Leben mit einem Neugeborenen

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IMG_4584Durch das Leben mit dem Baby habe ich das Glueck, intensiv zu erleben, wie das Wochenbett in einer indigenen Familie (idealerweise ) verlaeuft.
Ideal, damit meine ich, dass Luisa wirklich konsequent ihre 40 Tage Wochenbett eingehalten hat und ihr das von der Familie ermoeglicht wurde, was leider ganz und gar nicht immer selbstverstaendlich ist. Auch gehen nicht alle traditionellen Hebammen selber mit gutem Beispiel voran.
Luisa jedoch war wirklich mit dem Baby diese 6 Wochen weitgehend im Bett und hielt sich zumindest in den ersten 4 Wochen komplett von allen Hausarbeiten fern.
Die ersten 14 Tage war staendig eine der Frauen aus der Familie den ganzen Tag ueber in der Kueche am Arbeiten. Auch danach kam mindestens alle 3 Tage entweder Luisas Schwester Claudia oder Mary, eine der promotores de salud und Luisas Freundin um die Hausarbeit zu erledigen. Es war offensichtlich, dass mir das (noch?…) nicht allein zuzutrauen war…
Wirklich waere ich ueberfordert gewesen, alles zu ueberblicken was den Tag ueber zu tun ist und v.a. auch das Essen – fuer alle schmackhaft – zuzubereiten. Wie ich schon oefter beklagt habe ist es eben leider so, dass das, was meinem Gaumen Freude bereitet gar nicht allen schmackhaft vorkommt… Besonders wenn es “nur” vegetarisch ist und ausserdem comida seca – “trockenes Essen”, das bedeutet, alles was nicht Suppe ist. Cremesuppen sind ebenfalls unbekannt.

Normalerweise wird jedes Essen von Zitrone und Chilie begleitet; nun im Wochenbett aber war es streng verboten, im Haus Zitrone zu essen oder zu trinken! Dies wuerde hohes Fieber beim Neugeborenen verursachen und koennte sogar zum Tode fuehren! Josue erzaehlte mir, dass seine 2 aeltesten Geschwister gestorben seinen, weil seine Eltern dies damals noch nicht gewusst haetten! Daher wurde das Zitronenverbot sehr Ernst genommen. Wenn man allerdings woanders isst, dann kann man ruhig Zitrone benutzen.

Gleich nachdem Luisa mit dem Baby zu Haus angekommen war und nochmals eine Woche spaeter, wurde eine Zeremonie von ihrem Vater und ihrem Schwiegervater durchgefuehrt, die beide als traditionelle Heiler spirituell arbeiten. Normalerweise findet die erste Zeremonie gleich nach der Geburt statt. Danach gibt es fuer alle ein gutes Essen: Huehnersuppe!

Fuer die Zeremonie werden 12 lange und eine sehr lange Kerze in einer Reihe aufgestellt und entzuendet (die 12 Apostel und Jesus!). Der Heiler raeuchert mit Weihrauch jeden einzelnen ab , schlaegt das Kreuz ueber einen und man kuesst es. Er beginnt auf den Knien zu beten, um Vergebung fuer die Verfehlungen aller Anwesenden zu bitten und Gott und allen Heiligen dafuer zu danken, dass Kind und Mutter gesund und am Leben sind, sowie darum zu bitten, dass sie dem Baby und der Mutter weiter beistehen moegen, alle gesund bleiben ect. ect.
Er betet ca 20 Minuten, mitunter auch laenger, ununterbrochen und waehrenddessen scheint er in einem leichten Trancezustand zu sein, die Worte waehlt er nicht bewusst, sondern sie werden ihm eingegeben.
In diesem Fall beteten Luisas und Josues Vater parallel. Mir fiel auf, dass ihre Stimme und der Tonfall sich etwas anders anhoerten als normalerweise.
Die Grossfamilie war anwesend und sass im Halbkreis um den Altar, der mit Heiligenbildern, Blumen, bestimmten Pflanzen und Kerzen geschmueckt ist. Ausserdem auch mit einer der mitgebrachten Rossmann-Windeln, die hier fuer ihren eigentlichen Zweck voellig unnuetz sind. Man benutzt in der comunidad (indigenes Dorf) Windeln aus einem dicken Moltonartigen Stoff. Die Windel wird wie ein langer Rock um den Unterkoerper des Babys gewickelt und mit einem Band um den Bauch festgebunden, oben hat es ein Hemdchen an. Dann wird das Baby im zwei warme Decken eingepuckt. Wenn es pinkelt oder Stuhlgang hat, dann schreit es. Die Windel wird sofort gewechselt und da sie aus so dickem Stoff ist und doppelt genommen wird, dringt zumindest in den ersten Wochen kaum was durch. Zack, wieder eingepuckt und das Kind ist sofort ruhig. Es wird auch nicht wund, denn es liegt nie im Nassen.
Ich bin von dieser Wickelmethode fuer die ersten Wochen sehr begeistert, dem Kind erspart es viel Stress, denn aufwaendiges Angeziehe von Hosen, Bodys und Stramplern entfaellt und es gibt kein Geschrei auf dem Wickeltisch (den es hier sowieso nicht gibt).

