Blutspenden in Mexico

Ich habe schon wieder einige interessante Erlebnisse gehabt; eins will ich heut berichten – Blut spenden in Mexico!

Hier ist es so: Jemand der Blutkonserven braucht, bzw in einem Notfall welche erhalten hat, muss diese ersetzen, d.h. er bittet Familienangehörige und Freunde um eine Blutspende.

Paola (zweieinhalb Jahre), die Tochter der Alphabetisationslehrerin vom Hogar hat kürzlich wegen einer schweren Hepatitis und Strebtokokkeninfektion 14 Blutkonserven erhalten. Zum Glück ist sie jetzt aus dem Krankenhaus entlassen und es geht ihr schon wieder viel besser, alle hatten um ihr Leben gebangt. Nun müssen die Konserven ersetzt werden, ich entschloss, mich zu beteiligen.

Ich war die 14. von etwa 50 Leuten die Morgens um 7.00 Uhr, auf Anweisung nüchtern, zur Blutspende im Krankenhaus erschienen um die Blutschulden ihrer Verwandten oder Freunde abzutragen.

Alle wurden in der Empfangshalle versammelt und uns wurde ein Vortrag gehalten über das Prozedere, die gesundheitlichen Voraussetzungen und Ausschlusskriterien für eine Spende.  Dann wurde jede(r) vor versammelter Mannschaft vermessen und gewogen, die Waage stand auf einer Art Bühne, als ich an der Reihe war hatte ich aufgrund meiner herausragenden Größe ein interessiertes Publikum… (die Leute hier sind nicht selten so um die 1,50 m) Es wurde außerdem erfasst, welche sexuellen Verhaltensweisen man hat (Aidsprävention).  Dann durften die ersten 20 in einem kalten zugigen Flur auf die Voruntersuchungen warten (Blutuntersuchungen, Blutdruck messen, nochmals Befragungen durch eine Ärztin)

Nebenan war der Kreissaal, wir hörten eine Frau schreien, aber in Tönen, die für mich nicht zu einer normalen Geburt gehören!

Mary Hernandez, eine der (traditionellen) Hebammen aus dem Hogar und ich wären am liebsten reingegangen. Sie sagte, dass diese Frau (natürlich…) keinen Beistand hat, denn Hebammen gibt es in  mexicanischen Krankenhäusern üblicherweise nicht, die Frauen werden allein gelassen und wenn es soweit ist (bzw soweit kommt…) von Gynäkologen entbunden, meistens allerdings erhalten sie früher oder später einen Kaiserschnitt.

Mary sagte, „Pass auf, bald hörst Du nichts mehr, denn sie werden sie operieren“, so war es denn auch, nach ca einer dreiviertel Stunde verstummten die Schreie. Mary hatte selbst ihre erste Geburt so erlebt, ohne Beistand und irgendwann machten sie ihr einen Kaiserschnitt. Ihr zweites Kind bekam sie daraufhin zu Hause mit einer traditionellen Hebamme – mittlerweile war sie auch selbst eine.

Ich sagte zu Mary, mich wundert es nicht, dass es so viel Gewalt gibt, wenn Frauen so lieblos behandelt werden, bei der Geburt alleingelassen und ausgeschimpft und schließlich das Kind aus dem Bauch geschnitten bekommen! Das erste was ein Mensch erlebt, wenn er auf die Welt kommt; Angst, Gewalt und Ohnmacht! Ja, sagte Mary, so ist es.

Kaum eine Frau die ich hier gefragt habe, warum sie einen Kaiserschnitt haben musste, konnte mir eine Antwort darauf geben, es waren immer ähnliche Geschichten, sie wurden in der Klinik mit den Wehen allein gelassen, hatten Angst, wussten nicht was passiert und bekamen schließlich ihren Kaiserschnitt. Übrigens nicht mit „Bikinischnitt“, sondern längst über den ganzen Bauch, die Nähte infizieren sich scheinbar oft, jedenfalls habe ich Bäuche gesehen, das könnt Ihr Euch gar nicht vorstellen…

 Wir warteten etwa 4 Stunden, währenddessen erzählte mir Mary ihre halbe Lebensgeschichte.

