(Mein) Alltag in San Cristóbal, Fragen, Zweifel und Krisen

San Cristóbal de las Casas – „el pueblo mágico” (der magische Ort) wie die Stadt ganz offiziell genannt wird ist als Wohnort sehr attraktiv.

Der Ort wurde in der Kolonialzeit gegründet und das Zentrum besteht aus schönen alten Steinhäusern. Ich werde auf die Stadtgeschichte jetzt nicht eingehen, sondern möchte ein bisschen über mein Alltagsleben hier berichten.

 

Vielleicht habt Ihr bisher den Eindruck gewonnen, dass das Leben hier völlig anders sei als in Deutschland.

Es gibt aber außer dem „Anderen“ vieles, das genauso in Deutschland oder sonst irgendwo auf der Welt anzutreffen ist. Und es gibt mit Sicherheit viele Leute, die hier fast genauso leben wie in irgendeiner Stadt in Europa.

 

Es gibt hier fast alles, was wir als Deutsche gewöhnt sind, angefangen von Supermärkten, Internetcafés, Kneipen, (Salsa)Diskos, Restaurants, ein Riesen- Kino mit schlechten Mainstreamfilmen ähnlich Cinemax, ein kleines Alternativkino mit guten Filmen und Dokus, Yoga-, Pilates, Tanz- oder Gesangsunterricht, Sprachschulen, Kurse und Workshops zu allen erdenklichen kreativen, spirituellen, politischen oder therapeutischen Themen, richtig gute (Privat)Schulen, eine Uni, Läden  mit Markenklamotten… Man muss nur das nötige Geld haben und man kann genauso leben wie in Deutschland.

San Cristóbal ist sozusagen eine Insel der nur vom Geld begrenzten Möglichkeiten. Nur 10 Kilometer weiter im nächsten Dorf sieht das Leben anders aus. Aber da wohne ich nicht…

 

Die Stadt hat etwa 120 000 Einwohner, die genaue Zahl weiß niemand, weil sie ständig wächst, da aus dem Umland immer mehr (v.a. indigene) Menschen auf der Suche nach Arbeit herkommen. Das Zentrum liegt auf einer Hochebene, ca. 2300 m ü.M. und ist von bewaldeten Bergen umgeben, die nochmal ein paar Hundert Meter höher sind und auf die die neuen Wohnviertel schon oft zu ¾ hochgebaut wurden (was bedeutet, dass der Wald abgeholzt wird um Fläche zu schaffen, das Holz wird für den Häuserbau verwendet). In diese neuen Viertel komme ich nur um jemanden zu besuchen. Öfter wurde ich gewarnt, dass Fremde dort nicht willkommen seien, ich habe aber keine schlechten Erfahrungen gemacht.

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Letztens habe ich mit Emma Sebastiana besucht, eine Frau, die wir noch von 2012 aus dem Hogar kennen und die mit ihrer Familie in so einem Außenbezirk ein Haus gebaut hat. Ihr Mann bestätigte uns, dass Ausländer nicht gern gesehen werden weil eine „Gringa“  – angeblich mit Minirock und ohne Unterhosen  – sich hier oben an den Waldrand gesetzt hat um die Selbstbestimmung der Frauen in der Kleiderwahl einzuklagen und damit die Leute provoziert hat. Ich kann mir das kaum vorstellen… Sebastiana bläute uns ein, dass wir den Leuten sagen sollen, zu wem wir wollen, damit wir keinen Ärger kriegen wenn wir kommen. Es guckte uns aber gar niemand komisch an.

 

Ich wohne nur 10 Minuten Fußweg vom Zocalo (dem Hauptplatz mit der Cathedrale) entfernt auf einem kleinen Hügel, direkt unterhalb der Guadalupe-Kirche, die die Stadt überragt.

