Schulgeld für José Luis

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Ihr habt im letzten Artikel erfahren, dass mein Bruder und ich den Wunsch haben, José Luis, den 14 jährigen Sohn meiner Kollegin Mary darin zu unterstützen weiter zur Schule zu gehen, damit er später studieren kann.

Das bedeutet konkret, (derzeit) insgesamt monatlich 125,- Euro aufzubringen. Das ist eine überschaubare Summe und wir haben uns gedacht, es ist realistisch, über einen Spendenaufruf genügend Leute zu finden die bereit sind, über 5 Jahre jeweils eine kleine Summe monatlich dafür zu spenden, sozusagen ein kleines „Patenkollektiv“.

Ich habe mit Mary und José Luis über diese Idee gesprochen und Ihr Einverständnis für den Spendenaufruf eingeholt. Im blog habe ich schon einige Male über Mary und ihre Familie erzählt, aber es ist natürlich viel besser, wenn sie selbst zu Wort kommt und Euch berichtet. Deshalb habe ich Ende November ein Interview  mit ihr geführt, das Ihr nachstehend lesen könnt.

All das was ich hier an Lebensumständen erfahre geht natürlich nicht spurlos an mir vorüber. Ich fühle mich manchmal deprimiert, von so vielen scheinbar ausweglosen Situationen in denen Menschen sich befinden. Ich möchte etwas tun. Ich bin ein eher praktischer Mensch, der überschaubare Aufgaben braucht.  Großaktionen in der Öffentlichkeitsarbeit mit hohem Verwaltungsaufwand überfordern mich. Ich brauche eine persönliche Verbindung. Und ich würde mich freuen, wenn einige von Euch sich angesprochen fühlen von dieser Idee.

Der Wunsch mit dem ich mich heute an Euch wende ist, zu überlegen, ob Ihr Euch an der Aktion beteiligen möchtet.

Mein Bruder Stefan hat eine Internetseite erstellt, auf der Ihr die genauen Informationen  finden könnt: http://www.schulhilfe-chiapas.de

Wer sich entscheidet zu spenden, sende bitte eine Mail mit der Information über den Betrag an:

ichhelfejoseluis@schulhilfe-chiapas.de , damit wir einen Überblick bekommen, mit welchen Betrag zu rechnen ist.

Mit herzlichen Grüßen, Eure Christiane

Interview mit Mary Hernandez

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Christiane: Mary, bitte erzähl mir doch von deinem Leben, über deine Familiensituation und von Jose Luis.

Mary: Ja, also ich glaube, es gibt vieles zu erzählen über meine Situation, über mein Leben, meine Familie, den Vater meiner Kinder… also – gut, als erstes: mein Name ist Maria, ich bin 40 Jahre alt und habe 2 Kinder (Jose Luis, 14 Jahre und Iromi, 5 Jahre) und ich bin alleinstehende Mutter, mit der Unterstützung ihres Vaters kann ich nicht rechnen, er hat mir praktisch seit meiner Schwangerschaft mit meinem ersten Kind Jose Luis in keiner Weise geholfen.

Er kommt ab und zu und sieht die Kinder; ich sehe es so: er ist ihr Vater und ich kann ihn nicht vor meinen Kindern verstecken. Es ist besser, wenn sie ihn kennen. Jose Luis, versteht inzwischen besser was mit seinem Vater los ist. Irgendwie, finde ich, hat sein Vater Schuld an der Situation in der wir stecken – ich hab das Gefühl, ich hab alles gegeben, bis dahin meine berufliche Entwicklung hintenanzustellen (als sie schwanger wurde).

Christiane: Du hast mir mal erzählt, dass er 10 Jahre jünger ist als du.

Mary: Ja! Ich war 26 als Jose Luis geboren wurde und er war erst 16! Ich kannte ihn seit er 14 war. Ach Chris, ich wollte gar nichts mit ihm anfangen, er war ja viel zu jung! Aber wir waren jeden Tag zusammen, wir hatten uns sehr gern und als ich dann in Comitan war (eine Stadt etwa 2 Stunden entfernt, in der Mary während ihrer Krankenschwesternausbildung einige Monate Praktikum hatte) kam er immer wieder zu mir um mich zu besuchen…

 

Christiane: Wie hast Du ihn denn kennengelernt?

