Hochzeiten

Auf der einmal monatlich stattfindenden großen Messe die die elf Dörfer der Diözese gemeinsam begehen, werden alle Paare dieses Monats getraut und auch sämtliche Kommunionen und Taufen gefeiert. Da die Gläubigen nicht in die Kirche passen, sitzen nur die Würdenträger unter einem Unterstand, die Gemeinde steht bzw. kniet beim beten. Je nach Anzahl der anstehenden Zeremonien dauert dann die Messe. Meistens etwa 4 Stunden. Im Winter ist es anstrengend wegen der Kälte, im Sommer wegen der Hitze und wenn es regnet außerdem wegen des Schlammes.

Im Dezember (es war sehr kalt und regnete ununterbrochen) wurde ein Brautpaar getraut das mir sofort auffiel, weil die Braut ein weißes Brautkleid, wenn auch ohne Schleier, trug. Sowas hatte ich hier noch nie gesehen und es erregte nicht nur meine Aufmerksamkeit. Der Priester sagte streng zur Braut, er hoffe, sie wisse auch um die Bedeutung des weißen Brautkleides! Luisa fragte mich, was denn damit gemeint sei und ich sagte ihr, das bedeute, die Frau sei Jungfrau. „Aber was wenn nicht? Dann wird sie Ärger kriegen!“ meinte sie erschrocken. „Wieso? Das weiß eh nur sie selbst und Gott allein“ sagte ich augenzwinkernd „sie hat doch noch kein Kind! Die Leute werden ihr wohl nicht unter den Rock gucken!“ Wir kicherten uns eins. Mit Luisa kann ich so sprechen; normalerweise redet niemand über solche Dinge!

Neulich fragte ich zum Beispiel eine ihrer Cousinen die grad geheiratet hatte wie sie ihren Mann kennengelernt hat. Schon dies ist ein absolutes No-Go. Solche Fragen stellt Luisa nicht mal der besten Freundin. Ich weiß das schon, aber setze mich gelegentlich darüber hinweg wenn ich Leute gut kenne. Luisa staunt jedes mal über meine Unverfrorenheit, aber die Idee über alles reden zu können gefällt ihr und unter uns tun wir das auch.

Die Braut im rückenfreien weißen Kleid hielt tapfer die stundenlange Messe durch und ich sah sie schon im Geiste als Patientin mit Lungenentzündung vor der Klinik stehen! Ahnte ich doch nicht, dass ihr das modische Stück ganz andere Probleme bescheren würde…

Es setzte eine Welle von Empörung ein, die die ganze Kirchgemeinde erfasste. Wochenlang redeten die Leute und es wurde extra eine Versammlung einberufen in der die kirchlichen Würdenträger diskutierten welche Strafe zu verhängen sei! Umso schlimmer, weil der Brautvater selbst Katechist ist. Als ich davon erfuhr verstand ich gar nicht, worum es ging, bis Luisa mir erklärte, dass eine Tzotzilfrau in ihrer Tracht heiraten muss, ein weißes Brautkleid, überhaupt ein anderes Kleid, das geht gar nicht! „Die Braut hat einen Patenonkel, der nicht indigen ist und der hatte ihr das Kleid geschenkt! Vermutlich hat sich die Familie nicht getraut den Patenonkel zu verärgern. Die arme Frau wird bestimmt ein Jahr ihr Haus nicht mehr verlassen können, weil alle schlecht über sie reden!“ meinte Luisa.

Ich verfolgte mit Interesse die Diskussionen innerhalb der Verwandtschaft. Interessanterweise stellte ich auch hier wieder fest, dass gleichermaßen Frauen wie Männer sich empören wenn es darum geht, dass eine Frau sich ein Recht nimmt, dass ihr nicht zugestanden wird.
Luisa, die als Tseltalfrau keine eigene Tracht besaß als sie in die Tsotzilfamilie einheiratete, sagte in Anspielung auf ihre eigene Hochzeit, wenn sie sich nochmals entscheiden müsse, dann lieber für ein eigenes weißes Brautkleid als für eine geborgte Tracht!! Ein mutiger Schritt! Diejenigen die toleranter denken verwenden normalerweise viel Achtsamkeit darauf, möglichst neutral ihre Meinung zu formulieren… Mit mir redete außerhalb unseres Hauses niemand über diese Sache.
Am Ende wurde der Vater der Braut für 2 Monate vom Kirchendienst suspendiert um in sich zu gehen und die Familie musste eine Strafe zahlen, ich weiß jedoch nicht in welcher Form und an wen eigentlich.

Wenig später wurden Luisa und ich zu einer Tseltal-Hochzeit eingeladen. Ich kannte Paulina schon recht gut vom letzten Jahr, denn sie sie wohnt in der Nähe und kam öfter zum Einkaufen in unseren kleinen Laden. Die Tseltalfrauen tragen schon lange keine Tracht mehr, sondern ein Kleid. Die älteren Frauen haben darüber meistens eine Schürze, egal ob sie in der Küche sind oder anderweitig arbeiten, zur Messe oder zu einer Hochzeit gehen.

Ich, die „Gringa“, werde gern zu Hochzeiten eingeladen. Leider bin ich nicht mehr so scharf drauf hier auf Feste zu gehen, weil ich es der strengen Regeln wegen eher anstrengend als fröhlich finde. Man friert stundenlang weil man in der Kälte fast unbeweglich sitzt, ehe – nachdem alle beköstigt wurden – das Brautpaar den Tanz eröffnet und danach auch die Gäste tanzen dürfen.

Das Tanzen ist hier ein verhaltenes Hin-und-Her Schwingen von einem Bein aufs andere, mit verschränkten Armen und ernster Mine – eigentlich genauso wie der Gebetstanz zu Ehren Gottes auf der Messe. Aber immerhin kann man sich bewegen und etwas erwärmen.
Zu meiner Überraschung und Freude erlebte ich einige Mitglieder dieser Familie jedoch, für indigene Verhältnisse, ausgesprochen tanzfreudig. Das mag daran liegen, dass sie Verwandte in der Stadt haben, die, ausgerüstet mit Mikrofon, professionell die Animation übernahmen. Da liegen dann Welten zwischen den Bräuchen der Alten und den modernen Gewohnheiten der Jungen, die nurmehr noch auf Besuch kommen, jedoch mittlerweile ganz anders leben. Das zeigt sich auch im Tanzstil!

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