Traditionelle Hebammen und Promotores de Salud auf dem Land

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Ein großer Wunsch scheint in Erfüllung zu gehn: ich kenne schon einige traditionelle Hebammen und wurde inzwischen eingeladen, sie bei ihrer Arbeit zu begleiten!

 

Sandra, die Koordinatorin des Hogar erzählte mir bald nach meiner Ankunft, dass das Hogar Kontakt zu mehreren traditionellen Hebammen eines Zapatistischen Dorfes hat und diese den Wunsch geäußert haben, sich zusammen mit den Hebammen des Hogar weiterzubilden. Sie fragte mich, ob ich die Fortbildungen übernehmen würde. Ich sagte ja, wobei mir diese Aufgabe großen Respekt einflößte.
Ich finde es natürlich sehr reizvoll, traditionellen Hebammen zu begegnen und von ihnen etwas über ihre Arbeit zu erfahren. Allerdings hatte ich auch etwas Scheu. Ich merkte, ich hatte Sorge, sie werden misstrauisch sein und gar nichts mit mir zu tun haben wollen. Ich fühlte mich unsicher. Ich empfinde mich gar nicht als eine die ihnen Wissen vermitteln kann, eher im Gegenteil, eigentlich fühle ich mich die ganze Zeit hier in Mexico als die, die was zu lernen hat. Und ich hab doch keine Ahnung, unter welchen Bedingungen die Hebammen in den Dörfern arbeiten…

 

Hier gibt es eine hohe Mütter- und Kindersterblichkeit in den indigenen Bergdörfern. Die Frauen haben meist zwischen 5 und 8 Kinder, nicht selten mehr. Weniger Kinder zu haben ist (laut den traditionellen Hebammen) gar nicht gut angesehen. Aber auch aus Unwissenheit wird Verhütung nicht praktiziert und in der Regel verweigern sich Frauen den Männern nicht, nicht im Alltagsleben und auch nicht in sexueller Hinsicht. Kaum eine Frau wird einen Mann dazu auffordern Kondome zu benutzen und für die Männer ist das normalerweise überhaupt keine Option.

 

Die Frauen die im Hogar Comunitario arbeiten, sehen das Hogar nicht in erster Linie als ein „Schwangerenheim“ oder Geburtshaus, sondern das Ziel aller Arbeit mit den Schwangeren ist,  dass die (indigenen) Frauen ein anderes Selbstverständnis – fast möchte ich sagen überhaupt ein Selbst-Verständnis erlangen.

Es geht  also nicht nur um Hebammenbetreuung in Hinsicht auf körperliche Gesundheit von Mutter und Kind, sondern um die Initiierung eines Emanzipationsprozesses. Diese Idee wird auch nach außen in die Dörfer getragen, es gibt regelmäßig Ausflüge um dort mit den Frauen Workshops zu machen, deren Themen sich um „gender“ drehen. Auch auf den monatlich stattfindenden Treffen für die ehemals im Hogar betreuten Frauen, die öfter ihre Mütter, Schwestern oder Freundinnen mitbringen, machen wir immer einen Workshop, in dem die Frauen dazu animiert werden, ihr Leben zu reflektieren, darüber nachzudenken, ob es ihren Wünschen entspricht – bzw. überhaupt darauf gestoßen werden, dass sie überlegen, welche Wünsche sie haben KÖNNTEN…

Ich habe manchmal den Eindruck, dass für die Frauen auf dem Dorf das ganze Leben mit Arbeit vollgepackt ist und sie einfach aus Gewohnheit funktionieren (müssen), dass sie noch gar nicht drauf gekommen sind, überhaupt irgendwas in Frage zu stellen, z.B. die Tatsache dass sie von ihrem Mann, den Brüdern, sogar den Söhnen geschlagen werden dürfen.

Der emanzipatorische  Anspruch des Hogar Comunitario deckt sich mit der Idee der Zapatistischen Befreiungsbewegung insofern, dass darin unter anderem auch die Gleichberechtigung der Frauen postuliert wird. Freilich, soweit ich inzwischen von den traditionellen Hebammen erfahren habe, ist das die Theorie – im Alltag sieht es eben leider auch in diesen Gemeinden oft anders aus.