Mary: Er hatte die gleiche Geschichte wie ich. Er war auch aus seinem Dorf abgehauen um in der Stadt weiter zur Schule zu gehen. Wir haben in demselben Haus gewohnt, also, er hat in derselben Familie gearbeitet wie ich. Wir waren praktisch ständig zusammen. Und wir mochten uns sehr.

Als ich merkte, dass ich schwanger bin… Ayy, Chris, es war schrecklich… Ich sagte zu ihm, ich bin schwanger, was sollen wir jetzt machen! Er wollte auf keinen Fall ein Kind haben, er ließ mich fallen wie eine heiße Kartoffel.

Nach ein paar Wochen war mir immerzu schlecht und ich musste mich übergeben, die Patrona (Die Frau bei der Mary wohnte und arbeitete) wusste sofort was mit mir los war, sie fragte mich „Wer ist der Vater?“ Oh, es war schrecklich, sie schimpfte mit mir „Wie konntest du nur schwanger werden, du weißt doch genau Bescheid, du bist Krankenschwester! Und dann von diesem Jungen, das gibt’s doch nicht!“  Sie war sehr wütend und ich schämte mich furchtbar! Sie verlangte, dass wir heiraten!

Ich fühlte mich schrecklich, mein Bauch wurde immer dicker und der Vater von Jose Luis hatte sofort was mit einer Muchacha (Mädchen) angefangen, die auch im Haus arbeitete, er leugnete der Vater zu sein und sie waren beide sehr aggressiv zu mir und verlangten, dass ich rausgeschmissen werde. Aber ich war schon 14 Jahre in dem Haus und die Patrona war auf meiner Seite. Sie schickte schließlich die beiden weg ins Nachbarhaus.

Jose Luis Vater wollte von seinem Sohn nichts wissen, er ging irgendwann in die USA und kam erst zurück, als Jose Luis 7 Jahre alt war. Er besuchte uns und sagte es täte ihm leid und er wolle doch mit uns zusammen sein, eine richtige Familie gründen und noch ein Kind haben. Ich vertraute ihm, wir haben eine kurze Zeit zusammengelebt und er begann, sich wie ein zweites Kind zu benehmen, eifersüchtig und rebellisch. Aber ich war sofort wieder schwanger geworden. Ich realisierte erst nach einer Zeit, dass er Alkoholiker war! Wenn er betrunken war, war er sehr aggressiv. Also, es hat überhaupt nicht funktioniert, es ging uns sehr schlecht. Ich habe immer wieder mit ihm geredet, ich habe gesagt, ich helfe dir, mach eine Therapie! Manchmal sah es so aus, als wolle er sich ändern. Aber es wurde immer schlimmer und er war wütend auf mich, weil ich verlangte, dass er das trinken sein lässt. Später habe ich erfahren, dass er in den USA im Gefängnis war und sie ihn dann ausgewiesen hatten.

Das alles war eine – nun – nicht sehr angenehme Erfahrung für mich… naja, es hat mir insofern geholfen, dass ich realisieren musste, es geht einfach nicht, es geht nicht… Mittlerweile will ich es auch nicht mehr.

Ich hatte  mir immer gewünscht ein anderes Leben zu führen, Christi. Mein Traum war, eine gut bezahlte Stelle zu finden. Immer hab ich davon geträumt; wenn ich einmal Kinder habe, werde ich ihnen das Beste geben! Nicht, dass ich ihnen alles hinten und vorne reinstecke, sondern in dem Sinne, dass ich ihnen zumindest eine gute Schule und ein Studium an der Universität ermöglichen kann, wenn sie das wollen. Und nun … ich kann´s nicht, es waren nur Hirngespinste… ich kann ihnen das nicht geben. Und ich fühle mich ein bisschen… (schweigt bedrückt) … es wird immer schwieriger … (schweigt) … ich merke plötzlich … (schweigt) … was mich am meissten erschreckt: es ist nicht Traurigkeit, es ist mehr … ein bisschen Traurigkeit vermischt mit viel Angst was ich fühle.

