Lernen fuers Leben

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IMG_3818In den letzten 5 Monaten habe ich in jeder Hinsicht viel gelernt, sowohl von und ueber andere als auch – und vor allem – ueber mich:

Dass ich mich in der Fremde mehr zu Hause und gleichzeitig manchmal sehr fremd fuehle, aber bisher niemals so einsam wie in Deutschland.

Dass es mir hier erstaunlicherweise gefaellt, staendig in Gesellschaft zu sein, ich es aber extrem geniesse mal paar Tage allein zu sein und mit niemandem ein Wort zu sprechen.

Dass Reden extrem wichtig sein kann, selbst wenn ueber das Wesentliche geschwiegen wird…

Dass anderswo manche Werte die ich verinnerlicht habe gar nichts zaehlen; im Gegenteil und dass ich oft Muehe habe, damit innerlich klarzukommen.

Dass einen unliebsame Erinnerungen ueberall einholen koennen, selbst wenn man sich in Sicherheit glaubt weil man “ganz weit weg und alles ganz anders” ist…

Dass man unter Umstaenden Ewigkeiten irgendwo leben oder die Welt bereisen und sich einbilden kann zu wissen wie es anderswo ist, ohne irgendwas zu verstanden zu haben.
Vieles was alltaeglich passiert wuerde ich tatsaechlich gar nicht merken, obwohl es sozusagen vor meinen Augen passiert! Einfach weil ich die Sprache nicht verstehe, meine Kultur eine andere ist und ich das was ich sehe und hoere in dieser Kultur interpretiere. Abgesehen von der anderen Sprache sind die Umgangs- und Ausdrucksformen der Menschen hier voellig andere. Es ist ein bischen so als waere ich ploetzlich blind und jemand wuerde sich mit mir in der Gebaerdensprache unterhalten, die ich schon als Sehende nicht verstehn koennte… Dadurch, dass Luisa und Josue mich in vieles einweihen merke ich immer wieder wie oft ich daneben liege…

Dass indigene Leute extrem hoeflich sind; “O Kolabal” (Danke) ist meinem Gefuehl nach eines der meistgebrauchten Woerter… man benutzt es nicht nur einmal, sondern wiederholt, waehrend man alles aufzaehlt wofuer man sich bedankt und man bedankt sich bei jeder Person extra, beispielsweise nach dem Essen.

Dass in der indigenen Gesellschaft eine Gespraechskultur und respektvoller Umgang gepflegt wird wie ich es bisher niemals erlebt habe, trotzdem der Alltag von Gewalt gepraegt ist und es darueber kaum ein Bewusstsein gibt.

Dass Religion und Glaube enorme Kraft haben um in Menschen Positives zu bewirken und dass dieselben Menschen im Namen von Gott mir reinstem Gewissen Unrecht begehen.

Dass es sehr schoen ist mit Kindern zusammenzuleben.

Wie man mit Babys umgehen sollte: Unser Baby lebt entspannt und ruhig, es verbringt seine Zeit im Tragetuch und wird nur zum Windeln wechseln (auf dem Schoss der Mutter) herausgenommen oder wenn jemand ihn auf den Schoss nimmt und sich mit ihm unterhaelt oder spielt. Wenn er sich meldet hat er entweder Hunger und wird sofort angelegt oder die (Stoff)Windeln sind nass und wenn sie gewechselt werden beruhigt er sich sofort. Oder er will Unterhaltung, dann natuerlich meldet er sich auch. Sobald man mit ihm ezaehlt, ihn herumtraegt oder Faxen macht ist er gluecklich. Ich staune wie robust ein Baby ist, die Geschwister kaspern oft sehr wild mit ihm herum und ich muss oefter den Impuls unterdruecken einzugreifen um das Baby “zu retten” aber ihn scheint es ueberhaupt nicht zu stoeren, im Gegenteil!
Bisher habe ich auf dem Dorf kein einziges Kind gesehen, dass einen Nuckel braucht, obwohl Luisa behauptet, dass es Frauen gibt, die einen Nuckel verwenden, den sie dem Kind an der Hand festbinden damit er nicht runterfaellt. Frueher seien Nuckel aber ueblicher gewesen als heute. Josue bestaetigt das; er selbst und seine 8 Geschwister sind so aufgewachsen. Ich vermute mal, dass mit steigender Kinderzahl der Einsatz solcher Hilfsmittel unvermeidlich wird.
Fuer die Hebamme Luisa gelten “Baeuerchen”, Spucken, Koliken oder ein wunder Po bei Babys nicht als Erscheinungen die sie noch als normal ansieht! Tatsaechlich habe ich Aufstossen und Koliken beim Enano nie erlebt und nach 3 Monaten das erste und einzige Mal, dass er gespuckt hat und ich war sehr erstaunt, dass Luisa und Josue darueber extrem besorgt waren. Alle Leute die ich danach befragt habe waren eindeutig der Meinung, dass “Spucken” nicht normal sei.
Ich bin sehr beeindruckt und zu 100% ueberzeugt von der Art wie Luisa und Josue mit ihrem Baby umgehn.
Dennoch hier wie dort ist nicht alles Sonnenschein; ich traf Luisa weinend, weil ihre Mutter mit ihr geschimpft hatte, dass sie ihr Baby staendig rumtraegt und nicht ablegt und schreien laesst, so wie sie selbst es damals mit ihren 9 Kindern gemacht hatte… Ich versuchte Luisa zu troesten und erzaehlte ihr auch, dass es in Deutschland genau diese Konflikte ebenso gibt…

Bei der alltaeglichen Hausarbeit: Holz tragen, Feuer unterhalten und nach mexicanischer Art kochen, Tortillas und diverse andere Maisgerichte und –getraenke zubereiten, Chili essen ohne dass mir noch der Schweiss ausbricht, scharfe Saucen herstellen, Tische und Arbeitsflaechen ohne Putzlappen und Reinigungsmittel saubermachen, mich an den beissenden Rauch zu gewoehnen der staendig in den Augen brennt und daran, dass alles durchdringend nach Rauch riecht (ich merke es nur noch wenn ich in der Stadt bin, mich geduscht und neue Kleidung angezogen habe), mich mit einem 10 l Eimer Wasser von oben bis unten samt Haaren zu waschen.

Wie man am besten Floehe umbringt, wie man Ziegen und Kuehe huetet, wie Hunde und Katzen ohne Trockenfutter ueberleben, wie man Huehner rupft und ausnimmt – toeten mag ich sie immer noch nicht!

Wie Mais geerntet und weiterverarbeitet wird.

Diverse Heilpflanzen suchen, finden, verarbeiten und anwenden, Krankheiten diagnostizieren und behandeln und wie mit den Patienten umzugehn ist.

Wie schoen es ist, den groessten Teil des Tages im Freien zu verbringen und nicht in einem “festen” Haus zu wohnen wenn die Sonne scheint – und in den letzten Wochen: wie schwer es mir faellt, gute Laune zu behalten wenn es ueber Tage regnet und kalt ist und alles klamm und feucht ist… Es herrscht seit gefuehlten Ewigkeiten das ungemuetlichste, graueste kalte “deutsche Novemberwetter” was man sich denken kann und ohne Heizung ist das echt nicht angenehm…

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Eine Antwort zu Lernen fuers Leben

  1. suse schreibt:

    ich schicke Dir mal ein bisschen Sonne rüber:))
    ab und an haben wir genug davon ..liebe Grüüüüße suse

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