Mexiko/San Cristóbal – „Bleib zu Haus!“ wenn du kannst…

In Berlin genießen wir die Sonne und den beginnenden Frühling. Die Straßen sind angenehm leerer, die Parks dagegen bevölkert.

Zwar ist Klopapier immer noch Mangelware, jedoch gibt es nach wie vor Kaffee, Mangos, Bananen ect, Steaks aus Argentinien, Wein aus Italien, Frankreich und Südafrika. Ich gewinne nicht den Eindruck, dass viele Leute die Lage sehr ernst nehmen. Wenn plötzlich nur noch lokale Produkte im Supermarkt zu finden wären würde das mehr Nachdenken auslösen als wenn die Maskenpflicht eingeführt würde.

Wir sind in Kontakt mit Máximos Familie in Argentinien und meinen Leuten in Mexiko. In Argentinien ist es ganz krass: absolutes Ausgangsverbot. In Mexiko gibt es genau wie in Deutschland die Empfehlung zu Hause zu bleiben. Ich sendete Fotos aus dem Park und bekam Bilder von der abgesperrten verwaisten Fußgängerzone in San Cristóbal geschickt. Luis, der 20jährige Sohn meiner Freundin Mary beschrieb mir in einer Mail wie er die gegenwärtige Situation wahrnimmt:

Die Tage vergehen und erscheinen mir wie ein Sonntagnachmittag oder ein Wochenende. Manchmal ist es so ruhig und langweilig, dass man nichts findet, was man tun kann, etwa so wie am 25. Dezember oder am 1. Januar. Das ist schon die ganze Zeit so seit ich nach San Cristóbal zurückgekehrt bin (20.März). Manchmal hab ich dann wieder den Eindruck, dass auf den Straßen mehr Bewegung herrscht und es schwierig ist, die Menschen dazu zu bringen, still zu Hause zu bleiben. Die Ausreden um nach draußen zu gehen, beschränken sich auf den Kauf von Lebensmitteln, Medikamenten oder das Abheben von Geld.

Es ist seltsam, dass die Fußgängerzone „Andador de Guadalupe“ (im Zentrum) um ein Uhr nachmittags leer ist. Schilder weisen darauf hin, dass eines Tages jedes Geschäft oder Restaurant in seine Räumlichkeiten zurückkehren wird.

Trotzdem, in Seitenstraßen kann man Leben sehen. Die lokalen Geschäfte sind noch offen, obwohl wenig besucht. Sie hängen nicht vom Tourismus ab.

Es gibt Tausende von Meinungen und Ideen zum COVID-19. Ich habe den Eindruck, dass jeder ein Experte für seine eigenen Ideen und Schlussfolgerungen geworden ist und denkt, dass seine Meinung, egal was andere sagen, die wichtigste ist und diejenige, die uns vorwärts bringen kann… Vielleicht übertreibe ich, aber manchmal erweckt es den Eindruck, dass es so ist.

Es gibt diejenigen, die nicht daran glauben dass der Virus überhaupt existiert sondern aus politischen Gründen diese Idee verbreitet wird und deren Vorstellungen bis zu globalen Verschwörungen reichen.

Andere sind überzeugt dass er existiert und propagieren „Wir bleiben zu Hause!“

Wieder andere glauben, dass es den Virus gibt, aber man nichts dagegen tun kann – was bedeutet, dass sie entweder am Hunger oder am Coronavirus sterben werden. Vielleicht ist letzteres das, was ich am meisten gehört habe.

Es ist sehr schwierig für die Menschen zu Haus zu bleinen, um nicht zu sagen unmöglich, da ein Großteil täglich arbeiten muss, um Tag für Tag etwas zu essen zu haben, sie leben von der Hand im Mund. Das macht die Komplexität der Situation in Mexiko aus.

Hinzu kommt, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen in Mexiko, insbesondere in der Metropolregion, in der viele Menschen drinnen sein könnten (wenn sie in gesicherten sozialen Verhältnissen leben), draußen sind und diese Zeit als Urlaub nehmen.

Eine andere Sache die ich ansprechen muss und die besonders auf Chiapas zutrifft, sind die schlechten Gesundheitsdienste, insbesondere in indigenen Gebieten. In den Comunidades gibt es (immer, nicht nur auf die gegenwärtige Lage bezogen) viel Unwissenheit darüber was in der Welt passiert. Ich bin sicher, dass viele Menschen dort noch nicht einmal von der Pandemie gehört haben. Dort könnten sie die Krankheit gar nicht stoppen. Außerdem gibt es auch viel Unwissenheit über Krankheit an sich. Ich bin sicher, dass Menschen sterben werden, ohne zu wissen, woran.

Ich bin sehr besorgt über die Situation in den indigenen Gemeinschaften und darüber, wie sie damit umgehen werden.

