Ein Seminar über (Arbeits)Rechte der Frauen

Bild

Letztens haben Yamile, die Studentin aus Puebla und ich ein Seminar zum Thema „(Arbeits)Rechte der Frauen“ gegeben. Ich habe mich deshalb über die mexicanischen Frauen- und Arbeitsrechte im Internet belesen. Es geht interessanterweise viel um sexistische Themen und welche Rechte Frauen im Falle einer Schwangerschaft haben. (Es interessiert mich jetzt direkt, die deutschen Arbeitsrechte mal zu studieren… hab ich nie gemacht!) Aber trotzdem gesetzlich alles geregelt ist; die Realität existiert völlig unabhängig von all den schönen Rechten, die auf dem Papier stehen.

BildIn der Regel haben Frauen die als „Hausmädchen“ arbeiten keinen Vertrag, weder schriftlich noch mündlich, können oft nicht lesen, haben manchmal keine Papiere und können so ihre Rechte, nicht einfordern oder gar einklagen. Ich musste feststellen: sie wissen gar nicht, dass sie – theoretisch – Rechte haben. Mehr noch: mit dem Begriff „Recht“ konnten die Frauen aus den Dörfern überhaupt nichts anfangen, das ist nicht ihre Lebensrealität.

Wir begannen also damit aufzuzählen, was die Frauen tagtäglich in ihrer Familie und auf der Arbeit erleben und als UNgerecht empfinden (mit diesem Wort konnten sie durchaus etwas anfangen!). Da kam vieles zur Sprache: Wenn der Mann sagt ich habe still zu sein und mir verbietet meine Meinung zu äußern, die Männer schlagen uns und behandeln uns schlecht, wir leiden unter Gewalt, die Kinder leiden, es gibt Gewalt die Mütter gegenüber ihren Kindern ausüben, ich (eine unverheiratete Frau von Ende 20) darf nicht ohne Erlaubnis meiner Eltern das haus verlassen (kein Einzelfall!) …

Auch zwei in Unternehmen angestellte Frauen (also mit Schulbildung) berichteten, dass sie vielfältig diskriminiert werden, insbesondere weil sie alleinstehend sind, d.h. also über keinen männlichen Schutz verfügen. Man(n) nimmt sie nicht ernst und sie sind eher in der Gefahr Übergriffe zu erleben oder herumkommandiert zu werden, als andere Frauen, die Partner (oder Väter) haben. Es kam auch zur Sprache, dass kaum eine Frau sich wagt, etwas dagegen zu sagen, aus Angst die Arbeit zu verlieren oder gemobbt zu werden.

Frauen die Kinder haben, werden immer gefragt, wer diese im Krankheitsfall betreut. Falls sie alleinstehend sind, und keine Oma vorweisen können, die die Kinder betreut finden sie kaum eine Arbeit.

Die Situation der alleinstehenden „Hausmädchen“ ist natürlich noch prekärer, denn sie sind allein im Haus angestellt und haben keine Kolleginnen und sind davon abhängig wie ihre „Patrones“ mit ihnen umgehen. Sie trauen sich nicht zu protestieren oder die Stellung zu kündigen, da in der Regel ihr Überleben (und das ihrer Kinder) davon abhängt. So kommt es oft vor, dass sie unterbezahlt werden, ihre Arbeitsinhalte und Arbeitszeiten nicht definiert sind und sie oder ihre Kinder (auch sexuelle) Übergriffe hinnehmen.

Schließlich war eine Erkenntnis des Seminares, dass es eine neue Erfahrung und erleichternd und wichtig ist, sich mit den anderen Frauen über solche Erlebnisse zu unterhalten.

Immer wieder stelle ich in den Seminaren fest, dass die Frauen über Probleme, Ängste, Gewalterfahrungen normalerweise nicht kommunizieren, sondern damit für sich bleiben.

Die Perspektive wäre, sich bestenfalls zu verbünden und zu zweit oder zu mehreren dem Chef, dem Kollegen (oder der Kollegin, denn oft sind es Frauen die ihre eigenen Geschlechtsgenossinnen unterdrücken) entgegenzutreten, bzw. für die „Hausmädchen“ sich Rat und Hilfe zu suchen, denn es gibt hier in San Cristóbal eine „Vereinigung der Hausangestellten“ in der engagierte Frauen arbeiten.