 

Nachdem ich also den Auftrag angenommen hatte mit den Hebammen in Kontakt zu treten, fuhr ich vor ein paar Wochen in das etwa anderthalb Stunden entfernte Dorf, begleitet von Lena (der deutschen Hebamme, die wir über meinen blog kennengelernt haben) und Nantzin, einer Hebamme aus dem Hogar, die auch beide gespannt waren. Das Dorf, eine Streusiedlung von etwa 10 Gehöften, ist umgeben von vielen anderen kleinen Gemeinden. Es gibt dort ein autonomes (also Regierungs-unabhängiges) Gesundheitszentrum, dass von Josue, dem sehr engagierten Mann einer Hebamme und Promotor de Salud (das bedeutet in etwa „Förderer der Gesundheit“, oder „Gesundheitsbeauftragter“) vor etwa 3 Jahren gegründet wurde. Sie haben dort eine kleine Praxis die für alle Kranken offen ist, die Hebammensprechstunde und eine kleine Zahnklinik aufgebaut. Es arbeiten dort Josue, seine Frau und zwei andere traditionelle Hebammen (von denen eine 16 Jahre alt und seit 2 Jahren dabei ist) und ein 18 jähriger Promotor de Salud, der seit 2 Jahren, angelernt von einem Zahnarzt  der wohl auch mal voluntärsmäßig hier unterwegs war, alle Zahnbehandlungen durchführt, angefangen von Zahnreinigungen über Füllungen machen bis Zähne ziehen! (Das hat mich ehrlich gesagt am meisten beeindruckt…)

 

Wir wurden herzlich aufgenommen, besichtigten die Klinik, die Hebammen erzählten uns, dass mittlerweile immer mehr Kranke und Schwangere kommen. Sie arbeiten mit Kräutern und Naturheilmitteln, herkömmliche Medikamente  benutzen sie nicht, zumindest nicht in erster Linie. Sie sagten, dass es ein schwerer Prozess war und ist, Anerkennung zu finden, dass oft schlecht über sie geredet wird. Viele Schwangere erwarten z.B. den Einsatz von „Medizin, die die Geburt verkürzt“ (Oxytocin) und verstehen nicht, wieso die Hebammen das ablehnen. Sie suchen sich dann oft eine andere Hebamme. Ich war erstaunt (und enttäuscht) als ich erfuhr, dass es viele traditionelle Hebammen gibt, die ohne Bedenken Oxytocin einsetzen. Und zwar in hoher Dosis und als Spritze, nicht etwa in einem Tropf,  in grosser Entfernung zur nächsten Klinik und oft ohne Transportmittel  für eventuelle Notfälle…

 

Wir unterhielten uns stundenlang angeregt und machten gleich Termine und Themen für unsere Fortbildungen aus.  (Mittlerweile haben wir schon 2 realisiert – darüber werde ich demnächst mal berichten.) Auch erfuhren wir, dass am darauffolgenden Wochenende eine 2-jährige Ausbildung der zukünftigen „Promotores de Salud“ mehrerer Zapatistischer Dörfer beginnen sollte, Josue lud uns ein dabei zu sein und mitzuhelfen, es ginge um das Üben von Blutdruckmessen und Temperatur lesen. Natürlich würden wir kommen!!

 

Am Samstag morgen trafen wir mit Blutdruckapparaten und Thermometern ein,  „Ich möchte Dich was fragen“  meinte Josue zu mir, „kannst Du dieses Wochenende die Leute unterrichten?“  „Prost Mahlzeit“ dachte ich mir… „ Ähhhm… welche Themen denn?“ fragte ich. Ich erfuhr, dass das Curriculum vorsah, Vitalfunktionen, praktische Übungen (Temperatur, Puls, Blutdruck), Verdauungsapparat und Atmungsapparat zu unterrichten. Ich kehrte zu den anderen (Emma, Nantzin und Lena) zurück und teilte mit, dass ich mit ihrer Unterstützung rechne… Merkwürdigerweise war ich ziemlich gelassen und aus irgendeinem Grund nicht mal besonders überrascht. Dass Lenas Examen erst ein Jahr zurückliegt stimmte mich zuversichtlich… auf Wikipedia konnten wir nicht bauen, denn internet-Anschluß  gibt es hier nicht. Ziemlich pünktlich (für mexicanische Verhältnisse) begann Josue das Seminar mit einer langen Begrüßungsrede auf Tsotzil, die mit einem Gebet endete, ich sandte ebenfalls meine Bitten um höhere Unterstützung gen Himmel.

Es sind etwa 20 Leute; Frauen, Männer und Kinder, die Jüngsten sind 13 Jahre, die sich zu Promotores de Salud ausbilden wollen, um in ihren Gemeinden den Kranken zu helfen, bzw. die Gesundheit zu fördern. Viele von ihnen sprechen kein Spanisch oder nur rudimentär, vielleicht ist es deshalb nicht so schlecht, dass ich des „hochspanischen“ auch nicht mächtig bin, sondern mich eher einfach ausdrücke.