Das Baby liegt immer mit der Mutter zusammen im Bett, spaeter, als Luisa begann aufzustehen, war es im Tragetuch in Wiegeposition immer mit dabei. Selten mal schlaeft es allein in der Haengematte. Niemand erwartet, dass ein Baby allein irgendwo liegt und ruhig ist. Wenn es wach wird und tatsaechlich mal schreit wird es sofort hochgenommen und falls es sich nicht beruhigt angelegt.

Das Baby war von der Geburt, genau wie Luisa, offensichtlich traumatisiert und hat in den ersten 14 Tagen oft und sehr schrill geschrien. Nachdem Mutter und Kind den Schock ueberwunden hatten habe ich es nie laenger als hoechstens 2 Minuten schreien hoeren. Es ist ein sehr zufriedenes Kind von jetzt 2 Monaten, das offensichtlich sein Urvertrauen nicht verloren hat, ich glaube, weil es sich staendig geborgen und behuetet fuehlt. Fuer mich ist es wirklich beeindruckend mitzuerleben, wie entspannt ein Baby sein kann, wenn es von seiner Mutter – und diese von der Familie – so geduldig getragen und unterstuetzt wird!

In indigenen Familien bekommt ein Kind oft erst nach Wochen seinen Namen. Ich habe nicht herausgefunden warum das so ist. In den ersten Wochen war es “enano” (Zwerg) und immer wieder diskutierten alle eifrig um den Namen, den der enano bekommen sollte, wobei viel gelacht wurde und wir die seltsamsten Namen erfanden. Schliesslich, mit 6 Wochen erhielt er seinen Namen: José Antonio, aber so nennt ihn keiner… Obwohl er schon ordentlich zugelegt hat ist er immer noch der “enano”.

Waehrend der 40taegigen Wochenbettzeit soll die Mutter das Gehoeft nicht verlassen. Dies dient nicht nur ihrer Schonung, sondern vor allem dem Schutz des Neugeborenen, dessen espirito (Seele) noch nicht fest in seinem Koerper verankert ist und der sich deshalb leicht verirren und den Weg zurueck nicht mehr finden koennte!
Auf allen Wegen die die Mutter spaeter das erste Mal mit dem Kind macht, muss sie darauf achten, dass der noch immer bewegliche espirito sich nicht verirrt! Deshalb legt sie ueberall dort wo ein Weg kreuzt einen Pinienzweig, sozusagen als kleine Schranke auf den Kreuzweg.

Wenn der Vater aus dem Hause geht, wird den kleinen Kindern ein Armbaendchen aus schwarzen Band angelegt, damit sie ihn nicht vermissen.

Ueber dem Bett haengt oder neben dem Kind liegt Knoblauch und Mais, um es vor boesen Geistern zu beschuetzen.

Windeln und andere Kleidungsstuecke des Babys duerfen nicht ausgeschuettelt werden, weil der espirito des Kindes in allem sitzt, was das Kind anhatte. Und heftige Bewegungen wuerden den espirito erschrecken.