Außerdem sprachen wir darüber, wie wenig die Integrität der Kinder respektiert wird und wie üblich es v.a. in den Dörfern ist, dass nicht nur Väter, sondern auch Mütter ihre Töchter weniger wertschätzen als ihre Söhne, bis dahin, dass es vorkommt, dass Töchter für etwas Geld einfach als Hausmädchen verkauft werden! Mädchen werden von Anfang an dahingehend erzogen, dass sie Vätern und Brüdern zu gehorchen und sie zu bedienen haben. Kinder werden oft auch geschlagen oder lieblos behandelt wenn sie nicht „spuren“. Und die Erziehung der Kinder liegt größtenteils in der Hand der Frauen. Ich stellte den Frauen eine provokante Frage: „Warum schlagt ihr die Kinder wenn sie Euch stören oder unartig sind, wenn Eure Männer; Brüder oder Väter Euch schlecht behandeln warum schlagt Ihr die nicht auch?“ Ungläubiges Gelächter: „Weil sie viel stärker sind als wir!“ Ich fragte; „und wie fühlt sich Euer Herz wenn ihr beschimpft, herumkommandiert oder geschlagen werdet?“ „Das Herz hat Angst, es ist traurig und schwer“ und wohin mit alle diesen Gefühlen von Angst, Trauer, Enttäuschung und Wut? Sie entladen sich auf den Kindern. Die Mädchen werden wenn sie erwachsen sind ihre eigenen Kinder wieder schlagen und die Jungen wenn sie älter werden beginnen zu trinken, schlagen Schwestern, Mütter und später ihre Frauen und Kinder. Eine Frau sagte „Vivimos en un circulo de violencia.“ Wir leben in einer Gewaltspirale. Wir kamen zu dem Schluss, das wir (Frauen) unser Verhalten den Kindern gegenüber mehr reflektieren müssen und selber eine große Verantwortung tragen, anders mit Kindern umzugehen, damit sich in der Zukunft etwas im Geschlechterverhältnis ändern kann.

Bild

Bild

Zum Abschluss sammelten wir alles was den Frauen nun zu ihren Rechten einfiel:

–         Das Recht erklärt zu bekommen was wir nicht verstehen

–         das Recht zu fragen und unsere Gefühle zu äußern

–         das Recht gehört zu werden

–         das Recht respektiert zu werden

–         das Recht geliebt zu werden

–         das Recht um Hilfe zu bitten und sie zu erhalten

–         das Recht teilzunehmen

–         das Recht „Nein“ zu sagen

–         das Recht Hilfe zu suchen

–         das Recht das Leben zu genießen

–         das Recht unabhängig zu sein

–         das Recht weiter zu lernen

–         das Recht auf ein Leben ohne Gewalt

–         das Recht auf eine Arbeit die die Frau SELBST wählt

–         das Recht auf Gesundheit

–         das Recht während der Schwangerschaft weiter zu arbeiten (und nicht aus dem Haus der „Patrones“ geworfen zu werden)

–         das (bestehende) Recht in Anspruch zu nehmen, einen Monat vor und einen Monat nach der Geburt frei zu nehmen

–         das Recht während der Schwangerschaft keine schweren Arbeiten verrichten zu müssen

–         das Recht während der Schwangerschaft nachts nicht arbeiten zu müssen

–         das Recht für die gleiche Arbeit denselben Lohn zu erhalten wie ein Mann

–         das Recht bei der Arbeitssuche auf Fragen wie „Bist Du verheiratet? Bist Du schwanger? Wie viele Kinder hast du und     wer betreut die?“ nicht antworten zu müssen

–         das Recht eines Kindes auf einen Namen und eine Identität

–         das Recht eines Kindes NICHT zu arbeiten, sondern spielen zu dürfen

–         das Recht eines Kindes in die Schule gehen zu dürfen

Bild

BildUnd das alles in 2 Stunden! Manchmal geht es doch schneller tief als erwartet…

 

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s