 Mary ist eine Indigena. Sie verließ mit 12 Jahren ihr Elternhaus und ihr Dorf, weil ihr Vater sie nicht weiter auf die Schule schicken wollte. Sie wollte lernen um Lehrerin zu werden!

Mary ging in die Stadt ohne ein Wort spanisch zu verstehen, fand eine Stelle als Dienstmädchen, lernte spanisch und ging über viele Jahre abends zur Schule. Sie hatte großes Glück, denn die Familie in der sie lebte und arbeitete unterstütze sie.

Als sie mit 26 Jahren die Ausbildung beginnen wollte, wurde sie schwanger und war deshalb sehr unglücklich, denn die Schwangerschaft machte ihren Traum zunichte.

Ihren Freund kannte sie erst kurz, er ging in die USA als sie im 2. Monat war und sie hörte nichts mehr von ihm. Eigentlich wollte sie kein Kind bekommen. Abtreibung ist aber in Mexico verboten. Mit Medikamenten oder pflanzlichen Mitteln einen Abbruch der Schwangerschaft zu provozieren wollte sie nicht riskieren, aus Angst dem Ungeborenen zu schaden, falls es nicht klappen würde.

Sie bekam ihren Sohn und wieder hatte sie Glück: nach der Geburt fand sie ins Hogar, konnte eine Krankenschwesternausbildung machen  und irgendwann begann sie im Hogar zu arbeiten.

Wie hätte sie sonst wohl überlebt, in Mexico, als alleinstehende Mutter, ohne Unterstützung der Familie?…

Nach 7 Jahren kehrte der Vater des Kindes zurück, sie lebten 2 Monate zusammen und wieder wurde sie schwanger. Es dauerte nicht lange, bis ihr klar wurde, dass der Vater ihrer Kinder ein gewalttätiger Alkoholiker ist. Später erfuhr sie, dass er deswegen aus den USA ausgewiesen worden war. Er verschwand als sie im dritten Monat war, kehrte nach der Geburt der Tochter sporadisch zurück, schwor Besserung, trank jedoch weiter, bedrohte Frau und Kinder und zerlegte regelmäßig die Wohnungseinrichtung. Mary, mittlerweile hatte sie eine Psychotherapie begonnen, flüchtete mit den Kindern ins Hogar, nachdem er den Sohn tätlich angegriffen hatte, ihre Therapeutin alarmierte die Polizei und der Mann wurde festgenommen, da Mary ihn anzeigte. Nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde, bedrohte und belästigte er sie regelmäßig, im Wechsel mit Bitten, wieder bei ihr einziehen zu dürfen. Um die Kinder kümmerte er sich nie und  Alimente zahlt er bis heute nicht.

In den letzten Monaten haben seine Attaken nachgelassen, alle paar Monate steht er vor der Tür, will die Kinder sehn und beklagt sich, dass sie kein großes Interesse  an ihm zeigen. Gerade gestern war er wieder da.

Mary sagt, es schmerzt sie vor allem für die Kinder, am meissten für Jose Luis, der, jetzt 13 Jahre alt, im Hogar unter all den Frauen groß wird, die Gewalt von Männern erfahren haben und dem nicht nur ein Vater fehlt, sondern überhaupt ein Mann, an dem er sich orientieren kann. Sie macht sich Sorgen, er ist so introvertiert, mag kaum aus dem Haus gehn um sich mit Freunden zu treffen, lernt ganz viel und will am liebsten Jura studieren oder Psychologie oder Mathe… Aber wie soll Mary das Schulgeld aufbringen? Auch Iromi, die kleine Schwester kommt nächstes Jahr in die Schule.

