Ein Fest auf dem Dorf

Mary Hernandez erzählte mir, dass der Vaters von Iromi und José Luis sie auf einem seiner sporadischen Besuche auf das Fest zu Ehren des heiligen Sebastian ins Haus seiner Familie eingeladen hat. Ich war erstaunt; „Willst du denn da hin gehen?“ fragte ich sie. Schließlich sind die Familienverhältnisse ja nicht die harmonischsten… Mary meinte, sie wolle auf keinen Fall allein hinfahren, nur unter der Bedingung dass ich sie begleite, würde sie mit Iromi kommen, das hätte sie ihm auch gesagt. „Er war einverstanden und er hat gesagt, dass Du Fotos machen kannst!“ (Im Municipio von Chamula, zu dem die Gemeinde gehört normalerweise streng verboten…) Jose Luis wollte auf keinen Fall mit, außerdem hatte er Schule. Natürlich, ich war sehr neugierig, so eine Gelegenheit bietet sich nicht alle Tage, außerdem war ich gespannt den Vater von Iromi und Jose Luis leibhaftig kennenzulernen… „Mary, du bist noch nicht fertig mit ihm, stimmts?“ „Ja“ sagte Mary, „ich hab sehr klar, dass ich auf keinen Fall mit ihm wieder was anfangen werde, ich will nicht mit einem Trinker leben der sich nicht um seine Kinder kümmert. Aber es schmerzt mich immer noch und ich denke sehr oft an ihn, ich bin noch nicht frei…“ „Lass uns fahren!“ sagte ich.

Das Dorf aus dem Mario stammt und in dem er seit ein paar Jahren wieder lebt ist kaum 15 Autominuten von San Cristóbal entfernt, wir überquerten den nächsten Berg – und schon waren wir da, in einer völlig anderen Welt.

Bild

Wir näherten uns dem Gehöft mit gemischten Gefühlen und traten ein. Dafür, dass wir eingeladen waren war der Empfang sehr zurückhaltend, genauer gesagt man registrierte uns sehr wohl, schenkte uns aber keinerlei Beachtung. Die Frauen saßen alle auf dem Boden und waren mit dem Fädeln von Ketten beschäftigt, einige beobachteten uns verstohlen und tuschelten miteinander, die meisten ignorierten uns. Die Männer saßen auf den hier üblichen niedrigen Stühlen oder standen in Grüppchen zusammen. Wir standen eine Weile so da, einige Kinder näherten sich zögernd und betrachteten uns neugierig. „Siehst Du denn Mario irgendwo?“ fragte ich Mary. Da ist er, flüsterte sie und deutete auf einen der Männer. Schließlich kam endlich eine Frau aus dem Küchenhaus und begrüßte uns, es war die Schwester von Mario. Wir bekamen Stühle und einen Platz vor der Küche zugewiesen. Wir waren die einzigen Frauen, die auf Stühlen saßen und die einzigen ohne Tracht – nun ja, ich wenigstens hatte eine traditionelle Bluse angezogen, wenn auch von einem anderen Dorf… Nach einer Weile kam Mario, begrüßte uns kurz und gesellte sich wieder zu den Männern. Wir saßen auf unseren kleinen Stühlen und sogar Iromi (5 Jahre) die sonst nicht gerade ein ruhiges Kind ist wirkte eingeschüchtert. Aber es dauerte nicht lange, dann ging sie zu ihrem Vater, der in der Männergruppe saß und fragte ihn irgendwas, kam zurück erzählte uns was er gesagt hatte und lief wieder hin, so ging es eine ganze Weile, Mary und ich grinsten uns eins; natürlich ist es nicht üblich dass Kinder sich einfach zwischen die Männer drängen wenn die damit beschäftigt sind ihre Zeremonien vorzubereiten. Dann spazierte Iromi in die die Küche und in ein anderes Haus, gefolgt von einer immer größer werdenden Gruppe von Kindern unterschiedlichen Alters, die allesamt ihre Cousins und Cousinen sind, sie aber nie kennengelernt haben. Ich stellte fest, dass die Kinder alle viel kleiner und schmächtiger sind als Iromi, diejenigen die ihre Größe erreichen sind 3 bis 4 Jahre älter als sie. Ich hatte die Erwartung, dass der Vater von José Luis und Iromi sehr groß sei, weil sie ja beide so riesig sind und ihre Mutter ist klein – aber dem ist nicht so! Mario ist zwar größer als Mary, aber ich überrage ihn bei weitem.

