Hebammen der Meeresschildkröten

Erlebnisreiche 4 Tage liegen hinter mir! Im Bus und Colectivo fuhr ich nach Puerto Arista, ein kleines Dorf an der Pazifikküste, ca 6 Stunden entfernt von San Cristóbal. Für Mexicaner also sozusagen gleich um die Ecke – d.h. für diejenigen, die zum Reisen das Geld haben… alle anderen werden in ihrem Leben wenig über den Rand ihres Dorfes hinauskommen.

Den ersten Tag verbrachte ich vor mich hin dösend in einer Hängematte eines der vielen kleinen Strandrestaurants die allesamt ohne Gäste waren, genau wie der Strand. Es war so unglaublich heiß, dass ich zu keiner Bewegung fähig war, sogar zum Lesen fehlte mir die Kraft… Ich dachte an die 3 Tage die noch vor mir lagen und fragte mich, wie ich die überstehen sollte!  

Im Meer zu schwimmen ist sehr gefährlich, die Wellen waren nicht extrem hoch, aber es gibt eine so starke Strömung, dass man es kaum wieder zurück ans Ufer schafft, wenn man einmal den Grund verliert was leicht passieren kann, denn der Boden ist nicht gleichmäßig, sondern fällt manchmal einen Meter ab. Damit hatte ich nicht gerechnet, ich dachte, naja, bis Bauchnabelhöhe kann ja nix passieren… und weg war ich und spürte, wie ich hinausgezogen wurde. Kaltblütig erinnerte ich mich an alles was Frank mir jemals über Meereswellen und Strömungen beigebracht hatte, versuchte mich über Wasser zu halten und die Kraft der Wellen auszunutzen und schaffte es schließlich zurück ans Ufer.

Spätnachmittags raffte ich mich zum Laden an der nächsten Ecke auf, vor dem sich die Besitzerin schon seit Stunden auf einem Stuhl langweilte. Sie schien entschlossen, diesem Zustand ein Ende zu bereiten, begann ein Gespräch und machte mich mit jedem bekannt der vorbeikam, nun da das Dorf zum Sonnenuntergang langsam zum Leben erwachte. Ich erfuhr, dass die Urlauber schon seit 2 Monaten ausbleiben, weil die streikenden Lehrer tagsüber die Straßen blockieren (das bedeutet natürlich übrigens auch, dass seitdem an den staatlichen Schulen kein Unterricht stattfindet, ein Ende ist noch nicht abzusehen.)

Meine neue Freundin erzählte mir ihr Leben, sie kommt aus Guatemala und hat vor 12 Jahren hier hin geheiratet, ihr Mann ging vor 6 Jahren zum Arbeiten in die USA, sie hat 2 erwachsene Söhne und einen Sohn von 14 Jahren, für den der Mann ihr Geld schickt, ansonsten hört sie nichts mehr von ihm. Sie hat einen Freund hier im Dorf, der praktisch den ganzen Tag bei ihr verbringt, spät abends aber zu seiner Frau und seinen Kindern zurückkehrt. Ich will keine Scherereien, sagt sie, außerdem was soll ich meinem Sohn sagen, er würde sehr eifersüchtig sein!

Nina wohnt in ihrem kleinen Laden, dessen „Wände“ aus Metallgittern und Brettern bestehen, es gibt einen Fernseher, der ständig läuft, 2 riesige Ventilatoren – ahhhh! -, einen kleinen Gaskocher, eine Hängematte, die als Sessel oder Bett dient, ein paar Plastikstühle und hinter einem Vorhang das Bett und einen Tisch auf dem sämtliche Klamotten gestapelt sind, die sie und ihr Sohn besitzen. Das Bad ist gleich dahinter: ein Wasserfass und eine kleine Schüssel zum Duschen.

