Fünf Nationen bei einer Geburt!

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Am 9. Oktober war es soweit, bei Estefania setzten 13 Tage nach dem errechneten Entbindungstermin die Geburtswehen ein.  Estefania und Pablo waren in den letzten Tagen immer mehr in Sorge geraten, doch noch in der Klinik zu landen… im Hogar werden 14 Tage Terminüberschreitung akzeptiert, länger aber nicht…

Als wir uns am 10. Tag trafen, war Estefania ganz verunsichert und meinte, sie sei sich gar nicht mehr sicher, ob ihr Körper wirklich Wehen machen könne… Ich schlug vor, sie am nächsten Morgen zu Haus zu besuchen und eine Traumreise mit ihr zu machen, damit sie herausfinden könne was sie braucht, um die Geburtsarbeit (so sagen sie hier) zu beginnen.

Estefania und Pablo haben sich eine kleine Holzhütte am Stadtrand gemietet, in der sie die nächsten Monate leben werden, ehe sie in ihrem kleinen roten Bus weiter gen Norden reisen.

Die Traumreise wurde begleitet vom Grunzen der Schweine des Nachbarn und dem ununterbrochenem Krach einer Motorsäge. Estefania fand heraus, dass ihr Körper schon längst auf einem guten Wege war – nur hatte sie die zunehmenden Rückenschmerzen bisher nicht als Wehen verstanden… Ich verliess sie mit der Gewissheit, dass die Geburt demnächst beginnen würde, so war es dann auch. Am nächsten Morgen hatte sie schon deutlichere Wehen und am Mittag darauf rief mich Joanna, die Hebamme, die im Hogar Dienst hatte an und bat mich, dazuzukommen. Die Wehen waren regelmässig, alle 5 Minuten und nicht besonders stark. Wir verbrachten den Nachmittag recht gemütlich mit Massagen, Estefania und Pablo erzählten uns ihre Liebesgeschichte und wir aßen zusammen mit Giomar, der zweiten Schwangeren und Emma zu Abend.

Emma und ich haben uns Anfang letzten Jahres im Hogar kennengelernt, sie hatte damals ein FSJ gemacht und danach haben wir in Berlin ein Jahr zusammen gewohnt. Emma wird im kommenden Frühjahr ihre Hebammenausbildung beginnen und hat mittlerweile schon viele Erfahrungen in der Geburtshilfe gesammelt; im Hogar und während ihrer Praktika in unserer Hebammenpraxis in Berlin und im Kreißsaal einer Berliner Klinik. Nun ist auch sie für ein paar Monate zurückgekehrt und arbeitet freiwillig im Hogar.

Es war zu spüren, dass es für Giomar nicht einfach war, Estefania und Pablo in einer so deutlich spürbaren Innigkeit zu erleben.  Sie ist 21 und steht ebenfalls ganz kurz vor der Geburt, sie hatte in einer anderen Stadt studiert und sich dort in einen Mitstudenten verliebt, als sie schwanger wurde, hat er sie verlassen. Mit ihrem Kind das Studium fortzusetzen geht nicht. Sie hat Fernweh und möchte reisen, immer wieder fragt sie wie es in Deutschland ist, sie möchte, dass wir mal was Deutsches kochen, deutsche Musik hören, sie möchte Fotos sehn!  Ich habe ihr versprochen, dass wir kommenden Sonntag einen „Deutschen Tag“ machen werden…

Wir stellten fest, dass dies eine wirklich internationale Geburt werden würde: Estefania ist Kanadierin, Pablo Argentinier, Joanna Mexicanerin, Emma kommt aus Nicaragua und ich, die Deutsche.

Während des Abendessens nahmen die Wehen an Intensität zu und um 22 Uhr setzte sich Estefania bis Mitternacht in die Badewanne. Kurz nach 2 Uhr sprang die Fruchtblase, die Wehen wurden stärker und Estefania meinte, schon das Köpfchen ertasten zu können. Joanna saß vor ihr, bereit das Kind aufzufangen – aber nein, soweit war es noch nicht, der Kopf war erst in der Beckenmitte. Es ging langsam voran, denn die Wehen kamen weiterhin nur aller 5 Minuten. Seitenlage links, Seitenlage rechts, Aufstehn, Vierfüßlerstand, irgendwann ein Versuch auf dem Hocker und alles wieder von vorn, so drehten wir einige Runden… Estefania hatte eine erstaunliche Ausdauer und Pablo war stets an ihrer Seite, es war ein sehr liebevolles Beisammensein und eine schöne Stimmung, trotzdem es eine wirklich anstrengende Geburt war.

Schließlich, so gegen 6.30 Uhr war das Köpfchen deutlich tiefer und um 7.10 Uhr wurde der kleine Gaspar geboren.  Mit 3600 g ist er hier schon ein Riese (die Frauen sind ja oft nur 1,50 und natürlich sind auch die Babys kleiner!).

Um 8.00 Uhr kamen die anderen zur Arbeit, ich nähte einen kleinen Riss, wir frühstückten alle zusammen, nach 2 Stunden durchtrennte Pablo die Nabelschnur und aus einem Stück Plazenta wurde mit Papaya und anderen Früchten ein leckerer Drink gemixt, den die beiden zu sich nahmen. Pablo beerdigte die Plazenta im Garten unter einem Baum. Er war sichtlich ergriffen und sagte es war das intensivste Erlebnis, das er je gehabt hat, „Wenn jeder Vater die Geburt begleiten würde, das würde die Welt verändern!“

Die beiden blieben mit dem Baby noch bis zum nächsten Nachmittag im Hogar und fuhren dann nach Haus. Am nächsten Tag fuhr ich zum Hausbesuch.

Erwähnenswert ist noch, dass es in Lateinamerika üblich ist, dass die Frauen die ersten Tage nach der Geburt eine sehr breite Bauchbinde umlegen, ein Brauch, den ich unbedingt empfehlen kann! Ich lernte von Mary Hernandez, wie man diese Binde umlegt und werde es in Berlin einführen! J

Euch liebe Grüsse, Christiane

 

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