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Mein Haus ist kein Kolonialbau, sondern aus Betonsteinen und hat zwei Stockwerke (meist gibt es nur eins). Ich wohne oben und habe große Fenster, so dass die Nachmittagssonne rein- und aufs Dach scheinen und das Zimmer schön erwärmen kann. Ich kann von hier aus über die Dächer die umliegenden Berge sehn. Es gibt eine große Terrasse, auf der ich in der Sonne meinen Morgenkaffee trinke und dabei die Wolken beobachte. Ich genieße es sehr, Landschaft und Berge zu sehn und nicht nur Häuserwände…

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Ca um 18.00 Uhr geht die Sonne unter, oft in spektakulären Farben.

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 Zur Arbeit laufe ich 25 min, ich könnte auch mit dem Colectivo fahren, aber das mache ich selten, denn mir gefällt es zu Fuß zu gehen.

Mein Haus liegt sehr zentral, aber trotzdem am Rande der Stadt, ich nehme den Weg direkt am Stadtrand entlang, da kann ich links von mir ein paar Felder und dahinter die Berge sehn. Wenn die Sonne scheint, ist es morgens schon so schön warm, dass ich mit kurzem T-Shirt losgehe, meinen Pullover und die Winterjacke in einem großen Rucksack auf dem Rücken, denn sobald die Sonne weg ist wird es sofort sehr kalt und man weiß nie so genau wie das Wetter sich tagsüber entwickelt. Auch in den Häusern ist es leider kalt und meist dunkel. Große Fenster sind hier nicht üblich. Im Hogar amüsieren sich alle über meinen Rucksack, „Cristi schleppt ihren ganzen Haushalt mit, hahaha…“ Die anderen kommen mit ihren dicken Jacken an, die sie den ganzen Tag nicht ausziehen, ich ziehe mich immer an und aus, je nach Temperatur.

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Ich gehe also eine Weile am Stadtrand entlang, begleitet vom lauten Gekrächze großer rabenartiger Vögel, die ein blauschillerndes Federkleid besitzen, dann biege ich ab, in Richtung Almolonga, eine belebte Straße – viel Verkehr, viele Läden: eine Bäckerei (voller „Pan coleto“ in verschiedenster Ausführung – eine Art Milchbrötchen, in Schweineschmalz gebacken, ganz frisch sehr lecker, später nicht mehr so…), eine Fleischerei, viele Gemüseläden, Tortillerias und noch mehr Läden mit „abarrotes“ („Tante Emma – Laden), dazwischen viele „bazares“ (second hand Klamotten) und auf dem schmalen Gehweg sitzen die ganze Straße entlang die Indigenas auf dem Boden, ihre Babys an der Brust und die kleinen Kinder um sich herum, um Mais, frijoles und Gemüse zu verkaufen. Ich überquere einen kleinen Fluss, dessen Wasser je nach Wetterlage (bei Regen milchkaffeefarben) gefärbt ist und nähere mich dem riesigen rauchenden Grill, auf dem schon am frühen Morgen Massen von Fleisch gebraten werden.

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Dann biege ich um die Ecke und laufe wieder durch eine weniger belebte Gegend…

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bis ich in die Straße Pancheco Luna einbiege, an deren Ende sich das Hogar Comunitario befindet. Auch in dieser Straße gibt es wieder kleine Geschäfte und mehrere Wäschereien. In eine bringe ich regelmäßig meine Wäsche, welch ein Luxus; ein paar Stunden später hole ich alles gewaschen wieder ab.

Mit den Wäschereien ist es so eine Sache, es gibt sie an jeder Ecke, aber nicht alle sind zuverlässig. Ich habe schon mehrere schlechte Erfahrungen gemacht. Bei einer musste ich sogar mal 2 Wochen auf meine Wäsche warten, weil immer geschlossen war oder die Besitzerin irgendeine andere Ausrede hatte, warum sie noch nicht fertig war. Schließlich fand ich heraus wo sie wohnte und rückte ich ihr nicht mehr von der Pelle, bis sie genervt mit mir in die Wäscherei ging, meine Wäsche in die Maschine steckte und ich sie noch nass endlich wiederbekam…

 

Wenn ich im Hogar ankomme, dann habe ich schon einen schönen Morgenspaziergang hinter mir und mindestens 20 Begrüßungen mit Leuten die mir unterwegs begegnen: „Buenos días!“ „Buenos días! Que le vaya bien!“ „Gracias, igualmente!“ („Guten Tag“  „Guten Tag! Alles Gute für Dich!“ „Danke gleichfalls!“), begleitet von einem Lächeln, oft auch einem Winken. Natürlich sind das Rituale, die wir in Deutschland auch haben wenn wir jemanden grüßen – nur grüßen wir nicht, wenn wir uns nicht kennen – jedenfalls nicht in Berlin…

Ich stelle fest, dass mir diese kurzen Augen-Blicke sehr viel geben, ein Gefühl von Freude; ich bin gesehen.

