Reichen 6 Jahre Schule, um die Welt gerechter zu machen?

23Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs,

mein Name ist Stefan Ulrich. Christiane, die uns hier so anschaulich und interessant berichtet, ist meine Schwester. Über den Jahreswechsel kehrte auf dem Blog etwas Ruhe ein. Christiane war auf Reisen und wird uns an dieser Stelle davon sicher bald berichten. Bis es soweit ist, möchte ich die Gelegenheit nutzen, Eure Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Thema zu lenken.

Wie Ihr sicher alle wisst, ist Christiane nicht zum ersten Mal in Mexiko. Bereits von Januar bis April 2012 lebte und arbeitete sie im Hogar in San Cristóbal.

Damals berichtete sie vom Leben dort in Rundmails. Am 18. Februar 2012 (siehe unten) erzählte Christiane zum ersten Mal von einem Jungen, José Luis. Ein besonderer Junge, der mit seinen damals 12 Jahren lieber einen Ausflug in eine Bibliothek machen wollte als ins Kino oder in ein Fast-Food-Restaurant zu gehen. Und zwar, weil er sich etwas wünschte: Er hatte sich vorgenommen, die Welt gerechter zu machen. Er wusste auch schon, wie er das schaffen könnte – vielleicht, indem er einmal Jura studiert.

Als Christiane in ihrem Blogbeitrag vom 03. Oktober 2013 wieder über José Luis schrieb, erinnerte ich mich sofort an ihre Rundmail vom Februar 2012. Na klar, dieser Junge ist immer noch da, seine Situation ist immer noch dieselbe wie vor zwei Jahren. Er ist immer noch wissbegierig, hat Zukunftspläne und kann sie nur verwirklichen, wenn er sich dafür eine gute Ausgangsposition schafft. Alles steht und fällt für ihn offenbar mit seiner Schulausbildung, ob es ihm gelingt, einen höheren Schulabschluss zu schaffen.

Sicher habt Ihr als aufmerksame Leserinnen und Leser dieses Blogs aber bereits mitbekommen, dass es für José Luis´ Mutter Maria als alleinerziehende Indigena ein großes Problem darstellt, die Schulausbildung ihres Sohnes zu finanzieren.

Wie kann das sein, wo es doch heißt, in Mexiko sei die Schulbildung kostenlos (siehe z.B. hier: http://www.mexiko.mx/landesinformation/gesellschaft/)?

Wie alle wissen, die Kinder haben, ist es auch in Deutschland nicht damit getan, die Kinder einfach in die Schule zu schicken. Damit sie dort hinkommen, brauchen sie eine Monatskarte, das Schulessen gibt es nicht umsonst, Bücher, Hefte, Stifte, Klassenfahrten – da kommt einiges an Kosten zusammen. Im Gegensatz zu den Verhältnissen in Mexiko gibt es bei uns aber jeden Monat Kindergeld  ( Maria erhält nur ca. 50 Euro Kindergeld – aber im Jahr!), und wenn die deutsche Familie ein geringes Einkommen hat, gibt es z.B. die Bücher und das Schulessen umsonst sowie Zuschüsse für Klassenfahrten usw.

Diese Kosten fallen natürlich auch in Mexiko an, hinzu kommt dort auch noch eine Schuluniform, die jeder selbst finanzieren muss. Ein System der Sozialhilfe wie in Deutschland existiert in Mexiko nicht.

Ich habe auch erfahren, dass es in Mexiko nur eine 6-jährige Schulpflicht gibt. Warum wohl nur 6 Jahre? Weil dann viele Kinder bereits zum Familienunterhalt beitragen müssen, d.h. konkret, sie müssen arbeiten gehen. Besonders gilt dies für die Kinder der indigenen Völker. Laut Informationen die ich im Internet fand, gehen im Bundesstaat Chiapas ca. die Hälfte dieser Kinder überhaupt nur 3-5 Jahre zu Schule, erreichen also noch nicht einmal 6 Schuljahre (siehe z.B. hier, wobei die Zahlen bereits etwas älter sind: http://www.mexiko-Mexiko.de/mexlex/Bildung%20und%20Schulwesen.html).

José Luis hatte Glück, er konnte die gesamten 6 Jahre die Schule besuchen. Bald kommt seine Schwester aber auch in die Schule, wird Maria dann noch genug Geld haben, um auch ihn weiter in die Schule zu schicken? Und ginge er weiter zu Schule, dann könnte er nicht arbeiten und nichts zum Familieneinkommen beitragen.

