Jemand stirbt und niemanden kümmert es!

Carolina, in deren Haus ich wohne, hatte mir schon öfter von einer älteren allein lebenden Frau aus der Nachbarschaft erzählt, die sie ab und zu besucht, einer offenbar sehr speziellen Person, mit der sonst niemand so recht was zu tun haben wolle, weil sie so einen herrischen Charakter hat, sagt Carolina. Die Frau kann sich nur noch in einem Gehgestell durchs Haus bewegen und schon seit Jahren nicht mehr ausgehen. Außer von Carolina bekommt sie oft Besuch von Zeugen Jehovas, die hier zahlreiche Anhänger haben…

Heut nachmittag kam Carolina von der Nachbarin und erzählte mir folgende Geschichte: der Neffe der Nachbarin, ein etwa 40jähriger Mann, der Alkoholiker war, sei gestorben – aber auf welche Weise! Er war vor 3 Tagen in einer üblen Verfassung ins Haus seiner Tante gekommen, hatte es noch bis ins Zimmer geschafft und war dann auf den Boden gefallen, spuckte jede Menge Blut, schrie vor Schmerzen und reagierte ansonsten auf gar nichts mehr. Die Tante rief die Ambulanz, die auch kam, besetzt mit Arzt und Krankenpflegern. Jedoch hatte der Mann keine Papiere bei sich, deshalb, so teilten sie mit, könne er leider nicht behandelt werden, sie fuhren also wieder ab! Die Frau rief ihre Verwandten an, die aber, aus welchem Grund auch immer, nicht bereit waren zu Hilfe zu kommen. Aber die Zeugen Jehovas kamen zu ihrem täglichen Besuch, verabschiedeten sich jedoch schnell als sie den Mann sahen und sind seitdem nicht wieder aufgetaucht. Der Mann blutete weiter aus Mund und Nase, schrie und jammerte, die Tante wusste nicht was sie tun sollte, hatte es aber wie auch immer geschafft, ihn auf eine Matratze zu zerren. Sein Schreien ging irgendwann in Wimmern über und heute früh starb er. Carolina hatte den Leichenwagen vor dem Haus entdeckt und war hineingegangen, da fand sie die Nachbarin – und jede Menge Verwandte, die nun da der Tote abtransportiert wurde gekommen waren, jedoch danach wieder gingen. Carolina versuchte die blutige Matratze aus dem Zimmer zu schleifen, aber sie war zu schwer, sie sagte der Frau, die völlig verzweifelt war, sie solle sich erst mal ins Bett legen und sie würde Hilfe holen. Wir kauften in der Apotheke gegenüber Chloroform und Gummihandschuhe und gingen zu dem Haus, in dem die Frau noch in ihrem Bett lag und jammerte. Mitten im Zimmer lag die Matratze , blutdurchtränkt, der Fußboden voller angetrocknetem Blut und es stank fürchterlich. Daneben lagen noch die Schuhe des Toten. Wir machten uns dran die Matratze auf den Hof zu schleifen und den Boden zu wischen, die Nachbarin jammerte und weinte „Dios mio, so ein wundervoller Mann war mein Neffe und jetzt ist er tot! Mein Gott! Und niemand hat ihm geholfen, ich war ganz allein, und die Zeugen Jehovas! Dios mio! Immer waren sie da und jetzt wo ich Hilfe brauchte sind sie nicht mehr gekommen! Ayyy, mein lieber Gott, die einzige die mir hilft ist diese Carolina und diese Cristi! Ayyy mein lieber Gott! Und jetzt ist er tot, jetzt ist er tot!“ – unterbrochen von Anweisungen, wie wir zu putzen hätten, in einer ganz anderen Tonlage.

„Er leidet jetzt nicht mehr, Dona. Da wo er jetzt ist geht es ihm besser, jetzt hat er keine Schmerzen mehr.“ sagte Carolina. „Ayyy, mein wundervoller Neffe, so ein guter Mann, wie hat er gelitten! Und ich konnte ihm nicht helfen! Ayyy Dios mio!“ „Aber Sie waren bei ihm, er war nicht allein und das hat er sicher gespürt“ sagte ich.

Während wir den Fußboden schrubbten kamen weitere Verwandte, denen es sichtlich unangenehm war uns zu treffen. Deshalb verabschiedeten wir uns schnell nachdem wir fertig waren. „Jetzt sind sie auf einmal alle da! In den drei Tagen in denen man sie gebraucht hätte, da ist keiner von denen gekommen!“ meinte Carolina.

 

Ich denke an den Totentag im kommenden Jahr und frage mich, ob sich diese Familie wohl auch am Grab versammeln wird?…

Ich bin schockiert über diese kollektive unterlassene Hilfeleistung. Wer weiß, was in dieser Familie alles vorgefallen ist… dass aber der Notarzt sich weigerte den Mann ins Krankenhaus zu schaffen, weil er keine Papiere bei sich hatte! Ich denke an Beto, meinen Freund aus Honduras. Er hat keine Papiere! Und ich frage mich, was passieren würde, wenn ich irgendwo verunglücke. Natürlich schleppe ich nie meinen Pass mit mir herum. Aber ich bin ganz offensichtlich eine „Erste Welt Ausländerin“ von der man vermuten würde, dass sie Geld hat. Würden sie mich da auch liegenlassen??

Ich frage mich und Euch: Was geht in solchen Menschen vor, können die noch ruhig schlafen? Was haben Menschen erlebt, dass sie so handeln können? Besser gesagt, was sind die Voraussetzungen dafür, dass Menschen NICHT so handeln KÖNNEN?!…

Mit vielen Grüßen, Christiane

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