Ein paar Schritte von Ninas Laden entfernt steht ein Leuchtturm, ca. 30  Meter hoch. „Lass uns raufsteigen!“ sagte Nina. Der Leuchtturmwärter, Ninas Nachbar, schloss uns auf, wir kletterten hoch, genossen die frische Brise und sahen uns den Sonnenuntergang und das Dorf von oben an. Nina war begeistert, rief, winkte und pfiff jedem der vorbeikam. Es gab immer großes Hallo wenn sie uns von unten entdeckten. „Ich hatte immer Angst hier hochzuklettern“ sagt Nina, „das ist das erste Mal!“ Ihr Sohn, der grad vom Fußball spielen kam traute seinen Augen kaum als er sie da oben entdeckte. Ich lud die beiden zum Abendessen ein. „Das müssen wir feiern!“ sage ich. Enrique, der Sohn, war begeistert, wir überredeten Nina den Laden für ein Stündchen zu schließen, sie zögerte; vielleicht kommt ausgerechnet dann jemand und will etwas einkaufen… „Ich gehe nie aus“ sagte sie „ich bin immer im Laden!“ „Ja“ sagte Enrique, „Mama, nie kommst Du an den Strand, nie siehst Du wie ich Fußball spiele, nie gehst Du abends mit mir aus!“ „Das macht mich traurig“ sagt Nina „immer muss er allein alles machen und ich würde auch so gern öfter ausgehen, aber was soll ich tun, wir brauchen das Geld!“…

Ausgehen in Puerto Arista; das bedeutet, wir setzten uns 50 Meter weiter an einen der Tische, die nach Sonnenuntergang am Straßenrand aufgebaut werden und bestellten carne asada (gegrilltes Fleisch) mit scharfer Chillisoße.

Abends kommen die Leute aus ihren Häusern, die Straße verwandelt sich in eine Kette von Grillrestaurants, Erwachsene und Kinder genießen die laue Nacht, klapperdürre Straßenhunde erbetteln Essensreste. Enrique und Nina hatten sich schick gemacht, nach dem Essen bummelten wir zurück zum Laden, Enrique Hand in Hand mit seiner Mutter, er strahlte,  „Endlich, endlich gehen wir mal aus“! sagte er. Der Laden wurde wieder geöffnet, wir guckten fern und unterhielten uns, die Ventilatoren vertrieben die Mücken. Ab und zu kam ein Nachbar, kaufte eine Kleinigkeit, Nina erzählte allen ausführlich, was für ein erlebnisreicher Tag es heute war. Am nächsten Morgen kannte mich das halbe Dorf!

Vormittags machte ich eine Strandwanderung zum 3 km entfernten „Campamento Tortuguero“ von dem Nina mir erzählt hatte, der Station zum Schutz der vom Aussterben bedrohten Meeresschildkröten. Es gab ein ca 30 Jahre altes Schildkrötenmännchen mit einem Schädelbruch, das hier seit 3 Monaten in einem Wasserbecken gesundgepflegt wird, es war in die Schiffsschraube eines Fischerbootes geraten, ein Unfall, der sehr häufig vorkommt und leider meistens tödlich endet. 3000 bis 4000 tote Schildkröten werden hier jährlich!! auf einem Küstenstreifen von knapp 40 km Länge an Land gespült! In den 3 Tagen die ich im Campamento verbrachte fanden wir 3 tote Schildkröten, die wir begruben, ein trauriger Anblick…

Aber ich will Euch lieber die schönen Erlebnisse erzählen!

Ich sah mir das Camp an, ein Mitarbeiter erklärte mir die Arbeit, ich bemerkte, dass es eine Gruppe von jungen Leuten gab, die hier zelteten und erfuhr, dass dies Voluntäre sind, die 10 Tage mithelfen. Ich war von der Idee begeistert, bekam ein Zelt und verwandelte mich von einer Touristin in eine Schildkrötenhebamme!