 Mary und ihre Kinder sind mir schon letztes Jahr ans Herz gewachsen, Jose Luis besonders, sofort habe ich gespürt, dass er ein ganz besonderer und  außerdem hochbegabter Junge ist. Einmal, ich wollte was mit ihm machen, mal allein, ohne all die Frauen, Babys und Kleinkinder, fragte ich ihn, „Worauf hast Du Lust, was wolln wir machen?“  Er wollte in die Bibliothek, um zu erfahren wie er sich dort Bücher ausleihen kann und danach in die Uni! Ich war perplex! In die Uni, mit 12! „Was willst du mal werden?“, fragte ich ihn, er sagte, er wolle Jura studieren, und dafür sorgen, dass es gerechter in der Welt zugeht.

 Dies und die Geschichten einiger anderer Frauen, die in letzter Zeit im Hogar Hilfe gesucht hatten erzählte mir Mary, während wir darauf warteten, ob wir als Spender in Frage kämen.

Marys Leben ist insofern ungewöhnlich, dass sie es geschafft hat, sich ein eigenes Leben aufzubauen, unabhängig von ihrer Familie. In den meissten Fällen ist das den Frauen nicht möglich, sie schaffen es nicht, ohne ihren Familienverband zu leben, wirtschaftlich, aber auch emotional nicht.  Das Allein-Sein scheint hier gleichzeitig ein Isoliert-Sein zu bedeuten und davor haben die Menschen noch mehr Angst als vor Unterdrückung und Gewalt, damit werden sie groß, das kennen sie.

Mary hat durch ihre Arbeit im Hogar eine Anbindung gefunden. Trotzdem ist ihr Leben nicht gesichert, denn das Weiterbestehen des Hogar steht immer wieder in Frage, da die Arbeit nicht durch den Staat getragen wird, sondern immer wieder Projektfinanzierungen gesucht werden müssen, in Spanien und auch in Deutschland. Seit der Wirtschaftskrise ist die Finanzierung nicht mehr gesichert, immer wieder arbeiten die Frauen monatelang ohne Gehalt, in der Hoffnung, dass Sandra, die Koordinatorin, es wieder schafft, Gelder aufzutreiben. Auch fließen dem Hogar sporadisch Spenden zu, z.B. aus Soliveranstaltungen, die ehemalige Voluntärinnen (FSJ) in Deutschland organisieren. Die Eigenfinanzierung ist schwierig, all die kunsthandwerklichen Sachen die die Frauen im Hogar herstellen sind für einen gerechten Preis schwer in San Cristóbal zu verkaufen, denn zwar gibt es hier viele Touristen, aber auch ein riesiges Angebot an Kunsthandwerk auf dem täglich stattfindenden Markt und in den Geschäften und in der Innenstadt laufen unzählige indigene Frauen und Kinder herum und versuchen ihre Sachen zu verkaufen.

Das Leben ist unwägbar, wahrscheinlich deshalb plant man hier auch kaum voraus – bzw. werden ständig Pläne gemacht, aber es kommt dann sowieso alles ganz anders. Man kümmert sich um die aktuell wichtigen Sachen. Ich finde das einerseits erstaunlich entspannt, andererseits auch ungewohnt und manchmal anstrengend, wenn ich nicht wirklich viel planen kann, im Moment hab ich damit noch kein Problem, aber ich erinnere mich, dass ich das im letzten Jahr öfter mal frustrierend fand – auch die Freizeit ist eben nicht sicher planbar, es kommt immer wieder mal Arbeit dazwischen ;-)…

 Aber zurück zur Blutspende! Gegen 11.30 ist es soweit, wir dürfen spenden!

Völlig unterkühlt legte ich mich mit 3 anderen auf die Pritschen und uns wurde simultan das Blut abgenommen. Naja, mein Kreislauf ist leider nicht der stabilste, deshalb mussten sie mich hinterher mit Wasser und Elektrolytgetränk aufpäppeln und danach ging ich mit Mary und Joli im nächsten Restaurant eine Hühnersuppe essen!

Die nächsten Tage keuchte ich von neuem den Berg hoch… Aber jetzt nach einer Woche bin ich wieder fit!

 

 

 

 

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