In meinem Fall habe ich die Möglichkeit, zu Hause zu bleiben und ich bräuchte nicht auf den Markt zu gehen. Lebensmittel kann ich auch im Lädchen kaufen. Es ist aber, wie ich schon gesagt habe, schwierig, drin zu bleiben. Wir haben ja immer noch keine Ahnung, wie lange dies dauern wird. Jeder versucht auf seine eigene Weise damit klar zu kommen.

Als ich hier ankam begann ich, viele Fotos zu machen, zu lesen und einige Dinge zu schreiben und Gitarre zu spielen. Ich habe bisher noch keinen meiner Freunde getroffen und ich glaube nicht, dass ich sie bis Ende dieses Jahres sehen kann. Es sind keine langweiligen Tage, aber man fühlt sich von all dem überwältigt, irgendwie brauche ich einige Zeit mich auf diese Situation einzustellen.

Ich habe also beschlossen, auf dem Markt einkaufen zu gehen. Einer der Gründe, warum ich ständig auf den Markt gehe, ist Neugier. Zu sehen, wie sich all dies auf die Dynamik der Stadt auswirkt. Wie ich bereits erwähnte, wird das Zentrum ruhiger, aber der Markt lebt noch. Aber die Coletos sind dort nicht mehr. (Anm. „Coletos“ sind die nicht indigenen Einwohner von San Cristóbal). Man sieht nur noch die Leute die verkaufen und die Käufer, beides indigene Bevölkerungsgruppen. An dem Tag an dem sich der Markt beruhigt, werde ich wissen, dass die Dinge kritisch sind.

Ich mache mir noch immer wenig Sorgen um meine Gesundheit. Umso mehr jedoch darüber was in den indigenen Dörfern passieren wird. Die Bedenken von Luis teile ich zu 100%.

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Eine Antwort zu Mexiko/San Cristóbal – „Bleib zu Haus!“ wenn du kannst…

  1. Karla Schreiber schreibt:

    Liebe Christiane, ebenso wie du bin ich in Berlin unterwegs und fühle mich wenig beeinträchtigt. Als Psychodoc darf ich mich bewegen, das heißt sogar: ich muss arbeiten und dabei die Hygienevorschriften beachten. Einkaufen, spazieren gehen, Sport machen: Fahrradfahren sind erlaubt. Die Verunsicherung angesichts der verheerenden Zahlen von Todesopfern in U.S.A. , Italien und Spanien und England sind auch sehr nahe. – Das macht mich sehr traurig, denn es trifft v.a. breite Bevölkerungsmassen. In den Flüchtlingsghettoes der Welt ist der Virus noch nicht angekommen, die medizinische Versorgung , Ernährung, und alle Versorgungsmittel sind dort eher in einem erbarmungswürdigen Zustand und es gibt keine Unterstützung vor Ort! Die WHO- doe Weltgesundheitsorganisation und auch die Welternährungsorganisation müssen immer den Beitragsgeldern der reichsten Mitgliedsstaaten hinterher laufen. Ich denke: wir haben den Höhepunkt der Krise noch nicht erreicht! Mir ist ziemlich egal, welche Behauptungen Virologen und Politiker von sich geben. Und ich denke, ja, wir haben ein Problem! – Während wir hier in den Wohlstandsländern um die Aufhebung der Ausgangssperre engagiert sind, wird der Virus in den Ländern des Trikonts; Afrika, Asien, Südamerika noch viele Opfer fordern. – Selbstgemacht finde ich den Befall mit dem Virus nicht, auch wenn einige Virologen sich mittlerweile anders dazu äußern. Es war immer eine hegemoniale Wissenschaft, die sich nicht in die Bedingungen der Menschen in anderen Kulturen einfühlen konnte oder wollte. „Trotzdem“ werden derzeit Kinder geboren, wird geheiratet und auch aus anderen Ursachen gestorben. – Auch wenn wir diese Ausgangssperre als belastend empfinden, hat sie dazu geführt, dass wir aus einer „Epidemie“ noch keine „Pandemie“ erlebt haben, d.h. die erwachsene Bevölkerung ist zu 30 % infiziert.- Ich sehe die Interviews mit Krankenschwestern in New Yorck, die unter Tränen von ihrem harten Job erzählen und diese Epidemie mit Nine-Eleven vergleichen, als viel zu viele Menschen in die Krankenhäuser eingeliefert wurden. Die Beerdigungsinstitute, die keine Särge mehr haben. Das macht mich auch traurig. – Daher finde ich, dass das große Schweigen, das ich grade auch in Berlin zu dieser Uhrzeit erlebe in einem Mega-Party-Punkt, angebracht ist. – Die Virus-Epidemie kommt normalerweise in 3 großen Wellen. Wir sind grade in der 1. Welle. Deshalb bitte ich um Respekt und Rücksicht. Wer ist betroffen? All diejenigen, die kein zu Hause haben, keinen social-suppport, keine mediizinische Versorgung wie der englische Premier auf der Intensivstation, die schwach und hilflos sind. Für sie sollten wir beten!

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