Bald hat Jose Luis (seinen 14.) Geburtstag. Ich sage dir, ich bin soo stolz auf ihn! Er ist ein sehr intelligentes Kind, schon seit der Grundschule. Er hat schon an Landeswettbewerben  (sowas wie Mathematikolympiade des Bundesstaates Chiapas) teilgenommen und Plätze belegt. Ich bin so stolz auf ihn! Wäre nur sein Vater dabei gewesen! Andere Väter erleben das bei ihren Kindern und begleiten sie, aber ihn interessiert das nicht…

Abgesehen davon sind es aber die finanziellen Schwierigkeiten die mich hauptsächlich beschäftigen. Manchmal müssen wir zu Fuß von zu Haus in die Stadt gehen weil kein Geld mehr fürs Colectivo (Bus) da ist (Mary wohnt in einer der Siedlungen am Rand von San Cris, die Schule, der Kindergarten, sowie auch das Hogar sind in der Stadt, etwa eine Stunde Fußweg entfernt).

Jose Luis ging schon von Anfang an gern in die Schule. Schon mit 8 -9 Jahren, wenn ich fragte was er später mal am liebsten machen möchte: studieren.

Jetzt möchte er Jura studieren, oder was ihn noch interessiert – wie heißt das noch… irgendwas mit Automatisch… was mit Ingenieurwissenschaften… aber dieses Fach gibt´s hier in San Cristóbal nicht, das würde wieder noch mehr Kosten machen; Fahrtkosten, er müsste Miete zahlen, sich alleine was zu essen kaufen… ich denke JETZT schon daran, wie soll ich das machen??? Ich kann´s mir nicht vorstellen, ich sehe keine Lösung! Vielleicht bin ich auch blockiert? Vielleicht will ich keine sehn??

Christiane: Mary, Du denkst schon weit, weit voraus, ich glaube, das entmutigt Dich. JETZT ist doch erstmal wichtig, wie Du es schaffst, dass er die Prepa (sowas wie Abiturstufe) machen kann…

Mary: Ja. Ja…

Ach, Mensch, so geht das schon seit der Grundschule… ich hab immer alles drangesetzt, dass er in eine gute Schule gehen kann (hier gibt es grooße Unterschiede!…) und ihm ist das auch extrem wichtig!

Er war immer schon ein Kind „mit Köpfchen“ und jetzt ist er praktisch ein Jugendlicher – aber er benimmt sich eigentlich schon immer wie ein Erwachsener! Er hat immer Verständnis, nie meckert er rum oder macht irgendwelchen Mist. Er ist aufmerksam und denkt mit.

Klar, ich hab mir immer Mühe gegeben, mit den Kindern gut umzugehen, mit ihnen zu reden, ihnen alles zu erklären, sie nicht zu schlagen… Einmal hab ich ihn gehauen, er hat einfach nicht gehört und ich konnte mich nicht beherrschen… das belastet mich noch heute. Ich hab mir geschworen, das darf nie wieder passieren!

Weißt du, seit er etwa 6 Jahre alt ist hab ich irgendwie Angst, ich glaube das ist eine Macke, durch die Erfahrungen die ich gemacht habe: ich habe irgendwie Angst, dass wenn er in die Adoleszenz kommt, er sich total verändert und auf einen schlechten Weg kommt. (In den indigenen Dörfern ist es sehr verbreitet, dass die Männer sich betrinken und dann ihre Frauen, Kinder, Schwestern und Mütter schlagen.) Immer hatte ich diese Angst, bis heute! Warum? Es war ein schwerer Weg für mich, allein mit den Kindern und ich bin nicht sicher ob ich wirklich soviel Kraft hab zu verhindern, dass er abrutscht. Also, ich meine nicht, dass ich ihn kontrollieren will oder ihm vorschreiben was er zu tun hat, nein, nicht in dem Sinne. Ich glaube, das ist eher die Unsicherheit die ich in mir trage, trotzdem ich weiß, dass ich in mir schon viel sicherer bin.

