Ein Besuch auf dem Dorf

Zusammen mit Mary Hernandez und ihren Kindern bin ich neulich auf ein Dorf gefahren, um Elsy zu besuchen. Bei meinem ersten Aufenthalt in Mexico Anfang des letzten Jahres war ich bei der Geburt ihres zweiten Kindes dabei und Elsy hatte mir in meinen ersten Wochen im Hogar die Grundlagen der mexicanischen Küche und Hauswirtschaft beigebracht! Ich hatte ja von nichts eine Ahnung – wie gesagt kann ich hier mit meinen gewohnten Kochkünsten keinen beglücken…

Wie die meissten anderen Frauen die im Hogar Hilfe suchen, ist auch Elsy in ihr Dorf zurückgekehrt und lebt mit ihren beiden Kindern, deren Väter über alle Berge sind, im Haus ihrer Eltern.

Wir fuhren in einem Sammeltaxi zwei Stunden über Berge und durch Täler, die wir allesamt leider nicht zu sehen bekamen, denn eine dichte Wolkendecke hüllte uns ein. Unsere Mägen registrierten aber sehr wohl die kurvenreiche Strecke, zumal der Chauffeur einen kühnen Fahrstil hatte. Iromi kotzte in die zu diesem Zweck von ihrer Mutter mitgeführte Tüte, während ich meinen Magen mit Atemübungen gerade so befrieden konnte. Die Taxifahrer kennen hier kein Erbarmen, angehalten wird nicht, Zeit ist Geld…

Elsys Dorf ist klein und ziemlich abgelegen, ich war angeblich die erste Ausländerin die dort zu Besuch kam und dementsprechend interessiert waren auch alle Leute denen wir begegneten. Elsys Vater besitzt 50 ha Land, einige Kilometer vom Dorf entfernt (Besitz haben hier im Allgemeinen glaube ich nur die Männer), auf dem die Familie Mais, Bohnen, Kaffee, Bananen und Kürbisse anbaut. Das heißt, er ist ein wohlhabender Mann.

Wir wurden sehr herzlich aufgenommen und die Wiedersehensfreude war groß! Außer Elsy , ihren Kindern und ihren Eltern wohnen noch zwei ihrer Schwestern mit ihren Männern und fast erwachsenen Kindern in den Häusern nebenan und der 13jährige Sohn einer weiteren Schwester die in San Cristóbal lebt wohnt auch bei seinen Grosseltern, die er Mama und Papa nennt. Also eine richtige Großfamilie.

Wir saßen in der Küche, einem einzeln stehendem Haus, um einen großen Ofen mit offenem Feuer auf dem gekocht und Tortillas gebacken wurden und aus dem es mächtig rauchte. Es war kalt und nur am Ofen war es auszuhalten. Elsys Mutter stellte die Maistortillas in einer rasanten Geschwindigkeit von Hand her und es sah ganz einfach und elegant aus. Ich bat sie mir das beizubringen und brachte trotz langer Übung keine einzige wohlgeformte Tortilla zustande! Elsys Neffe machte sich über mich lustig und meinte, so hätten die ersten Tortillas seiner Cousine auch ausgesehen als sie 3 Jahre alt war! Ich fragte ihn, ob er Tortillas machen kann, aber das war natürlich eine absurde Frage, denn Männer machen keine Küchenarbeit! Auch Elsys Vater sagte, dass er in seinem ganzen Leben noch probiert hat nie eine Tortilla zu machen.

Wir gingen früh zu Bett, einerseits der Kälte wegen, andererseits, weil auf dem Dorf früh um 5 Uhr der Tag beginnt, zumindest für die Frauen. Da wird der Mais entkernt, zusammen mit Kalk gekocht, gemahlen und daraus der Teig geknetet, aus dem dann die Tortillas zum Frühstück gebacken werden. Elsys Mutter hat eine mit einer Kurbel betriebene Mühle, früher musste sie schon um 3 Uhr aufstehn, um den Mais zwischen zwei Steinen zu mahlen!

Nach dem Frühstück ging es auf die milpa (Maisfeld). Ihr dürft Euch aber jetzt kein genmanipuliertes Maisfeld wie in Deutschland vorstellen! Hier sehen die Maispflanzen alle gar nicht einheitlich aus und die Bewirtschaftung geschieht ausschließlich von Hand. Es gibt viele unterschiedliche Maissorten; weißen, gelben und violetten Mais und von jeder Farbe wiederum mehrere Sorten. Zusammen mit Mais werden Frijoles (Bohnen) angebaut, der Mais dient den Bohnen als Rankhilfe. Die Maiskolben sehen grau und unscheinbar aus, aber wenn man sie entblättert hat, dann leuchten sie im schönsten gelb und violett!