Nach Einbruch der Dunkelheit geht hier die tägliche Arbeit es los: Mit 3 vierrädrigen Motorrädern fahren jeweils 3 Personen die 40 km Strand ab um die Schildkröten zu suchen, die nachts das Meer verlassen um ihre Eier abzulegen. In den Monaten Juli bis September kommen die meißten, im Oktober auch noch viele und dann werden es weniger, aber das ganze Jahr über legen sie ihre Eier ab. Die Eier werden eingesammelt und dann im Camp wieder vergraben, nach ca 45 – 55 Tagen schlüpfen die Schildkrötenbabys, werden eingesammelt und nachts am Strand freigelassen, sie laufen ins Meer und leben fortan bis ans Ende ihrer Tage im Ozean. Nur die Weibchen verlassen alle 3 Jahre zur Eiablage das Meer, die Männchen niemals. Meeresschildkröten werden ca 80 Jahre alt! Im Alter von 8 bis 12 Jahren werden sie fruchtbar und bleiben es bis ca zu ihrem 50. Lebensjahr.

Ihr werdet Euch fragen, warum die Eier eingesammelt werden. Leider ist es so, dass man das tun muss, da sie sonst geklaut werden. Schildkröteneier gelten als Aphrodisiakum. Ich glaube aber, sie werden gar nicht unbedingt immer mit dieser Intension gegessen, man isst sie halt. (Mexicaner essen übrigens sowieso unglaublich viele Eier…)

Schildkröten verbringen ihr Leben allein. Ein einziges Mal im Jahr trifft sich ein Weibchen mit einem Männchen zur Paarung. Ich habe vergessen, wie lange die befruchteten Eier dann reifen, aber das Interessante ist, dass das Weibchen nicht alle auf einmal reifen lassen und ablegen kann, sondern, daß sie 3 x im Abstand von ca zwei Wochen zur Eiablage ans Land kommt, das erste Mal können es über hundert Eier sein (Grösse und Form von Tischtennisbällen), ich habe einmal 128 Eier gezählt! Das zweite Mal sind es ca 70 – 90 Eier und beim dritten Mal weniger, etwa 40 -55.

Die Schildkrötenfrau kommt nachts aus dem Meer, sucht sich am Strand einen Platz und gräbt mit ihren Hinterbeinen/Flossen ein ca 30 – 40 cm tiefes Loch. Da hinein legt sie dann ihre Eier, immer zwei auf einmal. Die Eier haben eine weiche Schale, so dass sie nicht zerbrechen können. Sobald die Eiablage beginnt, ist die Schildkröte in einem Trancezustand und lässt sich durch nichts mehr stören, man kann sie berühren, mit der Taschenlampe anleuchten und ihr die Eier unter dem Hintern wegnehmen! Wenn sie fertig ist, gräbt sie die Eier mit ihren Hinterbeinen ein und klopft den Sand mit ihrem Panzer fest, indem sie sich mit ihrem ganzen Körper hin und her schaukelt, es hört sich an als trommele sie. (Sie hat ein Gewicht von etwa 50 kg) Dann geht sie ins Meer zurück. Alles zusammen dauert vielleicht eine dreiviertel bis eine Stunde.