Ich denke, es hat auch ein bisschen was mit der Geschichte seines Vaters zu tun. Ich hab eben viel Angst, dass er auch mit Drogen oder Alkohol anfängt. Darüber rede ich auch immer wieder mit ihm, ich sage ihm, das die Schule und das Studium die Voraussetzung sind für einen guten Beruf, damit er dann später das Leben führen kann, das er sich wünscht, und eines Tages wenn er selbst Kinder hat, er denen dann eine weniger harte Kindheit ermöglichen kann als er sie hat.

Aber trotz all der Probleme die wir haben, weil ständig das Geld fehlt; wir sind alle drei immer zusammen, wir sind immer füreinander da! Und da sehe ich schon einen großen Unterschied zu meiner Kindheit!

Jose Luis hat so ein liebevolles Verhältnis zu seiner Schwester, er hilft ihr in allem.

Was mir sehr gefällt ist, er liest viel, er ist verrückt nach lesen! (Das ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit, in den indigenen Familien wird normalerweise nicht gelesen)

Vor einem Monat kam sein Vater betrunken hier an und hat ihm 200 Peso (ungefähr 12 Euro) gegeben, die er mit seiner Schwester geteilt hat. Ich hab ihn gefragt, was er mit dem Geld machen will und er sagte, er will sich ein Buch kaufen. … (Schweigt) … Es hat mich ein bisschen… (beginnt zu weinen) … manchmal… manchmal denke ich: nicht mal ein Buch kann ich für meinen Sohn kaufen… er bittet mich niemals um irgendwas, nur einmal hat er mich um ein Buch gebeten, ich konnte ihm das nicht kaufen. Er hat mich nie wieder gefragt, Chris, nicht um ein Buch, nicht um Klamotten.

Sein Vater könnte sich auch mal dafür verantwortlich fühlen, aber ich hab aufgegeben, ihn daran zu erinnern, besser ich rechne nicht mit ihm und versuche irgendwie allein mit den Kindern durchzukommen, in Ruhe und Frieden mit den Kindern zu leben. Ich will ihn auch nicht mehr einbeziehen, wenn ich mir vorstelle, dass die Kinder miterleben, in welchem Zustand ihr Vater ist, wie gleichgültig ihm das alles ist…

Ich hab irgendwie aufgegeben an Gott zu glauben, nach all dem was passiert ist, auch wenn ich noch oft zu Gott bete, dass der Vater meiner Kinder irgendwann reflektiert was er tut. Aber ich kann nicht mehr, es ist genug.

(Er hatte irgendwann die ganze Wohnung zerlegt, Mary bedroht und Lose Luis, der mit 7 Jahren seine Mutter beschützen wollte angegriffen, so dass Mary mit den Kindern ins Hogar flüchtete, die Psychologin die Polizei alarmierte und er – für ein paar Tage – ins Gefängnis kam. Seitdem kam er regelmäßig, verlangte wieder einzuziehen und gelobte Besserung oder belästigte und bedrohte Mary, seit etwa einem Jahr kommt er nur noch sporadisch.)

Er regt sich darüber auf, dass Jose Luis kein großes Interesse an ihm zeigt wenn er mal da ist, aber das ist schließlich kein Wunder. Jose Luis ist nicht aggressiv zu ihm. Aber er sucht nie den Kontakt zu seinem Vater, er weiß wo er wohnt und hat seine Telefonnummer, aber er meldet sich nicht bei ihm.

Sein Vater ruft ihn nie an oder kümmert sich um ihn, aber er erwartet das umgekehrt von Jose Luis.

Aber, Chris, das ist kein Einzelfall, ich kenne so viele Frauen denen es hier so geht.

Ich erinnere mich, als Jose Luis klein war, weinte er immer wenn er irgendwie mitbekam, was den Frauen, mit denen wir im Hogar arbeiten passiert war. Er hat all die Frauen erlebt, die vorübergehend hier (im Hogar) gelebt haben. Ich habe versucht, ihm die Situation zu erklären und die Arbeit die wir hier machen. Er fragt mich auch viel. Und er kriegt alles mit. (Die Kinder der Frauen die im Hogar arbeiten kommen nach der Schule oder dem Kindergarten, d.h. mittags ins Hogar.)

