Argentinien – Alpine Kultur in der Provinz Córdoba

Córdoba, die zweitgrößte Stadt Argentiniens ist mit 1,8 Mio Einwohnern recht überschaubar, ich hatte nach einem halben Tag eine gute Orientierung und zumindest das historische Zentrum abgelaufen.

Wie ich erfuhr, wurde die Stadt vom spanischen Gründer so benannt, weil seine Angetraute wohl Heimweh hatte und die kam aus Córdoba…

Ich hörte, dass es 120km entfernt ein „deutsches Dorf“ gibt, wurde neugierig und machte einen Ausflug nach La Cumbrecita. (Der Name bedeutet „kleiner Gipfel“ – dies ist keine Erfindung der einstigen Gründer, sondern sie übernahmen die Bezeichnung die diese Gegend schon hatte.)

(jede Menge Fotos sind hier zu sehen:

https://www.google.com/search?q=la+cumbrecita+fotos&client=firefox-b&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwi33YbArcfbAhXGiZAKHfHoD3wQsAQINQ&biw=1536&bih=727 )

Vor knapp 90 Jahren wurde La Cumbrecita von einer deutschen Familie gegründet, die im Laufe der Zeit mit anderen deutschsprachigen Leuten (Schweizern und Österreichern) ein Dorf aufgebaut hat, das tatsächlich von den Häusern her aussieht als befände man sich in Süddeutschland, der Schweiz oder Österreich! Auch die Vegetation ist eingeführt, hier stehen jede Menge Bäume und Pflanzen die ich kenne und die hier nicht einheimisch sind. Vor allem sind mir Birken aufgefallen!

La Cumbrecita ist der erste und einzige Ort in Argentinien der Autofrei ist, außer Versorgungsfahrzeugen fährt im Dorf nichts. Außerdem gibt es an jeder Ecke eine Sammelstelle für Plastikflaschen und es wimmelt nur so vor Hinweis- und Verbots- Schildern.

Mitten in Argentinien durch ein solches Dorf zu laufen ist ein seltsames Gefühl! Es gibt in den Restaurants deutsches Essen und sie brauen dort Bier! (Die Bierbraukunst ist allerdings nicht so was besonderes, sondern hat sich lange schon in ganz Lateinamerika verbreitet, überall wo ich war gibt es kleine Brauereien und man kann diverse sehr leckere Cervecas Artesanales kaufen!)

Ich habe einen Einheimischen von etwa Ende 30 gefragt, was sonst von der deutschsprachigen Kultur gelebt wird. Er sagte, von seiner Generation spricht niemand mehr deutsch und dass er kaum irgendwas von deutscher oder Schweizer Kultur wüsste. Niemand von den jüngeren Leuten sei je in Europa gewesen. Hingegen kommen oft irgendwelche Verwandte aus Deutschland oder der Schweiz hierher. Seine Großeltern, die aus dem Schwäbischen kamen sprachen zuhause deutsch. Auch seine Mutter – die mit den schwäbischen Eltern – und sein Vater, der Schweizer Eltern hatte, reden immer noch Deutsch. Aber von der nächsten Generation niemand mehr. Nur noch ein paar Kochrezepte haben überlebt und der Adventskranz! Auch singen sie immer zu Weihnachten „Oh Tannebaum“ auf deutsch, aber ohne zu wissen was der Text bedeutet, das fand ich lustig!

Ich sagte ihm, dass ich es interessant fände, hier eine längere Zeit zu bleiben und die Leute verschiedener Generationen über ihre Identitätsgefühle zu befragen! Da bin ich nicht die einzige; der Mann schenkte mir ein Buch über die Dorfgeschichte, geschrieben von einem Italiener der seit 1977 hier lebt und diese erforscht hat.

Ich las nach, dass die seit 1932 in Buenos Aires lebende deutsche Familie Cabjolsky sich auf einer Ferienreise in diese Gegend verliebt hatte, im September 1934 hier Land erwarb, Zelte aufschlug und begann, mit Hilfe von Freunden und in der Gegend lebenden Einheimischen Häuser im alpinen Baustil zu errichten. Es wird erwähnt, dass die Einwanderer einige Methoden der einheimischen Bauweise übernahmen und die Häuser somit Wetter- resistenter wurden. Die klimatischen Bedingungen sind im Winter rau, es fällt Schnee und die Temperaturen sinken durchaus auf weit unter 0 Grad.

Damals war es eine 7 bis 8 stündige Reise bis zur nächsten Ortschaft. Die Familie Cabjolsky scheint viele Freunde unter ihren Landsleuten gehabt zu haben, denn von Anfang an verbrachten eine Menge Menschen ihre Ferien hier, von denen sich mit den Jahren ein Großteil fest ansiedelte.

Wie Fotos bezeugen, integrierten sie jedenfalls schon damals die Kultur des Asado und des Mate Trinkens. Außerdem ist zu sehen, dass es hier früher kaum Bäume gab – all die vielen Bäume die heute hier stehen wurden tatsächlich damals angepflanzt!

Weniger Erfolg hatten die einstigen Dorfgründer mit der Viehzucht. Umso besser lief es mit dem Tourismus. Bereits Anfang der 50ger Jahre gab es 3 Hotels mit insgesamt 99 Betten in La Cumbrecita! Bis heute besteht die touristische Attraktion fort, ohne Zweifel ist aufgrund seines alpinen und damit für Argentinien exotisch anmutenden Aussehens diese Dorf eine Besonderheit.