Chiapas ist ja eine Berglandschaft und die Felder sind natürlich auch bergig, da es viel geregnet hatte war es eine rutschige Angelegenheit, sich auf den geborgten Badelatschen fortzubewegen ohne ständig im Schlamm zu landen. Außerdem gab es jede Menge Mücken, die sich gefräßig auf uns stürzten. Aber auch bunte Schmetterlinge und Blattschneideameisen, die in Reih und Glied auf ihren Ameisenstraßen langmarschierten, jede mit einem Stück Blatt auf dem Rücken. Die 5jährige Iromi  hatte Angst vor den Ameisen und schrie wie am Spieß wenn sie eine auf ihren Füssen entdeckte, während Marcus, der anderthalbjährige Sohn von Elsy versuchte, den Ameisen die Blätter zu klauen und es ihm gar nichts auszumachen schien wenn sie sich in seinen Händen festbissen.

Wir kamen vorbei an Kaffeebäumen und probierten die roten Kaffeebeeren, die süß schmecken. Nach der Ernte werden sie auf dem Dach des Hauses getrocknet, das Fruchtfleisch fällt ab und die Bohnen können geröstet und dann gemahlen werden.

Ich half bei der Maisernte, was mir (Elsy erzählte es mir später) die Anerkennung der Großmutter einbrachte. „Sie kann arbeiten! Sie könnte hier heiraten.“ Elsys Mutter schien mich ins Herz geschlossen zu haben, der Abschied war sehr rührend, sie wollte meine Hand gar nicht loslassen , „Ayyy Dios mio, wann kommst du wieder?“ sagte sie immer wieder und wischte sich mit den Zipfeln ihrer Bluse die Tränen aus den Augen. Ich versprach auf jeden Fall nochmal zu Besuch zu kommen.

Nach 2 lehrreichen Tagen fuhren wir durch dieselbe Waschküche durch die wir gekommen waren wieder nach San Cristóbal zurück, die Wolkendecke hatte sich immer nur momentweise gelichtet, so dass wir von der schönen Landschaft gar nicht viel gesehen haben. Nur auf den Feldern war es sonnig und heiß gewesen, denn sie liegen ein paar hundert Meter tiefer.

Ich war sehr begeistert gewesen, „Wie gut, dass Elsy so eine schöne Familie hat!“ sagte ich zu Mary, die auch meinte, „Ja, da hat sie wirklich Glück!“

Die Illusion der heilen Familie sollte ich aber schnell verlieren, vorgestern rief mich Elsy an und sagte mir, dass sie in der Stadt sei, ich dachte, sie würde ihre Schwester besuchen „Ah, prima, lass uns doch treffen!“ meinte ich. Wir gingen zusammen was essen, ich wunderte mich, denn Elsy kam mit ihren Kindern, zwei Rucksäcken und einer Tasche und meinte, sie wolle nach Vera Cruz (12 Stunden entfernt), um dort eine Arbeit zu suchen! Davon war ein paar Tage vorher noch gar nicht die Rede gewesen. Sie erzählte mir, dass ihr Vater sie geschlagen und in den Bauch getreten habe, vor ihren Kindern, auch ihr Neffe und ihre Mutter waren dabei gewesen! Ich war schockiert, niemals hätte ich gedacht, dass dieser freundliche Mann seine Familie schlagen würde! „Doch, na klar!“ sagte Elsy „so ist mein Vater, meine Mutter hat er viele Jahre ständig geschlagen, in den letzten Jahren ist es besser geworden. Es ist normal, dass die Männer hier schlagen. Aber ich will mich nicht mehr so behandeln lassen, ich habe gehört, dass man in Vera Cruz vielleicht Arbeit finden kann, ich muss kämpfen für meine Kinder! Stell dir vor, vor meinen Kindern hat er mich geschlagen! Ich hatte Angst, dass er auch noch Joanna (8 Jahre) schlägt!“ Ich erfuhr, dass der Vater Elsys Kinder beschuldigt hatte, sein Handy kaputtgemacht zu haben, Elsy nahm ihre Kinder in Schutz, in Wirklichkeit war es ihr 13 jähriger Neffe gewesen, das hatte sie gesehen. Das brachte ihren Vater so in Wut, dass er sie schlug und nach ihr trat. „Mein Neffe ist sein Liebling, er kann sich alles erlauben und er macht nichts, er wird von vorn bis hinten bedient“ sagte Elsy. „Aber er war doch dabei als Dein Vater Dich geschlagen hat, hat er da nicht gesagt, dass er es gewesen ist? Und deine Mutter, hat die nichts gesagt? Und deine Schwestern?!“ habe ich sie gefragt. Elsy sagte, ihr Neffe habe gelacht, ihre Tochter habe vor Angst geweint, ihre Mutter habe auch geweint und die Schwestern waren nicht dabei. „Niemand mischt sich da ein, das ist hier in Mexico ganz normal, fast alle Männer schlagen ihre Kinder und ihre Frauen! Aber stell Dir vor, vor meinen Kindern! Und er hat meinen Neffen nicht mal gefragt, sofort hat er mich geschlagen, nein, das lasse ich mir nicht mehr gefallen, ich muss kämpfen für meine Kinder!“