Vor kurzem, als ich mir meinen Fuß verletzt habe und es so weh tat, sagte er aus Spaß zu mir: „Atme, atme – so als wenn Du ein Kind kriegst!“ Ich dachte das gibt’s doch nicht! Ja, ich glaube er weiß viel von all dem was hier vorgeht, manchmal, wenn Sandra (die Koordinatorin des Hogar) irgendwas wissen will fragt sie ihn – und er erinnert sich an alles!

Er liest viel, eigentlich ständig (im Hogar im Internet) und er weiß alle neuen Nachrichten, die Stadtgeschichte von San Cris kennt er besser als ich. Er hat nicht viel Lust rauszugehn, ich sage ihm immer, er muss doch nicht hier drin sitzen bis ich fertig bin mit arbeiten, aber er hat keine Lust nach Haus oder raus zu gehen. Er liest und liest, er geht immer erst mit mir nach Haus, nie vorher. Er hilft auch manchmal mit im Hogar, wie letztens, als wir das große Treffen mit allen Frauen hatten – ich habe ihn um Hilfe gebeten und er wusste genau, was zu tun war.

Mich macht aber traurig, dass ich ihm dann nicht mal zum Dank ein Buch kaufen kann. Manchmal sagt er mir, Mama, ich möchte dieses und jenes Buch unbedingt lesen, es geht da und da drum und ich kenne all diese Bücher gar nicht…

Ich sage Dir, mich besorgt der Gedanke; wie werde ich das alles machen, wie soll es weitergehen wenn er studieren will! Er hat seine Träume davon was er erreichen will. Ayyy Dios mio, wie werde ich das machen…

Letztens haben sie einen Aufsatz geschrieben darüber, wie sie sich als Erwachsene sehn. Er schrieb, er möchte Jura studieren und sich dann für die Rechte der Frauen einsetzen, ich glaube, das kommt durch das was er im Hogar erlebt. Und er möchte 2 oder 3 Kinder, mehr ist nicht gut, er könne sie sonst nicht genug unterstützen und sich so um sie kümmern wie es nötig ist. Er hat schon sehr klar was er will. Wie er mit seiner Schwester umgeht! Sie ist so aufgeweckt und fordernd aber er hat eine Engelsgeduld! Er passt auf sie auf, macht ihr zu essen wenn ich nicht da bin, er ist sehr verantwortungsbewusst. Ich glaube, er ist sich bewusst, dass ich praktisch Mutter und Vater in einem bin und mich das manchmal überfordert. Manchmal bin ich sehr müde, er sagt nie, dass er keine Lust hat irgendwas zu machen oder was andres zu tun hat oder gibt freche Antworten.  Ich  glaube er fühlt sich für zu vieles sehr verantwortlich. Er bittet mich nur um das Fahrgeld zur Schule, nie um mehr.

Seine Schulkameraden kaufen sich öfter irgendwas zum essen, er kann das nie, er muss immer ins Hogar kommen und hier mit uns essen. Das macht mich traurig, ich fühle mich oft irgendwie ohnmächtig. Immer, immer sind wir am Limit, wir können uns nie einfach mal kaufen was uns gefällt.

Aber, weißt Du Chris, andererseits bin ich sehr stolz drauf was ich geschafft hab! Ich hab viel gelitten und trotz dieser ganzen Einschränkungen wissen wir zumindest wo wir wohnen! Ich hab mein eigenes Haus und da kann uns wenigstens keiner rauswerfen.

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Christiane: Wie hast Du es geschafft, dass Du ein eigenes Haus hast, Mary?

Mary: Ayy Chris, ich sage Dir, ich habe soviel Glück! Ich habe es in der Lotterie gewonnen!

Christiane: Waaas??! Du hast wirklich ein Haus gewonnen?! Ich hab noch nie jemand getroffen, der in einer Lotterie wirklich was gewonnen hat!

Mary: Ja!! Ich habe wirklich so viel Glück, immer wieder in meinem Leben! Immer sage ich, dass ich ein Glückspilz bin! (wir lachen beide, Mary umarmt mich)

Christiane: Wie bist Du auf die Idee gekommen, in einer Lotterie mitzumachen?