Wir fuhren also nach Einbruch der Dunkelheit los. Es ist nachts noch immer so heiß, dass man kurzärmelig auf dem Motorrad schwitzt! Aber da die Moskitos sich auf einen stürzen, zieht man sich lieber lange Sachen an… Trotzdem sehe ich jetzt noch aus wie ein Streusselkuchen. Wir fuhren so mit ca 40 kmh den Strand entlang, um die Spuren zu suchen, die die Schildkröten im Sand hinterlassen und sie zu verfolgen, um die Stelle zu finden, an der sie ihre Eier abgelegt haben. Das ist gar nicht so einfach, denn es gibt noch jede Menge andere Tierspuren, aber nach einer Weile hatte ich mich „eingeguckt“. Natürlich sieht man, wo sie den Sand festgeklopft haben, aber das ist ein Kreis von etwa 2-3 m Durchmesser, um genau die Stelle zu erkennen braucht es Erfahrung, oder man stößt solange mit dem Fuß im Sand herum, bis man merkt, dass der Sand etwas lockerer ist. Dann gräbt man die Eier aus. Es ist wichtig, dazu saubere Hände zu haben, also keine Creme oder Insektenschutz zu verwenden, denn sonst kontaminiert man die Eier! Alles wird genau erfasst: Uhrzeit, Datum, Ort, wie viele Eier. Oft fanden wir die Schildkröten beim Suchen ihres Platzes oder beim Eierlegen, ich hielt meine Hände in das Loch und fing die Eier auf, ein beeindruckendes Gefühl! Joaquin, der Voluntär aus Tuxtla und ich, wir fühlten uns wie Eltern, die ihre Kinder erwarten!

Im Campamento werden die Eier dann wieder eingegraben, mit einem Schild, wie viele es sind und dem zu erwartenden Geburtsdatum. So kann man feststellen, wie viele Schildkrötenbabys ausschlüpfen, es sind so ca 85-90 %. Jede Nacht wird der Strand 3x abgefahren, d.h. 120 km insgesamt! Nach der Rückkehr im Morgengrauen werden die Eier eingegraben, dann schlafen alle, ab Mittag geht es weiter mit Saubermachen der Motorräder und der Gerätschaften, Einsammeln der geschlüpften Schildkrötenbabys und Säubern der leeren „Nester“. Und abends geht es dann wieder los mit Eiersammeln. Da wir Voluntäre da waren, überließen uns die Fahrer das Ausgraben und Zählen der Eier, sonst müssen sie all das allein machen, viel Arbeit! Jede Nacht fanden wir insgesamt etwa 40 Nester, leider auch einige die schon ausgeraubt waren. Es ist immer ein Wettlauf mit den Eierräubern aus dem Dorf. Natürlich wissen die Arbeiter, wer das ist, wir trafen auch einen und plauderten ein Weilchen mit ihm, er war genauso ausgerüstet wie wir, aber „offiziell“ war er unterwegs zum Fischfang. Laut Gesetz bekommt man 1 Jahr Gefängnis wenn man erwischt wird. Es herrscht aber ein stillschweigendes Abkommen zwischen dem Campamento und den Dörflern. Es macht keinen Sinn, sie anzuzeigen, denn die Polizei verdient ihr Bestechungsgeld, der Dieb kommt wieder frei und es macht böses Blut. „Wir müssen eben schneller sein als sie“ sagte Carlos, mit dem ich unterwegs war. „So ist Mexico!“ Er erklärte mir alles und beantwortete meine vielen Fragen, „Jetzt fährst Du!“ meinte er schließlich – ich war nicht besonders scharf drauf, meine Moped-Erfahrung liegt mindestens 30 Jahre zurück… Blamieren wollte ich mich aber auch nicht, also tauschten wir die Plätze. Es klappte super und ich hatte sogar Spaß dran, unter einem gigantischen Sternenhimmel über Sandstrand fahren, auf der Suche nach Schildkröten! Was will man mehr…

So vergingen meine 3 Tage wie im Flug und ich langweilte mich kein bisschen. Ich schwatzte mit den Arbeitern und den Freiwilligen, die aus Frankreich, Hongkong, Japan und Mexico kamen, wir verstanden uns alle bestens. Nachmittags spazierte ich ins Dorf um Nina zu besuchen und Kokosnüsse zu essen. Ich wäre gern noch länger geblieben und versprach wiederzukommen, zum Abschied schenkten sie mir eine Plüschschildkröte, ich war ganz gerührt!

Und nun bin ich wieder hier in San Cristóbal und versuche mich an die „Kälte“ zu gewöhnen!

Ich sende Euch liebe Grüße in den deutschen Herbst! Eure Christiane

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