Wegen der Straßenblockaden durch die noch immer (seit 3 Monaten) streikenden Lehrer war aber wieder mal sämtlicher Verkehr lahmgelegt, so dass Elsy nicht weg kam. Wo sollten sie bleiben? Mary hatte Dienst im Hogar, sie übernachteten dort. Mary redete die halbe Nacht mit Elsy, allein mit deinen zwei Kindern in eine völlig fremde Stadt, das ist viel zu gefährlich! sagte sie. Und sie riet Elsy doch nochmal zu versuchen, mit ihren Eltern zu sprechen. Elsy hat eine starke Persönlichkeit und sie ist stolz.  Aber sie ließ sich von Mary, die ihr großes Vorbild ist, überzeugen. (Mary hat ja eine ähnliche Geschichte und hat es geschafft, sich von ihrer Familie zu lösen.) Schließlich rief Elsy noch in der Nacht ihre Mutter an, die sie unter Tränen bat wieder zurückzukommen und so fuhren sie  gestern wieder in ihr Dorf zurück. Ich habe noch nichts wieder von ihr gehört. Vermutlich ist es wirklich im Moment eine bessere Entscheidung als so überstürzt ins Ungewisse zu ziehn. Aber werden sie es schaffen, miteinander zu reden, wird Elsys Vater sich entschuldigen, wird er sein Verhalten ändern?…

Ich bin traurig und ich bin auch enttäuscht, in den letzten Wochen habe ich von so vielen schlimmen Geschichten erfahren… Und mein Eindruck von Elsys Familie war so gut gewesen… Es war auch ein bisschen wie eine Erleichterung; nicht alle schlagen ihre Frauen und Kinder, es gibt auch liebevolle Familien, ich kenne eine! Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass eben auch Menschen von denen ich es nicht vermute und die ich mag solche dunklen Seiten haben, dass es WIRKLICH nicht nur Randerscheinungen sind von Alkoholikern, die es hier viele gibt. Ich merke, dass ich ein ganz kindliches Schwarz-Weiß-Denken habe; die „Guten“, die ihre Frau und ihre Kinder lieben und die Gewalttätigen. Und jetzt sehe ich auf einmal wie naiv ich bin… Es arbeitet in mir. Ich habe öfter mit Mexicanern gesprochen, die solche Sachen sagen wie „Die Indigenos kriegen nur ein Kind nach dem anderen damit sie die auf die Straße schicken können um zu arbeiten.“ „Die saufen doch alle.“ „Die schlagen alle ihre Frauen und Kinder.“ … Negative Vorurteile und Klischees eben, ich mag solche Sprüche nicht.  Jetzt ahne ich, dass ich selbst einige Hoffnungen und Illusionen von „heiler Welt“ in mir trage, die ich genauso loslassen muss.

Viele Grüße an Euch von Christiane

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Eine Antwort zu Ein Besuch auf dem Dorf

  1. antje stillgruppentante schreibt:

    liebe christiane, ich liebe es, deine berichte zu lesen, danke! überall leben menschen, eigentlich sind sie wie du und ich, nur an der oberfläche unterscheiden sie sich. sei ganz herzlich gegrüßt!

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