Mary: Das ist eine Lotterie die die Regierung macht für Arme. Man muss sich bewerben um mitmachen zu können und man muss beweisen, dass man ein Einkommen hat, es darf nicht zu hoch sein und aber auch nicht zu niedrig, sonst lassen sie einen nicht mitmachen.

Christiane: ???

Mary: Wenn man gewinnt, bekommt man ein Haus, das die Regierung baut. Dann muss man monatliche Raten bezahlen, so wie Miete, aber wenn das Haus abbezahlt ist, dann gehört es Dir. Deshalb lassen sie nur Leute mitmachen, die ein Einkommen haben, damit das Haus auch abbezahlt wird, wenn Du nicht mehr bezahlen kannst, dann musst Du raus, und sie verlosen es neu, so geht es jetzt meinem Nachbarn… Aber mein Haus ist inzwischen abbezahlt! Ich habe jetzt alle meine Papiere! (Marys Haus ist natürlich kein „Eigenheim“ in deutschem Sinne!…)

Wir haben zwar kein Geld, aber wir haben das Haus und wenigstens wachsen meine Kinder ohne Gewalt auf. Was mir auch gefällt, obwohl wir ohne den Vater leben: dass wir gut zusammenleben, wir vertrauen uns, wir haben keine Geheimnisse voreinander. Es ist nicht so, dass jeder froh ist, wenn er den anderen nicht sieht! Wir essen zusammen, wenn ich mal nicht da bin macht Jose Luis das Essen für Iromi. Neulich sagte Jose Luis: „Wenn Du nicht da bist, dann fehlt das Herz des Hauses und das Familienoberhaupt.“  Sie wissen, dass ich die einzige bin, die sie haben…

Eine andere schmerzliche Sache ist meine (Herkunfts)Familie. Ich habe 3 Brüder, eine Schwester ist schon gestorben. Alle wohnen in einer Comunidad (indigenes Dorf), nicht weit weg, ungefähr eine Stunde. Auch meine Eltern leben da noch. Aber wir haben fast keinen Kontakt. Einerseits verstehe ich das, meine Eltern sind alt, es ist anstrengend für sie zu fahren. Ich kann nicht, es ist zu teuer. So sind wir fast ohne Kommunikation und Beziehung. Praktisch lebe ich allein mit den Kindern. Ich bin die einzige die in der Stadt lebt.

Ich wollte schon als Kind immer aus dem Dorf raus um zu studieren. Nach der Primaria hätte ich dann einen Schulweg von anderthalb Stunden in die Stadt gehabt, das wollte mein Vater nicht. „Du wirst uns nur ein Kind ohne Ehemann anschleppen!“ sagte er. Mit 12 bin ich deshalb eines Tages abgehauen. Ich konnte kein Wort spanisch, aber ich spürte eine große innere Kraft. Ich dachte, ich suche mir eine Arbeit, damit ich Geld verdiene und ich werde weiter lernen! Ich fand eine Arbeit – ich ging extra in ein Haus, wo keiner meine Sprache sprach – ich dachte, wenn ich immer Tseltal rede, wie werde ich dann Spanisch lernen und studieren können?!

Schließlich hab ich dann 22 Jahre in dieser Familie gelebt, das war fast wie meine Familie, ich hatte viel Glück mit ihnen. Wir haben immer noch Kontakt, sie mögen sehr meine Kinder! Ich hab dort gelebt bis kurz vor Iromis Schwangerschaft. Seitdem leben wir in meinem Haus.

Mein Traum war immer zu studieren, immer.

Als ich die Krankenschwesternausbildung beendete, hatte ich vor, weiter zu studieren. Ich hatte diese Energie immer in mir. Als ich dann mit Jose Luis schwanger wurde, das war wie ein Eimer kaltes Wasser über mir, ich dachte „Jetzt ist alles vorbei, alles!“ Mir war schnell klar, dass ich von Jose Luis Vater keine Hilfe erwarten konnte. Das war irgendwie das Ende, es war sehr schwer, die Schwangerschaft zu akzeptieren. Aber es hat viele innere Prozesse in Gang gesetzt, viele Veränderungen herbeigeführt. Ich habe viel geschafft, Träume sind geplatzt, aber andere Dinge haben sich ereignet – und ich bin vom Glück gesegnet – irgendwie…

Z.B., dass ich hier im Hogar angefangen habe: durch meine Krankenschwesternausbildung hatte ich nicht die leiseste Ahnung von Mitmenschlichkeit, praktisch habe ich ohne jegliches Mitgefühl meine Arbeit verrichtet, ganz kalt. Hier habe ich so viel gelernt, angefangen von meinem persönlichen Leben bis zu meiner Arbeitsweise.