Ich erinnerte mich und die Leute an den Leitspruch der Zapatisten  „Fragend schreiten wir voran!“  – in diesem Sinne würden wir alle gemeinsam Lernende sein… Irgendwie klappte es. Wir waren nach den beiden Tagen sehr müde, aber stolz, das tatsächlich ganz gut geschafft zu haben. Ich war erstaunt, dass ich dabei so entspannt war und mir Ideen kamen, wie wir komplizierte Vorgänge wie z.B. Diffusion und Osmose  durch Spiele vermitteln könnten, ohne dass ich Zeit gehabt hätte, mir sowas vorher zu überlegen. Dass Josue meistens übersetzte und einiges nochmals verständlicher erklärte  war wohl nötig. Ihr müsst Euch vorstellen, dass alles was wir im Laufe unserer Kindheit und Jugend über unseren Körper (offensichtlich) gelernt haben, für die Leute hier meist neu ist, dass sie keine Vorstellung haben, welche Organe es im Körper gibt, wo sie gelagert sind und welche Funktion sie haben.

Neulich aß ich die Kerne einer Papaya und erzählte den erschrockenen Leuten, dass das ein Magenmittel sei und außerdem gut schmeckt, da sagte eine Frau, dass das gefährlich sei, denn es seien Samen und es könnten im Bauch Papayas wachsen. Ich sagte zu ihr, „Du isst jeden Tag Mais und frijoles, oder?  Das sind doch auch Samen, aber wachsen da Mais und frijoles in deinem Bauch?“ Das machte sie nachdenklich. Papayakerne wollte sie aber trotzdem sicherheitshalber nicht kosten. 

 

Ich bemerkte, auf welch abstrakter Ebene wir (in Deutschland) ständig denken und was für Wissen wir damit schon als gegeben voraussetzen – und wie ich überlegen muss, um mir selbst überhaupt die basics klarzumachen und sie dann noch anderen zu vermitteln…

 

Eine super Frage war z.B., wieso ist der Zucker in Coca-Cola schädlich und der Zucker aus Früchten ist besser??? Jetzt erklär das mal Leuten, die noch nie von Biochemie was gehört haben – mit dem Unterschied zwischen Einfachzucker und langen Kohlenhydratketten kannst du da nicht kommen…

 

Zwischendurch zweifelte ich manchmal daran, ob unsere Erklärungsversuche die Leute wirklich erreichen würden… Aber am Ende beider Tage machten wir eine Art Kreisspiel, bei dem Fragen beantwortet werden mussten, da zeigte sich, dass doch ziemlich viel angekommen war.

 

Ich glaube, in Deutschland hätte ich mir nie zugetraut unvorbereitet ein solches Seminar zu geben! Und warum? Weil ich da viel mehr Angst hätte, alle erwarten Spezialisten-Wissen und Power-Point-Präsentationen… Allerdings würde ich in Deutschland wohl auch nie in die Situation kommen ad hoc irgendein Thema zu unterrichten von dem ich selbst nur ein gehobenes Allgemeinwissen habe…  

 

Es ist aber eine wirklich gute Erfahrung, zusammen Antworten zu finden auf Fragen, die manchmal so einfach sind, dass man selbst gar nicht drauf kommt – und genau deshalb so schwer zu beantworten! Toll war auch, wie selbstverständlich Kinder zusammen mit Erwachsenen lernen – und dabei zu bemerken, dass die Erwachsenen mehr von den Kindern lernen als umgekehrt…  Ich habe selbst sehr viel gelernt durch dieses Seminar, weil ich mich wirklich anstrengen und nachdenken mußte… und im Nachhinein bin ich doch auch ganz erstaunt, wieviel Wissen in den hintersten Hirnzellen gespeichert ist und im Ernstfall zur Verfügung steht.

Es ist mir auch wieder so richtig spürbar geworden, wie dankbar jede/r sein müsste, dem Bildung so selbstverständlich zugänglich ist und wie wenig zumindest ich das bisher gewürdigt habe, das Bewusst-Sein, dass dies etwas wunderbares ist hat mir eigentlich gefehlt. Ich habe das schon oft gedacht; wenn ich José Luis sehe, der fast seine ganze Freizeit lernt und liest in der Hoffnung, dass seine Mutter es irgendwie schafft, ihm die nächsten Schuljahre zu finanzieren, damit er einmal studieren kann.  Oder als Valentin, der 13 jährige Nachbarsjunge, obwohl er hohes Fieber und Kopfschmerzen hatte, mich heute fragte, ob er meinen Computer benutzen kann, da ich doch grad nicht dran arbeiten kann (ich lag krank im Bett), er spart Geld für einen Computer und will einmal Informatik studieren.  Wie lange wird er da wohl sparen müssen?…

 

Ja, ich bedauere sehr meine Faulheit und Unlust am lernen in meiner Kindheit… Andererseits frage ich mich auch; wie kann sich Wissbegier entwickeln wenn Antworten schneller gelehrt werden, als sich überhaupt Fragen stellen??

 

Viele Grüße, Christiane

 

 

 

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