„Dios decide“ – „Gott entscheidet“

IMG_0726 - Kopie - Kopie2.10.2017

Orationen (Fürbitten) und der sonntägliche Kirchgang gehören zum Alltag. Die Predigten, unterbrochen von langen Gebeten, kniend auf dem harten Boden, dauern immer ewig und soweit ich dies Luisas Übersetzung nach beurteilen kann werden sie „mit erhobenem Zeigefinger“ gehalten. Was in der Messe gepredigt wird, wird im Alltag kaum beherzigt. Dennoch, die Menschen sind sehr gläubig. „Gott entscheidet!“ diese Worte höre ich ständig.

Theoretisch bin ich einverstanden, aber praktisch ist der Zeitpunkt an dem ich mich nicht (mehr) verantwortlich fühlen und die Entscheidung an Gott weitergeben würde oft ein anderer als für die Leute hier. Dies scheint damit zusammenzuhängen, dass das was ich gelernt habe sich unterscheidet von dem, was hier die Menschen lernen. Auch lernen an sich funktioniert hier anders, nämlich durch – idealerweise – genaue Reproduktion dessen, was die Ältesten tun und lehren, bzw. anordnen.

Ich habe bemerkt, dass Fragen nach dem „Warum?“ bestimmter Verhaltensweisen oder Handlungen in der Regel sinnlos sind, die erschöpfende Antwort ist „So ist unser Brauch.“ Das heißt: so war es schon immer und deshalb ist es richtig. Kaum ein jüngerer Mensch wagt es, sich den “costumbres“, den Bräuchen und Gewohnheiten, in Gegenwart der Älteren zu widersetzen. So wird Kultur erhalten und „Fort-schritt“ verzögert.

Nicht nur ich, auch Luisa, Josue und Andrés, die ihr Wissen nicht allein aus dem was ihre Eltern ihnen vermitteln erworben haben, sondern auch aus anderen Quellen, kommen deshalb gelegentlich in Konflikte mit sich selbst und ihren Mitmenschen, weil sich das Brauchtum mit der eigenen inneren Überzeugung nicht verträgt.

Ein typisches Beispiel dafür ist eine Geburtsgeschichte die Luisa im Januar erlebte und mir erzählte:

Nach einigen Schwierigkeiten wieder schwanger zu werden, bei denen Luisa und ich Cristina (*Name geändert) im letzten Jahr unterstützt und begleitet hatten, erwartete sie endlich nach Jahren ihr zweites Kind. Luisa begleitete die Schwangerschaft und als ca. 3 Wochen früher als erwartet die Wehen einsetzten, machte sie sich auf den Weg. Josue begleitete sie, um den knapp anderthalbjährigen Enano zu betreuen, der noch gestillt wurde.

Wie üblich war die gesamte Familie der Gebärenden anwesend. Die Geburt schritt sehr langsam voran. Die Angehörigen klebten förmlich an der Gebärenden. Luisa erzählte, selbst als Cristina pinkeln musste, spähten sie noch durch die Ritzen der Bretterwand. Cristina fühlte sich bedrängt, konnte sich aber nicht wehren – denn so ist der Brauch, den auch ihr Ehemann respektierte… Luisas und Josues Versuche, die Familie (mit der sie sehr gut bekannt sind) etwas auf Abstand zu bringen waren erfolglos.

Es ging kaum voran, die Familie war deshalb besorgt und Cristinas Großvater, Ältester und damit Oberhaupt der Familie, forderte immer wieder die Gebärende zum Pressen auf (wie es der Brauch ist). Luisa, die den Muttermund getastet hatte (was nicht der Brauch ist, sondern ich ihr beigebracht hatte) wusste, dass der noch lange nicht eröffnet war. Sie versuchte einzuschreiten und erklärte wieder und wieder, wieso es aus ihrer Sicht noch nicht an der Zeit war zu pressen. Sie hörte mit dem Ultraschallgerät das ich ihr geschenkt hatte Herztöne ab (was auch nicht Brauch ist) und stellte fest, dass diese viel zu langsam waren. Zusammen mit Josue versuchte sie die Familie zu überzeugen, die Hausgeburt abzubrechen und Cristina nach San Cristóbal in die Klinik zu bringen. Aber die Familie, widersetzte sich diesem Rat. Der Großvater beschied, das das Kind zu Hause geboren wird und Gott allein würde entscheiden wie diese Geburt ausgeht. Luisa und Josue redeten mit Engelszungen und sagten der Familie auch, dass sie in diesem Falle jegliche Verantwortung ablehnen, falls dem Kind oder der Mutter etwas passieren sollte. Nach 2 Tagen schließlich wurde das Kind, ein Junge, geboren. Luisa musste ihn reanimieren. Das Fruchtwasser war grün gewesen. Wieder redeten sie auf die Familie ein, das Neugeborene, das Atemprobleme hatte in die Klinik zu bringen. Der Großvater war dagegen, „Ihr seht doch, das Kind ist hier auf die Welt gekommen, wie ich gesagt habe, es ist am Leben und Gott wird entscheiden!“ Nach einer Woche hatte sich der Zustand des Kindes soweit verschlechtert, dass die Eltern endlich mit ihm in die Klinik fuhren. Dort wurde vermutlich eine Infektion behandelt. (Patienten bekommen in staatlichen Kliniken keine Epikrise mit und eine traditionelle Hebamme bekommt auch keine Informationen von der Klinik) Das Kind überlebte, ist jedoch behindert. Die Eltern haben Luisa erzählt, ihnen wurde gesagt, mit der Geburt hätte das nichts zu tun. Luisa sagt, die Eltern nehmen ihr Schicksal an. Gott hat entschieden, dass sie ein behindertes Kind haben.

