Oration zum 15. Geburtstag

Anders als in der Stadt werden in der Comunidad Geburtstage nicht oft beachtet. Nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass zumindest ältere Leute (zu denen ich auch mich zählen muss) nicht selten keine Ahnung haben, wann sie geboren sind. Zudem kann es sich bei dem Kinderreichtum vieler Familien kaum jemand leisten Geburtstage zu feiern, geschweige denn mit Geschenken.

Ich weiß nicht, seit wann die Familie in Zitim Geburtstage begeht. Seitdem ich sie kenne wurde jedenfalls immer mit einem leckeren Essen im Familienkreis gefeiert.

Leos 15. Geburtstag wurde als Eintritt ins Erwachsenenalter besonders gewürdigt, nämlich mit einer Oration, gehalten vom Großvater.

Der Hausaltar war geschmückt. Leo und der Opa hockten davor, die Familie saß im Halbkreis drumherum. Orationen sind sehr feierlich. Andächtig wird beobachtet, wie der Curandero die Kerzen aufstellt und rundherum mit Piniennadeln und Blumen dekoriert. Danach geht er mit dem „Copalero“ herum, aus dem der Copal, der Weihrauch, hochsteigt und räuchert jeden ab, man bekommt etwas Tabak in den Mund und auf den Kopf und muss das Kreuz küssen. Ich stellte erfreut und überrascht fest, dass Don Isauro tatsächlich die Halskette mit dem äthiopischen Kreuz der koptischen Christen für die Oration benutzt, die ich ihm vor ein paar Jahren geschenkt hatte. Sie wurde Leo umgehängt.

Dann wird in alle vier Himmelsrichtungen Rauch gepustet. Somit ist der Ort und jede einzelne Person gereinigt und für die Oration vorbereitet. Der Rauch geschwängerte Raum machte nicht nur meinen Lungen zu schaffen. Einige mussten husten. Aber ohne Weihrauch geht es auf gar keinen Fall, denn der Rauch trägt die Fürbitten dorthin wo sie ankommen sollen. „Wenn Du den Rauch hoch pustest steigen die Gebete auf und der Wind nimmt sie mit sich.“

Der Großvater betete zu Gott und jedem einzelnen der vielen Heiligen, die alle eine bestimmte Schutzfunktion haben. Er entschuldigte sich in Leos und im Namen der Familie für eventuelle Verfehlungen und bat um Gesundheit und Beistand auf Leos künftigem Lebensweg.

Danach gab es auf Leos Wunsch Tacos, aber für die Großelterngeneration, die an ein so neumodisches Essen nicht gewöhnt ist, eine gute Hühnersuppe!

Ich hatte vor ein paar Jahren aus der Stadt den Brauch mit der Pinata eingeschleppt – ihr wisst schon, diese mit Süßigkeiten gefüllten Puppen die am Strick baumeln und zerschlagen werden. Im Zweifel, ob Leo wohl mit 15 noch auf eine Pinata würde einhauen wollen entschied ich, keine zu kaufen. Ich befürchtete es könne ihm peinlich sein. War aber ein Denkfehler – ich hatte gar nicht an die ganzen anderen Kinder gedacht die ja alle viel jünger sind und mit Oma und Opa in voller Erwartung auf den Gaudi anmarschiert kamen…

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