 

Meine regulären Dienste im Hogar Comunitario waren im letzten Jahr Donnerstags und Sonntags von 8.00 – 20.00 Uhr, d.h. dass ich dann die Verantwortliche war und an den anderen Tagen kam ich stundenweise, oder für Kurse, bzw. immer wenn Geburten waren oder ich besuchte auch mal Frauen zu Hause.

Jetzt haben sich meine Dienstzeiten geändert, ich bin Dienstags, Mittwochs und Freitags jeweils 6 Stunden im Hogar und außerdem zu Kursen, die ich an anderen Tagen mitmache oder leite.

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Über den Jahreswechsel hatte das Hogar während meines Urlaubs 3 Wochen geschlossen, d.h. es sind keine Schwangeren aufgenommen worden, weil nur Mary und Nantzin als Hebammen da waren und die können nicht zu zweit Tag und Nacht anwesend sein. Es wurde eine große Revision gemacht und mehrere Tage Supervision und Zukunftsplanung. Wieder eine Hebamme – die zweite seit September – hat aufgehört. Die finanzielle Lage ist nach wie vor ungeklärt, es müssen Anträge geschrieben und potenzielle Sponsoren gesucht werden. Von 13 festen Mitarbeiterinnen die ich im Jahr 2012 erlebt habe sind jetzt nur noch 7 übrig. Außerdem eine deutsche Voluntärin von „Weltwärts“, zwei Studentinnen aus Puebla und ich. Es ist nicht genügend Geld da um die Leute zu bezahlen. Oft arbeiten sie wochenlang ohne Lohn, bis mal wieder Geld für ein Projekt ankommt. Das kann natürlich nicht jede durchhalten.

 

Früher wurde das Hogar Comunitario von einer spanischen Organisation finanziell getragen. Seit der Wirtschaftskrise gibt es keine permanente Förderung mehr. Das drückt die Stimmung, niemand weiß, wie lange das noch durchzuhalten ist, alle hoffen, dass es Sandra, der Koordinatorin gelingt, neue Finanzierungsmöglichkeiten zu finden damit das Hogar nicht schließen muss. Seit langem hangeln sie sich von einer Finanzierung für ein einzelnes Projekt zur anderen.

Die Angebote an die Frauen sind mit dem Ausscheiden der Mitarbeiterinnen geschrumpft: es gibt keinen Alphabetisierungskurs und auch keinen Kurs für die Tonarbeiten mehr.

 

Im Moment wohnen keine Frauen im Hogar und es kommen nur wenige zu den Kursen (Geburtsvorbereitung, Gymnastik, Makramé, regelmäßige Veranstaltungen zu emanzipatorischen Themen), zu Therapiestunden mit der Psychologin und Schwangere, die noch nicht so weit sind und in San Cris wohnen zu den Vorsorgen.

 

Hier ist es natürlich nicht so, dass die Frauen das Hogar über google finden, viele können kein spanisch, bzw. nicht lesen, abgesehen davon dass sie keine Computer besitzen. Die Zielgruppe die wir haben muss anders erreicht werden. Immer wieder müssen persönliche Kontakte erneuert werden, die Frauen die das Hogar kennen müssen immer wieder angesprochen und zu den Treffen und Kursen eingeladen werden, wenn sie nicht in San Cris wohnen kommen sie nur, wenn ihnen die Fahrtkosten bezahlt werden.