Bild

Bild

Bild

Iromi inspizierte so das gesamte Terrain, sämtliche Kinder folgten ihr und in Null Komma Nichts war sie die Anführerin – obwohl sie kein Wort Tsotzil spricht. Schließlich kam sie und wollte von Mary wissen wer ihre Großmutter sei. Mary zeigte ihr eine Frau, die inmitten der anderen ca. 20 – 25 Frauen ihre Ketten fädelte und nicht ein einziges Mal zu uns herüberblickte. Iromi ging langsam auf ihre Großmutter zu, nach jedem Schritt zu uns zurückblickend bis sie direkt neben ihr stand. Die Großmutter zeigte keine Reaktion. Iromi tippte ihr auf die Schulter bis sie den Kopf zu ihr hinwendete und sagte etwas zu ihr. Die Frau antwortete und strich ihr über den Kopf, dann wendete sie sich wieder ihrer Perlenkette zu. Diese kurze Begegnung berührte mich ganz eigentümlich, ich hatte nicht den Eindruck da ist Ablehnung oder Desinteresse, mein Gefühl war plötzlich es gibt eine Hilf- und Sprachlosigkeit in dieser Familie, die von deren Seite aus nie zu überbrücken ist. Mary ist mit ihren Kindern einen anderen Weg gegangen, den niemand aus dieser Familie nachvollziehen kann, oder vielleicht sich nicht einmal vorzustellen wagt. Irgendwie war ich erschüttert. Ich guckte zu Mary rüber, sah wie nahe ihr das ging und legte ihr den Arm um die Schulter. Iromi kam zu uns gerannt, freudestrahlend „Ich bin zu ihr hingegangen! sagte sie stolz, „habt ihr gesehn?!“ Dann rannte sie wieder los zu den anderen Kindern…

Wir saßen Stunden auf unseren Stühlen ohne dass irgendetwas wesentliches passierte, ab und zu kam einer der Männer mit einer Flasche Pox vorbei und bot uns davon an, Mary lehnte immer ab, ich nippte über anderthalb Stunden an meinem halbvollen Glas und spürte deutlich, wie mir das Zeug zu Kopfe stieg.

Bild

Alle beobachteten mich, lachten und schüttelten die Köpfe, selbst in die Frauen kam jetzt Leben. Eine Cousine von Iromi sagte zu mir „Nein! Guck, du musst das so trinken!“ und schwupp hatte sie ein halbes Wasserglas voll Pox in einem Zug hintergekippt ohne die Miene zu verziehen. (Das Mädchen ist 9 Jahre alt) Pox ist selbstgebrannter sehr hochprozentiger Schnaps, der bei allen Feiern und Zeremonien in Massen ausgeschenkt wird und den abzulehnen – zumindest wenn man zur Gemeinschaft dazugehört – unmöglich ist. Um nicht nach kürzester Zeit völlig besoffen in der Ecke zu liegen, haben die Männer alle einen Kanister! (oder traditioneller ein großes Kuhhorn) umgehängt, in das sie den Pox der ihnen angeboten wird einfüllen können, wenn sie nicht mehr trinken wollen. Ich beobachtete, dass auch die Frauen und Kinder Pox trinken, aber Kanister habe ich bei ihnen keine gesehen, vermutlich bekommen sie erheblich weniger angeboten. Erstaunlicherweise machte niemand einen betrunkenen Eindruck, obwohl zumindest die Männer ständig am Trinken waren.

Trinken gehört zum Männerleben in einer Comunidad untrennbar dazu, zumindest an den Zeremonien und Festtagen, die es reichlich gibt – aber auch sonst, sagt Mary. Da nicht mitzumachen, das geht irgendwie nicht für einen Mann. Ich verstand jetzt besser Marios Dilemma; er ist Alkoholiker, aber anders als Mary will oder kann er die Zugehörigkeit zu seiner Familie und seiner Dorfgemeinschaft nicht opfern.

Bild

Die Männer saßen im Kreis, der Pox machte viele Runden, die Frauen fädelten ihre Ketten und einige von ihnen kochten in der Küche hinter uns in riesigen Töpfen auf offenem Feuer Hühnersuppe. Ich zählte etwa 80 Leute. Ab und an spielten die Musiker über lange Zeit hinweg eine immer wiederkehrende kurze Melodie mit minimalen Nuancen, die mich veranlasste mich rhythmisch hin und her zu bewegen und mich zeitweise irgendwie in eine Art Dämmerzustand versetzte. Sonst passierte nichts.

