Ein kaputtes Auto und ein Sonntagstreffen im Hogar Comunitario

BildBildBildGestern, am Sonntag, wurden wir von Nachbarn früh um 7.00 Uhr aus dem Bett geklingelt:  Das Auto von Siggi klebte, etwa eine Autolänge Bergaufwärts vom ursprünglichen Parkplatz entfernt, an der Hauswand des Nachbarn!  Mir schien, dass dies kein Werk eines  Betrunkenen war, sondern einer von diesen Riesen- LKW´s  die hier umherfahren mit Absicht diese „Umsetzung“  vorgenommen hatte! Ich erinnerte mich, im Halbschlaf nachts einen Krach gehört zu haben…  Wir riefen die Verkehrspolizei, was sollen wir machen, sagten sie, wenn Ihr den Schuldigen nicht kennt!  Später meldete sich ein Taxifahrer, der die Tat beobachtet hatte und auch die Autonummer wusste. Das nützt aber nicht viel meinte Siggi, denn eine Gerichtsprozess  kostet Zeit und Geld und führt sowieso zu nichts…  Eine Versicherung wie in Deutschland gibt es hier natürlich nicht…

 Ich hätte es auch befremdlich gefunden, wenn Verkehrssünder bestraft würden, Frauenmörder aber nicht…

Meine Mitbewohner vermuten, dass dies das Auftragswerk der Nachbarn zur anderen Seite war, die sich beschwert hatten, dass das Heck des Autos von ihrem Fenster aus zu sehen ist. Solche Art von „Streitkultur“ scheint hier nicht selten zu sein…

Im Hogar hatten wir heute das einmal monatlich stattfindende Treffen für die Frauen, die hier gewohnt haben, bzw. für alle die interessiert sind.  Es gibt dann jedes Mal ein Thema, zu dem unter Anleitung von Judith, der Psychologin, und mit Hilfe von Mary Perez, die in die indigene Sprache übersetzt, gearbeitet wird und danach gibt es ein gemeinsames Essen.

Die Frauen aus den Dörfern sind meistens sehr zurückhaltend und reden kaum, wenn sie nicht ganz direkt aufgefordert werden und manchmal auch dann nicht. Ich will mal das heutige Treffen beschreiben, damit Ihr eine kleine Vorstellung davon habt.

Wir versammelten uns alle im Kreis und Judith forderte uns auf, uns einzeln gegenseitig mit unserem Namen und einer positiven Eigenschaft vorzustellen. Zum Beispiel „Ich bin Christiane und ich lache gern“ … Das fiel mehreren schon sehr schwer. Danach sollten wir in der Runde die anderen vorstellen, das war auch nicht einfach. Judith fragte, „Wie fühltet Ihr Euch bei der Vorstellung?“ Verlegenes Schweigen, mehrere sprach sie einzeln an, „schüchtern“ war die Antwort. „Warum?“ „Weil ich die andere nicht kenne.“ Oder „Weil ich kein Spanisch spreche“  Wir kamen dann dahin, dass trotz all dieser Ängste nichts Schlimmes passiert ist, sondern wir nun wissen, dass die anderen ebenfalls diese Gefühle haben – und dass wir uns nun sogar beim Namen nennen können!

Dann war die Frage „Wie verbringe ich einen Tag?“ wir sammelten ALLES, angefangen vom (5.30 Uhr! in den Dörfern), Aufstehn, sich waschen, Feuer machen, Mais entkernen, Tortillas backen, Gemüse schälen, Wasser holen, Kochen, Windeln wechseln, Babys stillen, Kinder füttern, dem Mann Essen kochen, Geschirr spülen, putzen, waschen, Haus fegen, Handarbeiten, auf dem Feld arbeiten, Müll entsorgen… Es stellte sich für mich heraus, dass ich die Einzige bin, die noch andere Aktivitäten hat, wie z.B. Spazierengehn, Freunde treffen, tanzen, im Chor singen – also Freizeitvergnügen! Für die Frauen aus den Dörfern scheint es so etwas nicht zu geben.

Die nächste Frage war: „Was davon gefällt Dir nicht?“ es kamen (auf Nachfrage) allerlei Haus- und Feldarbeiten als Antwort.

„Wie kannst Du das dann lösen?“  Ratloses Schweigen. Schließlich meinte eine lachend „Ich verstecke mich und mache es nicht mehr“  Alle lachten.

Judith fragte, „Ist das realistisch?“ „Nein!“  „Was dann??? Und warum macht Ihr es, trotzdem es Euch nicht gefällt?“ Am Ende kamen wir zu der Erkenntnis, dass einfach viele Tätigkeiten lebensnotwendig sind und wir sie tun müssen, um zu überleben – das heisst, wir tun uns damit selbst etwas Gutes, wenn wir unser Haus sauber halten schützen wir uns vor Krankheit, wenn wir Feldarbeit machen oder Essen zubereiten stillen wir unseren Hunger, wenn wir unsere Kinder den ganzen Tag tragen sorgen wir dafür, dass sie keine Angst haben müssen… und die wichtigste Erkenntnis war;  wir können um Hilfe bitten, wir können uns gegenseitig unterstützen – aber dazu  ist es wichtig, mit einander zu SPRECHEN, unsere Bedürfnisse mitzuteilen und auch das was uns stört.

Für mich keine ganz neue Erkenntnis… – und doch, wie lange schweige  auch ich manchmal, ehe ich anderen meine Ängste, meine Hilfsbedürftigkeit, meinen Ärger, meine Erwartungen oder Enttäuschungen zumute…  und wie wütend, ungerecht und zerstörerisch agiere ich manchmal wenn ich alles für mich behalte und dann doch irgendwann platze…

Wir kamen auch zu der Frage, warum es so schwer fällt, sich mitzuteilen.

Ein Baby weinte, die Mutter legte es an die Brust, ich sagte „Seht Euch die Babys an, sie haben noch keine Angst, sie schreien, wenn sie etwas brauchen oder sie was stört, wir haben das  verlernt, aber warum??“  Mary Perez, die schon viele Jahre im Hogar arbeitet sagte, „Meine ganze Kindheit über habe ich gelernt, dass ein Mädchen still zu sein und zu gehorchen hat und ich war so schüchtern, dass ich nie was sagte, nie was zu bitten oder zu verweigern wagte, erst als ich ins Hogar kam und hier lernte, dass ich auch ein Recht darauf habe, hab ich mich geändert.“

Ich glaube, dass es den meissten Frauen die hierher kommen genau so geht;  sie haben noch gar keine Idee davon, dass sie überhaupt ein RECHT auf eine eigene Meinung  haben, geschweige denn davon, diese zu äußern.

Zum Schluss forderte Judith jede Frau einzeln auf, mitzuteilen, wie es ihr jetzt geht und was sie gelernt hat. Viele sagten, ich habe viel gelernt, ich habe gehört, dass ich auch ein Recht habe,  ich habe verstanden, dass es wichtig ist zu sprechen, ich möchte das nächste Mal wieder herkommen…

Für heute verabschiede ich mich, ich hoffe, dass ich bald dazu komme, Euch von einem schönen Ereignis zu berichten, nämlich von der Geburt des für hiesige Verhältnisse Riesenbabys von Estefania und Pablo! Mittlerweile warten wir schon auf die Geburt von Giomar, die letzte Woche ins Hogar eingezogen ist.

Viele Grüße, Gute Nacht – bzw. für Euch Guten Morgen! Christiane

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