Chiapas – Abenteuer Laguna Miramar

Ich hatte tolle Fotos von der recht abgelegenen Laguna Miramar im Dschungel der Selva Lacandona nahe der guatemaltekischen Grenze gesehen. Einige Bekannte die schon dort waren, berichteten von wundervollem kristallklaren Wasser in traumhaften Farben und Lagerfeuerromantik beim Zelten am Seeufer, jedoch auch davon, dass die Anreise beschwerlich sei und man die letzte Wegstrecke durch die Selva mit einem entbehrungsreichen Marsch durch tiefen Schlamm zu Fuß oder Pferd zurücklegen muss. Alles zusammen versprach ein kleines Abenteuer für das mir der 15jährige Leo der ideale Reisepartner schien.

Schlauerweise dachte ich mir aus, dass wir in der Trockenzeit den Schlamm vermeiden könnten.

In den Weihnachtsferien fuhren wir los. Einige Tage zuvor hatte mitten in der Trockenzeit ein Tiefdruckgebiet ganz Mexiko erfasst, es war kalt und regnete tagelang immer wieder erheblich. Obwohl meine Hoffnungen darauf, trockenen Fußes zur Lagune zu wandern schwanden, waren wir wild entschlossen – zumindest würde der Kälteeinbruch uns vielleicht im Dschungel vor extremer Hitze bewahren.
Wir fuhren nach Las Margaritas, ein recht großes Dorf von dem aus die Colectivos nach Emiliano Zapata abfahren, der indigenen Gemeinde von der aus die Wanderung losgeht. Unerwarteterweise begann das Abenteuer schon hier.

Dass wir um 5 Uhr früh unser Hotel in Comitán verlassen hatten um möglichst zeitig loszukommen war gar nicht nötig gewesen, denn wir warteten nun noch ca. 2 Stunden darauf, dass genügend Fahrgäste zusammenkommen und beobachteten dabei interessiert das indigene Dorfleben. Mir fiel nach einer Weile auf, dass ein Großteil der Leute, die geschäftig auf der Dorfstraße vorbeirannten oder -schlenderten immer wieder dieselben waren. Bald kannten sie auch uns und wir wurden sogar gegrüßt.

Sicherlich, eine „Gringa“ von meiner Körpergröße mit einem indigen aussehenden Jugendlichen, das ist schon auffällig und gibt, egal wo wir unterwegs sind, immer viel Anlass zu Spekulationen über unser Verhältnis. Wenn ich mit seiner Schwester Juanita allein unterwegs bin ist es genauso. Die Leute meinen entweder, ich sei die Mutter (wie schmeichelhaft, da ich ja eher im Großmutteralter bin…) oder die „Patrona“ die mit ihrem „Muchacho“ (Angestellter, der im Haus der Arbeitgeber lebt) unterwegs ist. Öfter dachten sie auch Leo sei mein Guide.

Als das Colectivo endlich mit Menschen und Gepäck vollgestopft war, begann nicht etwa die Fahrt, sondern nun wurde das Dach beladen. Man stapelte Kistenweise Coca-Cola, Waschmittel, Kekse ect. – kurz alles was das Sortiment eines Dorflädchens ausmacht – auf zwei riesige Kühlschränke, davor klemmten sie noch ein Fahrrad. Über allem wurde eine große Plane festgezurrt, denn es begann zu regnen. Dann ging es los. Ca. 5 Stunden sollte die Fahrt dauern, am Ende waren es fast sieben.

Von der schönen Berglandschaft war erst mal nicht viel zu sehen. Statt abwärts schien es aufwärts zu gehen und wir verschwanden in den Wolken. Irgendwann begann der Abstieg und die Landschaft tauchte wieder auf. Dies ist „tierra recuperada“ – von den Zapatisten verwaltetes „zurückerobertes Gebiet“ – erkennbar daran, dass am Eingang zu jeder Gemeinde selbstgemalte Schilder darauf hinweisen und die typischen schönen Wandmalereien gemeinschaftlich genutzte Bauten, wie Schulen oder Gemeindehäuser, zieren.
Das Colectivo steuerte ein schätzungsweise 15jähriger Jugendlicher, der offenbar seinen ersten professionellen Personentransport in rasender Geschwindigkeit durch die serpentinenreiche Landschaft bewältigte. Jedes mal wenn uns ein Colectivo von der entgegengesetzten Richtung begegnete wurden von Fenster zu Fenster Grüße ausgetauscht und er erhielt Glückwünsche zur Jungfernfahrt. Eng zusammengequetscht ging es von Dorf zu Dorf, ich saß in der Mitte, den Kopf zwischen den Knien, weil meine Füße auf einer hohen Kiste standen. Der junge Mann rechts neben mir kotzte in regelmäßigen Abständen aus dem Fenster. Anhalten wegen Übelkeit ist hier nicht üblich. Mir zur Linken saß Leo und atmete ebenfalls schwer, konnte aber den Brechreiz unterdrücken.