Ich hatte aus dem Hogar eine Babydecke geborgt , damit das Baby auf dem Nachhauseweg nicht friert. Als ich einmal in die Stadt fuhr wollte ich diese Decke wieder zurueckbringen. Luisa und Josue erklaerten mir etwas verlegen, dass es damit ein Problem gaebe:
Sachen die das Baby getragen hat duerfen nicht in fremde Haende gelangen oder an fremde Kinder weitergegeben werden, denn in ihnen sitzt der espirito des Babys! An Kinder aus der eigenen Familie jedoch darf man Sachen weitergeben.
Ich ging also los und besorgte dem Hogar eine neue Decke…

In den comunidades werden die Babys in der Regel mit Stoffwindeln gewickelt. Falls doch einmal Pampers benutzt werden, darf man sie keinesfalls wegwerfen! Sie muessen verbrannt warden, damit der espirito sich nicht verirren kann!

Die Placenta wird auf dem Grundstueck der Famiie beerdigt.

Der Nabelschnurrest eines Jungen wird vom sportlichsten Familienmitglied so hoch wie moeglich in einen Baum gehaengt, damit der Junge spaeter keine Angst hat. Bei Maedchen ist dies nicht ueblich!

Die Mutter soll waehrend der Wochenbettzeit keine gekochten oder gegrillten Maiskolben (Elote) essen, weil das Baby sonst Verdauungsprobleme bekommen kann. Alles was sonst aus Mais zubereitet wird, kann und soll sie jedoch essen: Maissuppen, Tortillas. Auch schwarze Bohnen (frijoles), die zu jedem Essen gehoeren werden in Mengen gegessen und rufen bei den Babys keine Verdauungsprobleme hervor! Ueberhaupt sind Koliken hier scheinbar kaum ein Thema bei Babys.

Damit die Mutter wieder zu Kraeften kommt und genug Milch bilden kann ist es wichtig, dass sie moeglichst oft Huehnersuppe, Krabbensuppe oder Rinderbruehe isst. Auch viele Tees werden eingesetzt und Mutter und Baby baden in den ersten Wochen mit Tee aus den Blaettern des Sosabaumes, weil dies entzuendungshemmend ist.

Hebammenhausbesuche nach der Geburt sind in den comunidades nicht ueblich, die meissten Hebammen besuchen die Frau wenn ueberhaupt hoechstens einmal. Luisas selbst besucht ihre Patientinnen ein- bis zweimal. Falls sie Probleme haben melden sie sich.
Normalerweise bekommen die Frauen Rat, Hilfe und Handlungsanweisungen durch die Schwiegermutter (in deren Haus sie nach der Heirat meist wohnen) und von der eigenen Mutter. Was Schwiegermutter und Mutter sagen wird in der Regel nicht in Frage gestellt sondern befolgt.

Nach der Geburt ist es wichtig, eine breite facha (bauchguertel, mit dem der Rock befestigt wird) zu tragen, das ist sehr hilfreich um die ueberdehnten Bauchmuskeln zu stuetzen und den Ruecken zu entlasten. Ich habe dies im vergangenen Jahr den Frauen in Berlin empfohlen und viele positive Rueckmeldungen erhalten.

Wochenbettgymnastik – ueberhaupt Gymnastik – ist gaenzlich unueblich. Die indigenen Frauen sind in in der Regel peinlich beruehrt, wenn sie irgendwelche fuer sie seltsamen Bewegungen machen sollen, es scheint als straeube sich in ihnen alles dagegen. Luisa ist da eine Ausnahme, aber als ich sie fragte, wieso das fuer die anderen Frauen so schwierig ist lachte sie und meinte, dass es fuer sie auch eine Ueberwindung ist und sie nur schon ein bischen mehr dran gewoehnt ist auch Sachen auszuprobieren, die sie nicht kennt. Jedenfalls muss ich immer ziemlich viel Initiative ergreifen, damit die Gymnastik nicht in Vergessenheit geraet… Die Kinder jedoch sind begeistert und wollen turnen!

Mittlerweile ist die Wochenbettzeit vorbei, der Kleine ist schon gut 8 Wochen alt und hat ordentlich zugenommen! Er traegt jetzt auch schon ab und zu Strampler und eine Gummihose ueber den Windeln und manchmal – selten – kann auch ich ihn schon mal tragen. Normalerweise ist er immer im Tragetuch seiner Mutter. Ich beginne grade Deutsch mit ihm zu reden, es sieht so aus, als merke er den Unterschied! Er faengt dann tatsaechlich immer an zu lachen!

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Eine Antwort zu Leben mit einem Neugeborenen

  1. Ingrid Schleicher schreibt:

    Immer interessant Deine Beiträge, Und der enano sieht wirklich sehr glücklich aus. Wie schön!

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