Mary erzählte mir, dass dieses Fest 5 Tage und Nächte dauert, ohne dass die Leute zu Bett gehen! Ich bemerkte, dass der einen oder dem anderen für Minuten im Sitzen die Augen zufielen – schon oft hatte ich gesehen, dass die indigenen Frauen die in den Straßen von San Cristóbal Handel treiben, fähig sind im Sitzen zu schlafen, ohne sich irgendwo anzulehnen.

Ich fragte eine Cousine von Iromi, deren Augen mir sehr müde erschienen, ob sie in der Nacht im Bett gewesen sei: nein, war sie nicht. Sie setzte sich auf meinen Schoß und nutzte die Gelegenheit zu einem Nickerchen.

Dass das Fest ununterbrochen über mehrere Tage ging erklärte natürlich die Entspanntheit der Feiernden! Sie haben genug Zeit – und wie sonst sollten sie auch 5 Tage und Nächte lang durchhalten, wenn Pox ihre einzige Droge ist? Mich machte der Pox in Verbindung mit der (Höhen)sonne und der monotonen Musik eher müde. Deshalb kippte ich in einem hoffentlich unbeobachteten Augenblick mein Glas um.

Das Fest besteht offensichtlich darin, dass sämtliche stattfindenden zeremoniellen Handlungen gemeinsam vorbereitet, und die gesamte Zeit zusammen verbracht wird, gemeinsam gegessen wird was die Frauen gekocht haben, gemeinsam getrunken und zusammengesessen wird (getrennt nach Männern und Frauen + Kindern). Alles geschieht langsam und gemächlich, ich musste schon genau hingucken und beobachten um zu bemerken, dass etwas passiert. Ich bemerkte, dass dies ungewohnt für mich ist, aber ich langweilte mich gar nicht, im Gegenteil, es hatte fast etwas Meditatives. Selbst dass niemand von uns Notiz nahm empfand ich nicht als unangenehm oder abweisend. Ich machte es mir auf meinem Stühlchen so gut es ging gemütlich und merkte wie sich Gelassenheit in mir ausbreitete.

Tanzen und Singen scheint bei den indigenen Leuten nicht in ihrer Tradition verankert zu sein. Es gibt wohl schon traditionelle Tänze, aber ich habe den Eindruck, außerhalb davon ist nicht üblich, dass jedermann/frau einfach tanzt um sich auf einem Fest zu vergnügen. Jedenfalls habe ich schon viele Frauen gefragt ob sie (gerne) tanzen und immer die Antwort erhalten, dass sie gar nicht tanzen! Und wenn wir irgendwelche Übungen machen, die etwas mit rhythmischer Bewegung zu tun haben ist sehr deutlich, dass dies für die Frauen eine sehr ungewohnte Erfahrung ist.

Auch auf diesem Fest wurde nicht getanzt, zumindest nicht am dritten Tag…

Zum Mittagessen gab es die leckere Hühnersuppe mit Tortillas – und natürlich Coca-Cola. Männer und Frauen essen getrennt, wie ich von den Frauen im Hogar weiß, traditionellerweise auch im Alltag. Überhaupt verbrachten auf dem Fest Frauen und Männer die Zeit nebeneinander, sie machten nichts zusammen, wohl aber hatten sie ihre geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Aufgaben. Ich konnte nicht erkennen, ob oder welche Frau mit einem Mann in irgendeiner Beziehung stand, denn es gab keinerlei Kommunikation zwischen ihnen, auch nicht zwischen Männern und Kindern. Auch Mario, der uns ja eingeladen hatte war nur einmal kurz gekommen um Mary, Iromi und mich förmlich zu begrüßen, ansonsten saß er 5 Meter von uns entfernt mit den Männern, ohne dass ich auf die Idee gekommen wäre, dass er Mary und Iromi kennt, wenn ich es nicht gewusst hätte. Erst als wir uns verabschiedeten kam er nochmals und er schenkte mir eine Flasche Pox!

Dafür waren die Kinder ziemlich neugierig und an unserer Gesellschaft interessiert. Ich nutzte die Gelegenheit um mir ein bisschen die Beine zu vertreten, spielte mit den Kindern und bewegte mich zu der Musik, beobachtet von den Frauen, die noch immer auf dem Boden saßen, mit dem Fädeln der Ketten beschäftigt.

So vergingen die Stunden, die Männer bauten derweile große Fahnen zusammen, umwickelten die Fahnenstangen mit bunten Stoffbändern und den von den Frauen hergestellten Ketten, bauten einen Altar auf und schmückten lange Holzstangen die sie zu großen Bögen gebogen hatten mit Grünpflanzen.