Hier habe ich soviel verstanden: Frauen werden misshandelt und leiden, suchen keine Hilfe, werden vergewaltigt und geschwängert, verstoßen und mit dem Kind allein gelassen. Viele schaffen es nicht, einen Ausweg zu finden, sie kommen da nicht raus, werden immer wieder misshandelt…

Ich sagte mir; das will ich für meine Kinder anders! Immer wieder erlebte ich dieselben Geschichten und ich dachte mir; alles, aber das nicht! Deshalb hab ich es schließlich geschafft, den Vater meiner Kinder vor die Tür zu setzen.

Meine Tochter ist noch klein, da hab ich noch ein bisschen Zeit. Jose Luis ist ein Jugendlicher. Ich mache mir Sorgen, ja! Wenn die Leute hören, er hat keinen Vater: „Ah, der hat keinen Vater, na, der wird sowieso anfangen mit Drogen und saufen“ Das versetzt mich in Panik, ja! Aber ich merke, ich muss in mich gehen und reflektieren, dass das meine Ängste sind! Wenn ich mit ihm rede sagt er nur: „Mama, ich bin nicht blöd!“

Ja, es ist alles sehr schwierig – aber andererseits auch schön! Alles was wir bis jetzt geschafft haben, auch wenn wir nicht mit dem Vater zusammenleben! Ich denke, es ist wichtig, dass die Kinder ihn sehen, wenn er kommt, damit sie sich selber ein Bild machen können. Und ich sehe, dass sie ihn, trotzdem er so ist wie er ist, in irgendeiner Form brauchen, dass es für sie von Bedeutung ist, ihn zu kennen. Das ist wichtig für jeden Menschen, eine Mutter und einen Vater zu haben. Als er das letzte mal vorbeikam, sagte Jose Luis zu ihm „Hallo Papa“ – und er, obwohl er ihn sonst nicht mal begrüßt hat, hat ihn umarmt, das hat irgendwie mein Herz bewegt. Ich sehe, dass für Jose Luis sein Vater wichtig ist. Trotz alledem können wir nicht mit ihm leben. Das versteht er (der Vater) nicht.

Meine Tochter, für die ist es so normal: sie hat einen Vater, der kommt manchmal, dann freut sie sich, wenn er geht sagt sie „Tschüss Papa, lass dir´s gut gehen“ und das war´s. Sie ist dran gewöhnt, dass er nicht da ist.

Ich will nicht die Kinder gegen ihren Vater aufhetzen, das hat keinen Sinn, das vergiftet alles. Es kostet mich viel, denn ich habe nach wie vor ein Problem mit ihm, aber das ist meins.

Ich bin Mutter und Vater für meine Kinder, es gibt gar keine Frage, ich muss funktionieren, wer soll sonst für sie sorgen?

Ich trage viel Traurigkeit in mir. Ich habe Träume. Ich habe ein Haus, was noch immer nicht fertig ist. Ich muss überlegen wofür wir das wenige Geld ausgeben – Essen, ein Paar Schuhe, Schule…

Gott sei Dank bin ich fast nie krank.

Hoffentlich finden sich Menschen, die uns unterstützen können. Ich schäme mich, Almosen zu erbitten. Aber es wäre eine große Hilfe. Auch wenn es nicht viel ist. Vielleicht etwas. Das wäre auch eine große Motivation für Jose Luis, dass es Menschen gibt, die ihm was zutrauen, an ihn glauben. Sein Traum, studieren, Deutschland… Ich hoffe ja nicht, dass er so weit weg geht… aber dass sein Traum vom Studium sich erfüllt, das hoffe ich!

Christiane: Mary, danke! Ja, das hoffe ich auch, das hoffe ich wirklich!

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