Nach etwa der Hälfte der Wegstrecke ging die bisher gut ausgebaute Straße in „terracería“ über, was bedeutet, dass es sich um einen unbefestigten Weg handelte der manchmal gefährlich nahe am Abgrund verlief .

Ein Umweg von etwa einer Stunde führte zum Dörfchen in dem die Kühlschränke abgeladen werden sollten. Ein über das Ufer getretener Fluss überschwemmte den Weg und war etwas zu tief für unseren Schwerlasttransport. Also alle aussteigen, nun klappte es. Der Bus verschwand auf der anderen Flussseite. Um die Kühlschränke und das Sortiment des Einkaufsladens erleichtert, kehrte er nach einer gefühlten Ewigkeit zurück und weiter ging´s. Irgendwann am Nachmittag kamen wir gerädert in Zapata an. Der arme Leo war fix und fertig, er ist Anstrengung gewohnt, aber nicht die Strapaze des untätig-Seins auf Reisen! Er beklagte sich nicht, aber sicherlich fragte er sich nach der Sinnhaftigkeit solcher Urlaube von denen ich immer so begeistert schwärme.


Wir entschieden Pferde zu mieten, da der Schlamm auf dem Weg knietief war. Mein Pferd, eher von zierlichem Körperbau, hieß witzigerweise Máximo. Leo sagte grinsend „Sei freundlich zu ihm, es könne der Nahual von Máximo sein.“ (Ein Nahual ist in den Mythologien Mesoamerikas ein persönlicher Schutzgeist. Die Azteken und Maya nahmen an, er könne in tierischer oder pflanzlicher Gestalt auftreten und sei jeweils mit einem Menschen so eng verbunden, dass Tod oder Verwundung immer beide treffe.)
Der Weg war durchaus anspruchsvoll mit steilen Auf- und Abstiegen, die das Tier springend bewältigen musste, um nicht im tiefen Schlamm stecken zu bleiben. „Das Pferd kennt den Weg!“ sagte ich mir, immer an den Reisebericht einer Frau denkend, die Anfang des letzten Jahrhunderts reitend im Himalaja unterwegs war und ihrem Pferd auf schmalen Ziegenpfaden, an hunderte Meter tiefen Abgründen vorbei, ihr Leben anvertraut hatte. Ihre Technik die Augen zu schließen konnte ich aber nicht übernehmen, weil in der Selva mehr Bäume wachsen als hoch oben im Himalaja. Wir hingegen mussten ständig stacheligen Ästen ausweichen, denn die Pferde berücksichtigen nur ihre eigenen Körpermaße.

In meiner Jugend war ich geritten. Jedoch hatte ich damals keine Brille! Ich stellte fest, dass es sehr hinderlich ist, wenn in der Hitze der Selva die Gläser beschlagen und die Brille ständig von der schweißnassen Nase rutscht. Wir kamen jedoch schließlich unbeschadet ans Ziel. Gerade als ich absitzen wollte begann mein Máximo zu springen und auszuschlagen als wäre er urplötzlich im Rodeo gelandet, denn Leos Stute hatte sich ihm ungebührlich von hinten genähert. Es war so überraschend, dass ich gar keine Zeit hatte mich zu erschrecken. „Oh ich sehe du kannst ja ein bisschen reiten“ sagte der Pferdebesitzer zu mir, weil ich mich nicht hatte abwerfen lassen. Tatsächlich war ich froh über meine früheren Reiterfahrungen…