Ein doppeltes Dilemma, und es liegt auf der Hand, was passieren wird: José Luis wird kein Jurist sondern sucht sich spätestens mit 15 Jahren einen Job, um seine Mutter, seine kleine Schwester und sich durchzubringen.

Aber was wird dann aus José Luis Traum, später einmal die Welt gerechter zu machen?

Wäre es nicht wunderbar, wenn er wirklich ein Anwalt werden würde und sich dafür einsetzen könnte? Vielleicht könnte er ein Politiker werden und etwas für die Verbesserung der Situation der indigenen Völker Mexikos tun!

Was steht zwischen diesem Traum und der Situation, in der sich José Luis und seine Familie derzeit befinden?

Dazwischen stehen für die nächsten 5 Jahre pro Monat zunächst einmal etwa 120 Euro.

120 Euro, also ca. 2150 Mexikanische Pesos für die Fahrt zu Schule, für eine Mahlzeit, für die Schuluniform, für Bücher … (die jährlich steigenden Preise mal nicht berücksichtigt – z.B. sind zum Anfang des Jahres 2014 fast alle Preise um 16 % gestiegen…)

Niemand weiß, was in 5 oder 6 Jahren sein wird. Vielleicht würde José Luis dann nicht Anwalt sondern Mathematiker werden wollen. Oder er würde vielleicht doch nicht studieren – wer weiß das schon. Eines aber ist schon heute klar: José Luis wird in 5-6 Jahren gar nicht erst die Chance haben, sich für oder gegen ein Studium zu entscheiden, wenn er seine Schulausbildung jetzt nicht fortsetzen kann.

Christiane und ich haben deshalb überlegt, ob man da nicht etwas tun könnte. Ich darf schon einmal ankündigen, dass Christiane in den kommenden Tagen zu diesem Thema einen längeren Beitrag hier ins Blog setzen wird. Und dann sehen wir mal, was noch so passiert. Also bleibt bitte dran und lest weiter auf https://hebammechiapas.wordpress.com

Beste Grüße

Stefan

Aus Christianes Rundmail vom 18. Februar 2012:

„Wir sind ja im Hogar fast nur Frauen, außer Mike, einem Psychologiestudenten aus Puebla, der für 5 Monate hier ein Voluntariat macht und Jose Louis, dem 12 jährigem Sohn von Maria Hernandez, ein scheuer Junge, der mir immer etwas verloren in dem ganzen Weiber- und Kinderhaufen erscheint, als einziger im Alter zwischen Kind und Jugendlichem.

Da hier immer und mit allen viele Späße getrieben werden, ist auch er öfter Mode und wird recht viel geneckt, manchmal frage ich mich, ob das nicht ein bisschen zu viel ist für einen Jungen dieses Alters, von den ganzen Frauen aufgezogen zu werden und er tut mir leid. Ich weiß auch, dass er ja diesen Vater hatte der immer betrunken war und Maria erzählte mal, dass, als sie den noch nicht rausgeschmissen hatte, dieser Vater seinen Sohn immer entweder völlig ignoriert oder beschimpft hat.

Jedenfalls, ich mag Jose Louis und wollte ihm eine Freude machen, aber was? Ich fragte ihn “Jose Louis, bist du eigentlich noch ein Kind oder schon ein Jugendlicher?“ Er meinte, „Weiß nicht“. „Ok“ sagte ich „dann entscheide ich, Du bist heute ein Kind“ und gab ihm auch Schokolade „obwohl ich mir vorstelle, dass es schwer für dich ist immer nur unter diesen ganzen kleinen Kindern…“  „Hmmm…“ brummte er. Ich sagte ihm, dass ich mit ihm mal losgehen will um mit ihm ein Geschenk auszusuchen und er sich überlegen soll was er sich wünscht. Er war verlegen, er guckt mich eigentlich nie direkt an und meinte nur „Hmmm“. Ich fragte ihn dann 2 Tage später, ob er schon weiß, was er möchte, er sagte ja. „Was denn“ fragte ich, da meinte er, er hätte es vergessen… Er ist wirklich sehr schüchtern, natürlich werden wir auch immer wieder aufgezogen über unsere Verabredung… Seitdem beobachtet er mich immer, wenn er meint ich merke es nicht. Am Montag nach der Schule werden wir losgehen :))“

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