Bild

Bild

Später wurden diese vor die Haustüren und vor dem Altar aufgestellt.

Bild

Schließlich begann eine kleine Zeremonie, ein Holzkistchen wurde gebracht und mit Weihrauch von Mario abgeräuchert, ebenso der Altar und die Fahnen während die Musiker spielten. An allen diesen Handlungen waren genauso wie beim Aufbau ausschließlich Männer beteiligt. Es dauerte gar nicht lange, vielleicht 10 Minuten.

Bild

Bild

Bild

Bild

Ich fragte Mary nach der Bedeutung des Festes und der Zeremonie, sie sagte sie wisse es auch nicht wirklich, nur dass es um den heiligen Sebastian geht und sie vermute, auch um Frühlingsbeginn. Ich unterhielt mich eine Weile mit einer jungen Frau die spanisch sprach und fragte nach dem Sinn des Festes, zu meiner Überraschung wusste auch sie nichts darüber zu sagen, außer, dass das Fest immer so durchgeführt wird.

Bild

Ich hatte mir immer vorgestellt, dass die Indigenas ihre Traditionen „bewusst“ pflegen (womit ich meine, dass sie die Bedeutung der Handlungen, der Fahnen oder zumindest den Anlass des Festes erklären können), aber mir wurde plötzlich klar, dass dies ein sehr abgehobener intellektueller Anspruch ist, den ich selbst meine Kultur betreffend nicht erfüllen kann. Woher kommt die Idee des Osterhasen oder des Weihnachtsbaumes – wenn man denn den heutigen Rummel um diese wichtigen Feste noch als Tradition bezeichnen kann… und von den (vor)christlichen Ursprüngen weiß ich zwar, aber könnte auch nicht wirklich erklären, was welche Handlung in einem Gottesdienst bedeutet…

Immer wieder stoße ich darauf, wie viele Illusionen und Projektionen in meinem Kopf stecken, mir war gar nicht klar, dass ich offenbar die Erwartung hatte, die Indigenas seien „bessere“, „bewusstere“ Menschen, geerdeter, weil sie („noch“) einfacher leben… , die HeilerInnen seien „wirklich“ spirituell etc. … Die Hoffnung/ Sehnsucht nach der „noch heilen Welt“ die ich unbewusst gesucht habe wird hier fortlaufend enttäuscht. Dennoch kann ich nicht sagen, dass ich enttäuscht bin im Sinne von frustriert oder mich mit dem Gedanken „Hier ist es auch nicht besser (oder noch viel schlimmer…)“ innerlich abwende. Es ist eher ein mir -bewusster-werden welche Qualitäten MIR wichtig sind und ich in mir selbst weiter entwickeln möchte; ein Erkennen, dass es nicht notwendig ist, nach Menschen oder Orten zu suchen die diese Qualitäten verkörpern. Ich verspüre eigentlich eher ein Gefühl von zunehmender Erleichterung als von Enttäuschung.

Iromi wollte nach Haus, sie war müde geworden vom Herumrennen mit den Kindern und sie vermisste ihr Spielzeug, die Kinder hier haben keines. Mary merkte ich an, dass es ihr nicht besonders gut ging. „Ay Cris“ sagte sie „ich fühle mich ganz seltsam hier. Ich kann mir nicht mehr vorstellen so zu leben. Ich gehöre nicht mehr dazu…“ Das war ganz offensichtlich der Fall. Mary auf ihrem Stuhl in Jeans und T-Shirt gehörte genauso wenig zu all den Frauen die dort drüben am Boden saßen wie ich – mit dem Unterschied, dass sie einmal dazugehört hatte. Dass sie keine Tracht mehr anziehen mag ist nur eine Äußerlichkeit. Sie sah nachdenklich aus und auch unglücklich. Ich dachte daran, was sie einmal gesagt hatte „Du musst dich entscheiden, es ist wie mit einem Partner mit dem Du nie glücklich warst, trotzdem tut es weh wegzugehen und du musst diese Schmerzen erleiden.“

Wir verabschiedeten uns. Mehrere Kinder und eine junge Frau begleiteten uns an die Kreuzung.

Bild

Bild

Die junge Frau verabschiedete sich und kehrte um. Die Kinder warteten mit uns bis ein Taxi kam und wir einstiegen, wir sahen sie winken bis sie unserem Blick entschwanden.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s