Direkt an der Lagune stellten wir unser Zelt unter einer Palapa auf, wäre es nachts etwas wärmer gewesen hätten wir auch in der Hängematte schlafen können. Außer uns und unseren Beschützern, freundlichen Dörflern war kein anderer Mensch hier.
Die Männer unterhielten sich zu unserem Erstaunen in Tseltal, natürlich in der Annahme dass wir kein Wort verstehen. Recht schnell kriegen sie aber spitz, dass Leo sehr wohl verstand was sie sagten, denn er konnte sich einmal das Lachen nicht verkneifen. Da war das Erstaunen auf ihrer Seite, denn sie dachten, dass er mein Sohn sei und demnach keine indigene Sprache spreche. Wir erfuhren, dass Don Hijinio in Leos Alter aus dem Hochland von Chiapas, also unserer Gegend, hier eingewandert war. Sein Vater arbeitete zu damaligen Zeiten – vor 50 Jahren – für einen Patron, was bedeutet, dass er praktisch Sklavenarbeit leistete. Derartige Zukunftsaussichten gefielen dem jungen Hijinio nicht und er suchte sein Glück wie viele andere Tseltales hier. So erklärt sich, dass die eine Hälfte der heutigen Einheimischen Tseltal spricht, während die anderen eine völlig andere Sprache reden, ich glaube Chol.

Zusammen mit unserem Wachschutz saßen wir einträchtig am kleinen Feuer, und teilten unser mitgebrachtes Dosenessen und Kaffee und ihre Tortillas und Eier. Wir erfuhren, dass die Errichtung dieses kleinen Camps darauf zurückgeht, dass vor Jahren zwei ausländische Touristinnen hier beim Zelten überfallen und vergewaltigt worden waren. Etwa 120 Leute der Gemeinde Zapata kümmern sich jetzt gegen eine geringe Gebühr reihum an 360 Tagen im Jahr darum, Touristen zur Lagune zu führen zu bewachen.

Mit dem tierischen Gebrüll der Affen und dem lauten Zirpen der Grillen schliefen wir ein.
Am frühen Morgen fuhr uns Don Hijinio mit dem Boot über die etwa 16 km2 große Lagune. Still ruht der See zu dieser Tageszeit, so dass wir das wunderschöne Farbspiel im kristallklaren Wasser bewundern konnten. Eine kleine Wanderung führte uns zu verschiedenen Aussichtspunkten und Don Hijinio erklärte uns einiges zu Flora und Fauna.

Später liehen wir uns zwei Kajaks, überqueren den See und paddelten danach die Strecke nochmals ab.

Inmitten des Sees hörte ich ein seltsames Plätschern, als würde Wasser in den Hohlraum des Kanus dringen, konnte aber kein Leck erkennen und vergaß das Geräusch wieder. In Ufernähe, wir beobachteten gerade die Brüllaffen bei ihrer Mittagsmahlzeit in den Bäumen, begann mein Böötchen zu sinken. Ich schrie nach Leo, dem ich gerade noch mein Handy übergeben konnte, ehe ich samt Kajak im Wasser versank. Während ich mit dem abgesoffenen Kajak im Schlepptau quer über den See schwimmend den Rückweg begann, paddelte Leo zurück um Hilfe zu holen. Nicht nur wegen der Entfernung, sondern eher der Krokodile wegen, die in den Mangroven am Ufer leben. Immerhin hatte uns Don Hijinio erzählt, dass letzte Woche sein Hund von Krokodilen gefressen wurde…
Nach einer Weile kam ein Retter mit dem Ruderboot. Aus Sorge, dass sein Boot kentern könne wenn ich mich im Tiefen hinein hieven würde, schlug er vor, dass ich ans Ufer schwimmen und dort einsteigen solle. Klar, er war Nichtschwimmer, aber in Anbetracht der möglicherweise hungrigen Krokodile schien mir das keine besonders gute Idee! Ich übergab also mein gesunkenes Schiff, hängte mich an Leos Kanu und ließ mich gemütlich ein gutes Stück quer über die Lagune ziehen, ehe ich den Rest schwimmend zurücklegte. Später stellten wir fest, dass eine Schweißnaht an meinem Kanu offenbar undicht war und das Wasser langsam dort eingedrungen war.

Weil Heiligabend vor der Tür stand mussten wir leider am nächsten Tag schon wieder zurück reisen. Ich war mir mit Leo einig, dass sich trotz der viel zu kurzen Zeit die Strapazen der Reise auf jeden Fall gelohnt haben!



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