Kurse leiten im Hogar…

Meine Arbeit im Hogar dreht sich nicht nur um Themen die mit Schwangerschaft zu tun haben oder Dinge die im Haus zu erledigen sind – ich weiß gar nicht wie es passiert ist… – plötzlich finde ich mich wieder als die Leiterin von Seminaren über Themen mit denen ich mich eigentlich vorher nie beschäftigt hatte…

Ich habe schnell gemerkt, dass ich mir über meine Inkompetenz nicht zu viele Sorgen machen muss, denn eine abstrakte und wissenschaftliche Ebene wird nicht von mir erwartet und wäre auch völlig fehl am Platz. Es geht eher darum, das jeweilige Thema auf eine persönliche und Alltagsebene zu beziehen. Die Herausforderung für mich besteht v.a. darin, dass ich mit meiner Auffassung und Erfahrung von Kursleitung kaum was anfangen kann. Was in Deutschland funktioniert und an Gruppendynamik passiert, das klappt hier nicht.

Ich bin immer wieder unsicher wenn ich Seminare mit indigenen Frauen mache. Das was ich an Kommunikation von anderen gewöhnt bin findet hier so nicht statt. Die indigenen Frauen sind sehr zurückhaltend und schweigsam. Auch Nachfragen hilft da meist nicht. Und so finde ich mich oft wieder als Alleinunterhalterin, ehrlich gesagt weiß ich dabei nie wirklich, ob das was ich da erzähle jemanden erreicht.

Ich finde es anstrengend wenn kein Austausch zustande kommt und leider reden die Frauen oft nicht. Zum einen liegt es daran, dass sie die spanische Sprache zwar scheinbar halbwegs verstehen, jedoch nicht oder nur wenig sprechen. Das kann ich natürlich gut nachvollziehen. Oft sagen sie auch, dass es ihnen peinlich ist spanisch zu sprechen. Wenn Mary Perez dabei ist und übersetzt, äußern sich die Frauen leichter, aber ich habe (ich muss zugeben mit Erleichterung) beobachtet, dass es auch in den Seminaren die Mary Perez leitet oft vorkommt, dass niemand was sagen will und dass auch sie es nicht schafft die Frauen zum Sprechen zu animieren, an der Sprachbarriere allein liegt es also nicht. Auf Fragen wie es ihnen geht, antworten sie IMMER „gut“ oder „zufrieden“ oder „weiß nicht“.

Wenn eine Frau gebeten wird sich vorzustellen, sagt sie in der Regel: „Ich heiße …, ich komme aus dem Dorf… und ich habe … Kinder.“ Mary sagte im letzten Seminar darauf: „Ich wollte nicht wissen woher du kommst und wie viele Kinder Du hast, ich möchte wissen: WER bist Du?“ Darauf eine Antwort zu finden ist schwer für die Frauen. Nach dem was ich bisher von ihrem Leben in den Dörfern erfahren habe, scheint es mir, sie haben sich das Fühlen und vielleicht auch das Denken abgewöhnt, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Sie funktionieren einfach. Zumindest haben sie sich das Reden abgewöhnt…

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Mary Perez – am Anfang – und am Ende ihres Seminares…

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 Eine Frau von Ende 20 erwähnt nebenbei, dass sie nie ohne Erlaubnis des Vaters das Haus verlassen darf. Alle Frauen stehen mitten in der Nacht auf um mit der Küchenarbeit zu beginnen und sie arbeiten ununterbrochen bis sie ins Bett fallen. Sie finden es nicht verwunderlich, dass diese Frau vom Vater so behandelt wird, denn das ist normal. Sie dürfen nicht ihre Meinung zu irgendwas sagen, geschweige denn Kritik äußern. Sie werden nicht gefragt wie es ihnen geht, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass es jemand WIRKLICH wissen will.

 In meinem letzten Seminar, das auch wieder sehr zäh verlief kam mir folgendes Ereignis zu Hilfe:

Irgendwann in meinem ganzen langen (gefühlt hilflosen) Monolog rennt Maria, die 7jährige Tochter von Caro (geistig behindert und gehörlos) plötzlich zum Tisch, schnappt sich eine Teetasse, schüttet sie aus, schmeißt sie auf den Boden und fängt an hektisch mit Armen und Beinen herumzufuchteln. Ich beuge mich zu ihr runter, damit ich in ihr Blickfeld gerate „Komm hoch“ sage ich und will sie auf den Arm nehmen, zack hat sie meine Haare erwischt und zerrt mit aller Kraft daran. Ich schnappe sie, sie lässt sich fallen wie ein nasser Sack, ich ziehe sie hinaus auf den Hof „Caro“ sage ich, „bitte bleib mit ihr draußen und beruhige sie, es hilft nix, es ist zu viel für sie.“ Ich kenne Maria schon, denn sie wohnt seit 3 Wochen mit ihrer Mutter und ihrer 5 jährigen Schwester Evelyn im Hogar. Maria ist ein ruhiges und freundliches Kind, aber schnell erregbar und dann wird sie aggressiv reißt an den Haaren, versucht einem die Brille von der Nase zu schlagen, wenn man sie an die Hand nehmen will lässt sie sich fallen und windet sich einem wie eine Schlingpflanze um die Beine, nimmt man sie auf den Arm schlägt sie wild um sich.