Büros und Organisationen in denen viele indigene Leute verkehren müssen immer wieder neu persönlich aufgesucht und erinnert werden, dass es das Hogar gibt und  sie es doch bitte weitersagen, falls sie eine Schwangere in Not treffen. Es gibt mehr als genug schwangere Frauen, die in schwierigen Situationen sind, jedoch müssen sie durch eine vertraute Person vom Hogar erfahren, sonst kommen sie nicht.  

Ich habe beobachtet, dass die Kommunikation sehr oft abbricht, wenn man nicht ständig an den Leuten dranbleibt die man persönlich kennt und sich in Erinnerung bringt.

Die nächste Frau die mit ihren 2 Kindern (5 uns 3 Jahre) ins Hogar einziehen wird kommt Mitte Februar, 3 Wochen vorm Geburtstermin ihres 3. Kindes. Vorher waren die Frauen immer eine viel längere Zeit im Hogar. Aber das kostet natürlich viel mehr; sie müssen essen, es muss 24 Stunden immer eine von den Hebammen im Haus sein. Das ist jetzt mit 3 Hebammen, eine davon ich, eigentlich fast nicht mehr machbar, jedenfalls schwierig, denn wir kümmern uns nicht nur um Vorsorgeuntersuchungen bei den Schwangeren die hier wohnen und die von draußen kommen und um die Kurse, wir kaufen auch mit ihnen ein, putzen zusammen das Haus, kochen Essen

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und sind für den second-hand-Basar zuständig, den das Hogar betreibt, um mit gespendeten Klamotten ein paar Pesos für die Tortillas und andere kleine Ausgaben zu verdienen.

Eigentlich ist auch unabhängig von der „eigentlichen“ Arbeit mit den Frauen ständig irgendetwas zu tun – und immer kommt etwas dazwischen – trotzdem frage ich mich jetzt wo keine Frauen im Hogar wohnen oft abends, was habe ich eigentlich „geschafft“?! Ich merke, dass die prekäre Situation mich auch insofern frustriert, dass mir meine vertraute Arbeit fehlt, es gibt gerade wenig „Hebammenarbeit“.

 

Ich bin aber zuständig für die Weiterbildungen zusammen mit den traditionellen Hebammen vom Land die wir ca. einmal monatlich geplant haben.

Es ist eine Aufgabe, mit der ich mich gerade etwas überfordert fühle. Erstens bin ich keine Hebammenlehrerin, zweitens will ich mich auch nicht in der Rolle sehn: „Ich bringe euch jetzt bei wie ihr arbeiten müsst“, drittens gibt es die Sprachbarriere (manche können kein Spanisch), viertens gibt es die kulturellen und Bildungsunterschiede. Besonders letzteres macht mir zu schaffen.

 Der Standpunkt von dem aus ich die Welt und meine Arbeit wahrnehme ist ein anderer, das meiste was ich als Hebamme gelernt und ansonsten in meinem Leben erlebt habe deckt sich nicht mit der Realität der Frauen in den Dörfern. Abgesehen davon, dass ich vom Leben in den Comunidades noch immer viel zu wenig weiß, bin ich einfach anders. Mein Auftreten ist ein anderes. Meine Erfahrungen als Frau sind anders. Und auch meine Ansichten über Wissensvermittlung und Lernen passen hier nicht. Ich stoße an meine Grenzen und an die der anderen.

 In den Dörfern wird den Leuten von klein auf eingebimst was sie zu tun (und zu lassen) haben und nun erwarten sie genau das; eine klare Anweisung und Struktur von außen. Mir fällt es ungeheuer schwer, mich darauf einzustellen, bzw. will ich nicht nur mein Wissen direktiv vermitteln (unter den Bedingungen in den Dörfern ist vieles so wie ich es in Deutschland gewöhnt bin sowieso nur bedingt möglich…), sondern in Austausch treten. Das geht, aber es braucht ungeheuer viel Zeit. Im letzten Seminar haben wir schließlich nur ein Viertel von den geburtshilflich relevanten Themen geschafft, die ich mir vorgenommen hatte, ich war frustriert. Ich hatte das Gefühl ich habe mein eigenes Seminar nicht mehr im Griff. Andererseits fand ich es wichtig, erstmal über unsere Befindlichkeiten zu reden, darüber was in den Dörfern schwierig ist, über Fälle mit denen eine Hebamme überfordert war, Konkurrenzängste und Unsicherheiten im Umgang mit einer Hebammenkollegin, über alles was (scheinbar) in den Dörfern nicht geht, einfach weil es eben nicht üblich ist.

