Neu in dieser Welt

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IMG_2497Seit zwei Monaten wohne ich jetzt in Zitim – genau seit der Geburt von Luisas Baby. Die Geburt hatte etwa 4 Wochen frueher als erwartet begonnen und aufgrund einiger Schwierigkeiten hatten wir entschieden, lieber nach San Cristóbal ins Krankenhaus zu fahren. Fuer Luisa war das eine grosse Enttaeuschung, denn sie hatte die ersten beiden Kinder zu Haus geboren und wollte auch dieses Baby in vertrauter Umgebung auf die Welt bringen – abgesehen von ihren berechtigten Aengsten vor den Behandlungsmethoden in der Klinik. (Tatsaechlich ist Luisa und nach ihrer Auskunft auch die Mitpatientinnen schlecht behandelt worden: keinerlei Aufklaerung,fortlaufende grobe Untersuchungen ohne Ruecksicht auf Wehen und ohne dass der Arzt mit den Frauen kommuniziert oder sich wenigstens vorgestellt haette, abgesehen davon, dass die Frauen keinerlei Betreuung im Kreisssaal haben und ausgeschimpft werden wenn sie bei den Untersuchungen jammern!)

Um 15 Uhr waren wir in der Notaufnahme eingetroffen, Luisa wurde aufgenommen und von da an blieb sie verschwunden, ohne dass irgendeine Information nach draussen gedrungen waere.
Hier ist es ueblich, dass Familienangehoerige ueber Tage hinweg im Wartebereich bzw vor dem Krankenhaus lagern. Omas in Kittelschuerze, Kinder, Babys, Maenner, Frauen warten geduldig und ohne zu protestieren, bis mal eine Schwester aus der Tuere kommt, den Namen eines Patienten ausruft und eine magere Auskunft gibt. Dies passiert – theoretisch – 3x innerhalb von 24 Stunden, wenn man aber in dieser Minute grad mal auf Klo ist oder sich was zu essen kauft, dann hat man eben Pech gehabt. Nachfragen, so steht auf dem Hinweisschild, ist verboten. Das heisst, es muss immer mindestens ein Angehoeriger da sein.

In unserem Falle waren wir zu viert: Josue, sein Diabeteskranker Vater (ein partero – traditioneller “Hebammerich”), E. – eine Schweizer Hebamme, die in den letzten Wochen in Zitim gelebt und gearbeitet hatte und ich. Um 23 Uhr – E. und ich waren inzwischen mit Opa im Hogar um auszuruhen, erhielten wir Nachricht von Josue, dass die Geburt im Gang sei und das Kind sicherlich in den fruehen Morgenstunden auf die Welt kaeme.
Wir schliefen schlecht, frueh um 5 Uhr erwachte ich, wir beschlossen, mit Fruehstueck zur Klinik zurueckzukehren. Opa betete vor dem Bild des verstorbenen Bischoffs ITatik Samuel Ruiz Garcia und rief die Schutzheiligen um Hilfe an. Es hoerte sich sehr flehentlich an und das beruehrte mich tief.

Josue hatte die Nacht mit vielen anderen Angehoerigen im zugigen Wartebereich zugebracht, neue Nachrichten waren noch nicht nach aussen gedrungen. Mittlerweile war es 7 Uhr.
Ich hielt es nicht mehr aus und begann an der magischen Tuere zu klopfen, bis endlich eine Krankenschwester ein Spaltbreit oeffnete um mitzuteilen, sie duerfe keine Auskunft geben. Ich verlangte einen Arzt zu sprechen, umringt von allen anderen Angehoerigen, die interessiert meine Klopftiraden verfolgt hatten und jetzt ebenfalls die Chance ergriffen. Die Tuere schloss sich wieder, wir warteten gespannt, ich rief die Leute zur “Revolution” auf 😉 …
Nach gefuehlter Ewigkeit erschien ein sehr junger Mann in Weiss und erklaerte, dass er der Arzt sei. Er wusste nichts von Luisa, vermutlich war er nur in der Notaufnahme beschaeftigt. Ich verlangte, dass er sich erkundigen solle und pochte auf die “Patientenrechte”, die an der Wand ausgehaengt waren… Wieder schloss sich die Tuere. Endlich kam er zurueck, ich durfte eintreten und bekam im Arztzimmer die Auskunft, dass die Geburt bereits in der Endphase sei und das Kind bald geboren werde.
Keiner von den andern Angehoerigen bekam eine Auskunft. Vermutlich haben sie mich reingelassen, weil ich Auslaenderin bin!
Erleichtert ob der freudigen Nachricht warteten wir, bis um viertel nach 8 Uhr die Schwester wieder in der Tuere erschien und die Babysachen verlangte: das Zeichen, dass das Kind geboren war!

Irgendwann nachmittags durfte Josue dann das erste Mal eintreten, um Luisa und das Baby zu besuchen. Wir hofften, er wuerde die beiden abholen und hatten schon im Hogar die Huehnersuppe auf dem Feuer. Aber schlussendlich konnte Luisa erst 2 Tage spaeter das Krankenhaus verlassen, weil sie zu erschoepft und nicht in der Lage war aufzustehen. Das Baby hatte noch nicht an der Brust getrunken und Flaschennahrung erhalten, worueber sie sehr besorgt war. So ein Verhalten ist Luisa von den Babys die in den Doerfern geboren werden nicht gewoehnt. Ich machte mir darum keine grossen Sorgen, weil ich das ja von vielen im Krankenhaus geborenen Babys kenne und versicherte ihr, dass es sicherlich zu Haus klappen wuerde. Und so war es dann auch.

Zusammen mit dem Baby uebersiedelte auch ich ins Dorf, man kann also praktisch sagen, dass wir genau auf demselben Entwicklungsstand sind, das Baby und ich!

Patientenrechte (Aushang im Wartebereich des Krankenhauses)

1. Recht auf Erhalt von angemessener medizinischer Hilfe
2. Recht auf wuerdige und respektvolle Behandlung
3. Recht auf zeitnahen Erhalt von wahrheitsgetreuer und ausreichender Information
4. Recht auf Entscheidungsfreiheit ueber die Behandlung
5. Recht auf ausreichende Aufklaerung um in die Behandlung einzuwilligen bzw sie abzulehnen
6. Recht auf vertraulichen Umgang mit Patientendaten
7. Recht auf Hilfe beim Einholen einer zweiten Meinung
8. Recht auf medizinische Hilfe im Notfall
9. Recht auf Aushaendigung der Patientenakte
10. Recht auf Auskunft ueber erhaltene medizinische Behandlung

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