen werden wenn sie schwanger sind, jedoch wieder aufgenommen werden wenn das Kind auf der Welt ist, das habe ich noch nicht herausgefunden. Ich vermute allerdings, dass sie das selber auch nicht nicht verstehen und sich diese Frage vielleicht nicht einmal stellen.

Für heute grüße ich Euch herzlich! Christiane

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