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Meine Hebammenkolleginnen aus dem Hogar sahen auf Nachfrage meine Seminare nicht so kritisch. Und die Hebammen aus dem Dorf fragten mich nach dem letzten Kurs, ob ich zu ihnen kommen und noch 3 junge Frauen ausbilden könne, die auch Hebamme werden wollen. Ich war entsetzt und dachte, Oh Gott, was sage ich denn jetzt!? Ich kann das nicht machen, ich hab das Gefühl, ich kann nicht einen Bruchteil von dem vermitteln, was notwendig ist um ein halbwegs gutes Gewissen dabei zu haben. Das was eine Hebamme, unabhängig von den viel schwierigeren Bedingungen auf den Dörfern, Materialmangel ect. meiner Auffassung nach alles wissen, können und tun sollte schaffe ich unmöglich zu vermitteln, didaktisch nicht und nicht rein zeitmäßig. Natürlich ist das eine sehr eurozentristische Definition von Hebammenwissen, aber ich kann mich davon nicht frei machen – und schließlich haben sie mich gebeten sie zu unterrichten.

 

Ich habe mich mit mehreren Leuten über meine Unzufriedenheit mit den Hebammenkursen unterhalten. So unterschiedlich die Gespräche auch waren, alle sagten mir, dass ich zu ungeduldig bin. (Mein leidlich bekanntes Lebensthema…) Aber ganz real gesehen fehlt mir auch tatsächlich die nötige Zeit, was sind 9 Monate… davon bleibt nun auch nur grade noch knapp die Hälfte!

 

Irgendwie vergehen hier die Tage viel schneller als in Deutschland – oder ich „schaffe“ weniger… Schon ein Gang in die Stadt, eigentlich ein Weg von nur 10 Minuten, dauert oft anderthalb Stunden! Ständig treffe ich Bekannte. Leute, die mich kennen, wenn auch nur flüchtig, begrüßen mich mit einer Umarmung, dann tauschen wir ein paar Belanglosigkeiten aus: „Wie geht´s? Was machst Du grad? Wohin gehst Du?“ Manchmal ergibt sich ein kurzes oder auch ein längeres Gespräch, dann zum Abschied wieder eine Umarmung und Tschüss! Eine Stunde später treffe ich vielleicht denselben Menschen – wieder das Gleiche… Die Umarmungen sind oft nicht nur so angedeutet wie es in Deutschland üblich ist wenn man sich nicht wirklich nahe steht, sondern sehr herzlich. Das macht, dass ich täglich jede Menge Körperkontakt habe, selbst wenn ich keine/n „wirklichen“ FreundIn getroffen habe!  – denn die meisten Bekanntschaften gehen seit 4 Monaten nicht über diese „Umarmungszeremonien“ hinaus.  Ich kann mitteilen, dass dies irgendwie trotzdem sehr nährend ist.

 

Ich kenne mittlerweile so viele Leute, dass ich es leider schon nicht mehr schaffe, mich mit all denen zu treffen, die ich eigentlich gerne einigermaßen regelmäßig sehn würde… Zum Beispiel sehe ich Gerdi und ihre Familie leider sehr selten, weil wir alle immer mit irgendwas beschäftigt sind…

 

Freitag abends singe ich in einem Chor und einmal in der Woche nehme ich eine Gesangsstunde. Samstag vormittag gehe ich zur Meditation. Beides Sachen, die ich schon ewig mal anfangen wollte und bisher nie begonnen hatte…

 

Wenn ich nachmittags Zeit habe, besuche ich meist Beto, meinen Honduranischen Freund, der auf dem Markt seinen Schmuck herstellt und verkauft. Ich setze mich eine Stunde dazu, schwatze mit ihm und stricke dabei. Beto lebt immer „von der Hand in den Mund“; er macht schönen Schmuck – aber das machen hier ´zig andere ebenso…Wir gehen öfter zusammen essen.