Als Deutsche dort hinzukommen ist eine interessante Erfahrung die ich nur weiter empfehlen kann. Ich traf im Bus Viktor, einen jungen deutschen Studenten Mitte Zwanzig, den ebenfalls die Neugier hierher führte. Wir verbrachten den Tag zusammen und führten anregende Gespräche. Ich war froh, meine Gedanken und Gefühle beim Besuch dieses Ortes mit einem Landsmann austauschen zu können.

Interessant war für mich, wie sehr ich mich anstrengen musste, nicht etwas „deutsches“ in Menschen hineinzusehen, in einer Umgebung, die einfach allzu sehr an ein Alpendorf erinnert. Warum empfinde ich das so?

Trotzdem sie spanisch reden und die kolonialen Häuser eindeutig an Spanien erinnern, passiert es mir ja z.B. auch nicht, in allen Argentiniern oder Mexikanern etwas „spanisches“ zu sehen!!

Vielleicht liegt es daran, dass in diesem Dorf überall deutsche Fahnen und Bundesadler herumhingen! In jedem der vielen Andenkenläden Bierkrüge, Flaschenöffner und alles mögliche Zeug mit deutschen Wappen, ich habe sogar Mate und Bombillas gesehen die damit verziert waren! Auch das Schweizer Kreuz und die Österreichische Flagge sieht man häufig…

Dennoch, wie uns gesagt wurde fühlen sich die Leute selbst nicht als Deutsche. Identität scheint eher von der Gesellschaft in der man aufwächst abzuhängen als von der Kleinfamilie und solchen Gewohnheiten wie Familienrezepten. Jedenfalls dann, wenn Menschen freiwillig in eine andere Kultur wechseln. – Im Falle von Vertreibung oder Flucht scheint dies durchaus u.U. anders zu sein… In diesem Zusammenhang war es noch interessant, dass Viktors Großeltern und Eltern als Deutsche im Wolgagebiet gelebt hatten und sich sehr wohl ihre deutsche Identität erhalten hatten, bis dahin, dass sie mit ihm nie russisch sprachen. Als er ein sehr kleines Kind war zogen sie nach Deutschland um.

Ob Du durch diesen Besuch in La Cumbrecita neugierig geworden worden bist, Deine Eltern genauer über ihr Leben und ihre Gefühle als Deutsche in der damaligen Sowjetunion und ihre heutigen Empfindungen als Deutsche in Deutschland zu befragen, Viktor??…

In La Cumbrecita, einem Dorf das von Leuten aufgebaut und bewohnt wurde, die alle deutschsprachig waren, hat das Interesse für die deutsche Sprache und Kultur scheinbar nicht zwei Generationen überlebt. Auch dass sie Bundesadler an die Wand hängen und deutsche Flaggen hissen bedeutet nichts! Es ist zum Glück nicht dasselbe wie in Land Brandenburg oder Meck-Pomm…

Letztendlich hat das ganze heutige argentinische Volk seine genetischen Wurzeln in allen möglichen Ländern. Die wenigsten Argentinier sind „Aborigines“ wie sie hier sagen: Nachkommen von insgesamt 30 Ethnien, die vor dem Eintreffen der Spanier auf dem Territorium des heutigen Argentinien lebten. Dies liegt einerseits daran, dass Argentinien vor der Kolonialzeit nur im Nordwesten dicht bevölkert war, zum anderen auch daran, dass die Aborigines zum Großteil während der Kolonisierung und später von den Argentiniern umgebracht wurden. Heutzutage sollen nur etwa 1,5 Mio. der Argentinier indigene Wurzeln haben. (bei einer Gesamtbevölkerungszahl von etwa 44 Mio.) In der Provinz Jujuy ist mit etwa 10% indigener Bevölkerung der Anteil am höchsten.

Nachdem Argentinien 1816 unabhängig wurde, wurden „fleißige Arbeiter“ gebraucht, die aus allen möglichen europäischen Ländern einströmten und weil sie gebraucht wurden willkommen geheißen wurden. Als Sprache hat jedenfalls das Spanisch alles andere plattgemacht, die Vorfahren aus Italien, Frankreich oder Syrien und sonst woher haben ihre Sprache genauso wenig erhalten wie die deutschsprachigen.

Inwieweit für die heutigen erwachsenen Argentinier die Herkunft ihrer Großeltern von Bedeutung ist kann ich schwer einschätzen.

Ich hörte öfter, dass Personen die einen Vorfahren aus arabischen Ländern haben als „Turco“ = Türke benannt werden und ein cholerischer Charakter der Nachkommen eines „Turco“ damit eine Erklärung findet. Das heißt aber nicht, dass die betreffende Person von den anderen nicht als Argentinier wahrgenommen wird!

Ich habe recht viele Argentinier getroffen, die einen italienischen, spanischen oder französischen Pass besitzen, weil ihre Großeltern aus den jeweiligen Ländern kamen. Dies erleichtert das Reisen und hat vielleicht einige weitere Vorteile, bedeutet jedoch nicht, dass sich die Leute mit der Nationalität diese Passes identifizieren. Da kann man mal sehen wie willkürlich es ist, jemandem eine Staatsbürgerschaft zuzugestehen oder zu verweigern. Aber das ist ein anderes Thema über das ich mich hier nicht weiter auslassen will…

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