Caro (22 Jahre) lebte mit ihren Kindern und ihrem Mann seit einem Jahr auf der Straße und arbeitete auf temporären Märkten im Süden von Mexico. Die Familie stammt aus Guatemala und ist ohne Papiere hier. Die Frau des „Patron“ für den Caros Mann arbeitet brachte Caro 4 Wochen vor ihrem Geburtstermin ins Hogar. Weil die Kinder bisher den ganzen Tag über weitgehend sich selbst überlassen waren kennen sie natürlich keine Regeln und es ist ziemlich anstrengend mit ihnen. Wir sind gerade dabei mit Caro zu üben, ihre mütterliche Autorität in liebevoller Weise einzusetzen…

 Alle Frauen im Seminar haben schweigend aber interessiert das Geschehen verfolgt. Ich entschließe mich diese Gelegenheit zu nutzen und frage die Frauen ob sie sich erinnern wie mit ihnen umgegangen wurde, wenn sie als Kind Erwachsene gestört haben. „Ich wurde geschlagen.“ Die anderen bestätigen das. „Wie fühlt sich dein Herz wenn du geschlagen wirst?“ frage ich. „Mein Herz ist schwer und traurig wenn ich beschimpft werde oder geschlagen“ und alle nicken dazu. „Wie ist es heute im Dorf werden die Kinder da auch geschlagen?“ „Ja…“ „Was meint ihr, wie fühlen sich Eure Kinder wenn sie geschlagen werden?“ „Sie sind traurig im Herzen…“ „Warum schlagen wir unsere Kinder, wenn wir doch wissen, wie es im Herzen schmerzt?“ frage ich. „Weil wir nicht wissen was wir anderes tun können.“ sagt eine Frau. „So hat man es uns beigebracht.“ meint eine andere.

„Hat Caro ihre Tochter geschlagen?“ frage ich. „Nein“ Wir schauen aus dem Fenster in den Hof. Dort sitzt Caro mit Maria auf ihrem Schoß und kämmt ihr die Haare. Maria ist ganz ruhig und spielt mit den Haaren ihrer Mutter. „Guckt mal Marias Herz ist jetzt bestimmt nicht traurig! Wir können viel von Caro lernen“ sage ich.

So kommt es dank Maria nun doch dazu, dass die Frauen von ihren Erfahrungen erzählen und auch Fragen stellen.

 Wie in fast in allen Seminaren, egal ob es um Selbstwahrnehmung, Selbstbewusstsein, Rechte, Kommunikation, Gewaltpräventation oder sonst irgendein Thema handelt, wir landen letztendlich immer wieder beim selben Problem: es herrscht eine große Unsicherheit und Hilflosigkeit im zwischenmenschlichen Bereich, es wird nicht geredet, jedenfalls nicht über Gefühle oder Probleme. Frauen und Kinder werden nicht gewertschätzt, sie werden misshandelt und in ihrer Würde verletzt. Sie lernen nicht liebevoll miteinander umzugehen. Sie lernen nicht sich selbst wertzuschätzen. Sie lernen nicht sich abzugrenzen. Sie lernen nicht ihre Meinung zu äußern und miteinander über Probleme zu reden. Frauen lassen ihre Hilflosigkeit, ihre Angst und ihre Wut an ihren Kindern aus. Kinder wachsen zu Männern und Frauen heran… Männer lassen ihre Hilflosigkeit, ihre Wut und Ängste an Frauen und Kindern aus…

Immer wieder versuchen wir, den Frauen Möglichkeiten aufzuzeigen, anders miteinander umzugehen. Die Frauen die wir im Hogar begleiten erleben eine neue Form des Zusammenlebens und genießen dies ganz offensichtlich auch, sie beginnen zu vertrauen, öffnen sich langsam und dann beginnen sie zu kommunizieren. Frauen die in den Dörfern leben und nur zu den Seminaren kommen haben es viel schwerer damit.

 Ich stelle mir die Frage, wie nachhaltig all das ist, was wir immer wieder in den Seminaren besprechen, ob es den Frauen wirklich möglich ist kleine Veränderungen herbeizuführen… Die Seminare richten sich ausschließlich an Frauen, die Macht und das Sagen in den Dörfern aber haben die Männer.

Es ist tröstlich, dass ich persönlich einige Frauen kenne, die sich wirklich emanzipiert haben. Aber diese leben alle nicht mehr in ihrem Dorf! Sie gehören nicht mehr zu ihrer Dorfgemeinschaft und ihrer Familie und ich weiß, sie leiden darunter. Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft spielt eine überragende Rolle, mir scheint sie steht vor allem anderen. Die meisten Menschen bringen jedes Opfer, um die Zugehörigkeit nicht zu verlieren, egal wie schlecht es ihnen in ihrer Gemeinschaft geht – sie gehören dazu.

Mir scheint, dass dies ein entscheidender Unterschied zur Lebensauffassung in Deutschland ist. Für viele von uns steht Individualität vor Gemeinschaft, wir lösen uns schneller aus Umständen die uns nicht gefallen oder nicht gut tun, auch um den Preis der Einsamkeit. Aber natürlich können wir uns das auch leisten, unser Überleben ist gesichert, dadurch das wir Zugang zu Bildung haben, einen Beruf ausüben und Geld verdienen können und falls wir das nicht können oder wollen gibt’s eben Hartz 4…

 

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