Und was denkst Du?“ fragte ich Luisa. „Ich denke, es ist durch die Geburt, bzw weil sie solange gewartet haben, vielleicht hätte man etwas machen können.“ Luisa fühlt sich nicht verantwortlich für das was passiert ist sagt sie, aber es geht ihr nicht gut mit dieser Geschichte, das sehe ich. Zumal Probleme dieser Art nicht der Einzelfall sind. Falls eine Geburt nicht so voranschreitet wie die Familie es erwartet, wird Luisas Handlungsspielraum eher durch die immer wieder erlebten Bräuche (Frauen gebären hier meist zwischen 6 und 9 Kinder) bestimmt als durch ihr Wissen und Können, so es im Widerspruch zu dem steht, was die Familie kennt und als normal erachtet. Auch zusammen hatten Luisa und ich im letzten Jahr deshalb einige Male schwierige Situationen mit den Familien gehabt, „Gott sei Dank“ nicht mit so drastischem Ausgang…

Ich hatte im Nachhinein viel darüber nachgedacht, ob meine Anwesenheit bei den Geburten hilfreich ist und war zu dem Schluss gekommen, besser nicht mehr direkt dabei sein. Mein Gefühl ist, dass meine Präsenz die Gebärenden und deren Familien oft irgendwie unter Stress setzt, weil sie sich in meiner Gegenwart unsicher fühlen. Sie denken, wenn ich in ihr Haus komme, brauche oder erwarte etwas um mich wohl zu fühlen, von dem sie nicht wissen was. Sie können sich nicht gut mit mir verständigen, weil ich ihre Sprache nicht beherrsche. Ich verhalte mich anders als sie das von indigenen Hebammen gewöhnt sind. Ich habe Luisa dies gesagt und vorgeschlagen, bei den Schwangerenuntersuchungen dabei zu sein, alle ihre Fragen zu beantworten und mit ihr und den Promotores de salud Unterricht zu machen. Ich sah wie enttäuscht und entmutigt sie war als sie das hörte. Es ist ein großer Stressfaktor, hier, weit weg von jeglicher Möglichkeit medizinischer Hilfe allein Geburten zu begleiten, zumal die Familien auch im Falle, dass sie rechtzeitig genug empfiehlt, die Frau besser in die Klinik zu bringen oft – ja sogar meist – nicht damit einverstanden ist. Mit mir zusammen fühlte sie sich immer viel sicherer sagt sie.

Wenn die Geburt nicht wie erwartet voranschreitet oder Schwierigkeiten auftreten, glaube ich aber, dass es in meiner Anwesenheit noch viel schwieriger ist Dinge zu tun die den Leuten befremdlich vorkommen, als wenn Luisa allein den Leuten etwas vorschlägt und erklärt was sie nicht kennen. Ich vermute, die Wahrscheinlichkeit, dass die Familie ihrem Rat vertraut wenn sie alleine ist, ist höher, weil sie eine von ihnen ist, ihre Sprache spricht und sich im Übrigen so verhält wie sie es gewohnt sind.

Luisa war sehr verzagt, hatte sie doch so auf meine Unterstützung gehofft… Ich fühlte mich schlecht und traurig als ich ihre Enttäuschung sah und beginne an meiner Entscheidung zu zweifeln.

Ich erinnere mich an meinen allerersten Besuch in Zitim: Meine Neugier und mein begeistertes Interesse an allen Aspekten des Lebens in einer indigenen comunidad, hatte mich veranlasst hatten zu bitten ob ich hier mitarbeiten dürfe: war ich doch ursprünglich mit dem Bewusstsein einer „Schülerin“ gekommen, um zu lernen, wie es hier ist! Und haben sich nicht alle immer wieder und bis heute geduldig um mich gekümmert, mich in ihr Leben aufgenommen und mir alles erklärt und gezeigt? Natürlich wollten auch sie mehr erfahren und wissen was ich weiß, aber alles was an Neuem hinzukommt bringt sie in Konflikte…

Normalerweise arbeiten traditionelle Hebammen so „wie es der Brauch ist“ und die Menschen es seit Generationen kennen. U.a bedeutet dies in unserer Gegend (für andere Orte kann ich es nicht beurteilen), sobald eine Frau ihre Wehen nicht mehr zu verbergen vermag, mit dem Pressen zu beginnen. Ich denke, dass dies bei Vielgebärenden sicherlich meist funktioniert, habe jedoch gesehen, dass Erstgebärende hier genauso lange Eröffnungsphasen haben wie in Deutschland und auch ihre Schmerzen meist nicht bis zur Endphase völlig verbergen können. Die Muttermundsweite zu ertasten ist nicht üblich, also pressen sie manchmal Stunden- bis 2 Tage lang! Luisa sagt, es kommt vor, dass Frauen durch die Erschöpfung in Ohnmacht fallen und es passiert auch, dass die Erst- und Zweitgeborenen tot auf die Welt kommen. Erst vor kurzem ist nach 2 Tagen Pressen ein Kind gestorben und die Mutter hat mit hohem Blutverlust knapp die Geburt überlebt. Die Hebamme (bei der Luisa eine Weile gelernt hatte) und die Familie sind der Meinung, dass dies Gottes Wille war. Luisa sieht das anders. Ich auch…

Kann ich mich jetzt an einem für Luisa so schwierigem Punkt zurückziehen? Wie viel Kraft wird es sie kosten gegen so großen Widerstand allein ihre Arbeit zu tun, die auch für sie noch in vielen Aspekten neu und keinesfalls Routine ist?

Gerade wartet Luisa auf eine Geburt, sie hatte der Frau schon gesagt, dass sie zu zweit arbeitet und bat sie nun nochmal in meiner Anwesenheit um Einverständnis. Die Frau ist einverstanden.

Ich konnte nicht „Nein“ sagen…

 

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