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Ich bezahle die Rechnung und er bezahlt seinen Anteil daran in Schmuckstücken, das ist unsere Abmachung. Ich backe ihm öfter Kuchen oder Brot, er mag das deutsche Brot, das begeistert mich, denn die meisten stehen hier nicht drauf…

 

Nicht weit vom Markt wohnt Armando, den ich auch schon vom letzten Jahr kenne. Armando hat Jahre lang die Welt bereist und ewig in den USA gelebt, vor knapp 3 Jahren ist er zurückgekehrt und irgendwie hier hängengeblieben. Er ist ein (Lebens-)Künstler, Freidenker und großer Skeptiker, der unter der eingeengten Weltsicht der Leute leidet, die sich für nichts anderes interessieren als für das was sie kennen, sagt er. Es ist sehr spannend, mich mit ihm zu unterhalten, weil ich genau das interessant finde, was ihn frustriert: das Leben hier. Das Witzige ist, dass wir im Grunde oft einer Meinung sind und doch, in Bezug auf das Leben hier, so anders empfinden. Neulich stellte er fest: „Dein San Cristóbal heißt Berlin!“ Auch er liebt deutsches Brot!

 

Ich habe auch meine „Stammkneipe“, eine Taqueria um die Ecke, in die ich öfter abends gehe und die von einem jungen Mann aus Mexico City betrieben wird. Ich sitze immer am Tresen, schaue zu wie die tacos gemacht werden und unterhalte mich mit ihm. Seine Vision ist genügend Geld zu sparen um sich auf dem Land ein Grundstück zu kaufen. „Was wirst du dann dort machen?“ fragte ich ihn. Er meinte, er wird ein paar Tiere halten, das Land bewirtschaften und dort autonom leben. Ich bin ganz überzeugt, dass er das verwirklichen wird. Er sammelt (hier pfandfreie) Exportbierflaschen – ja es gibt auch deutsches und aller Herren Länder Bier hier! – um sie als Bausteine für sein zukünftiges Haus zu benutzen, die Wände wird er dann mit Lehm verschmieren.

 

In meinem Haus geht es sehr ruhig zu, jeder geht seiner Wege, ein „richtiges“ WG-Leben gibt es nicht. Ich bin damit total zufrieden, denn ich mag es noch immer gern, für mich zu sein und ich verbringe viele Stunden allein in meinem Zimmer.

Ich unterhalte mich aber oft mit Carolina, einer französischsprachigen Schweizerin, die schon 8 Jahre hier wohnt und eher verschlossen ist. Ich mag sie gern, so langsam lernen wir uns mehr kennen. Wir laufen öfter zu einem kleinen Wasserfall außerhalb der Stadt, durch den Wald. Dort besuchen wir Che, den Hund von Carolina, der vor ein paar Wochen gestorben ist und da begraben liegt. Es gibt noch einige Hunde, die da leben und die Carolina alle kennt und füttert. Straßenhunde gibt es in San Cris sehr viele und alle scheinen mit Menschen mehr schlechte als gute Erfahrungen gemacht zu haben, denn sie sind sehr misstrauisch und scheu.

 

So verbringe ich meine Tage, anders als bei meinem ersten Aufenthalt, nicht ausschließlich im Hogar sondern habe noch ein „anderes Leben“. Es ist mir dadurch erst bewusst geworden, was für ein einseitiges Bild vom Leben hier in Chiapas ich damals aufgebaut hatte. Vieles was es hier, ähnlich wie sonst irgendwo auf der Welt gibt, war gar nicht zu mir durchgedrungen. Aber die Realität ist vielschichtiger. Und vieles was die Menschen und ihr Leben unterscheidet wird vermutlich eher durch (den Zugang zur) Bildung determiniert als durch das Land in dem sie leben oder die Ethnie der sie entstammen.

 

Ich grüße Euch aus San Cristóbal!

Eure Christiane

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