Berlin – Raus mit dem Krempel! – Covid19 sorgt für Ordnung im Heim

Ausmisten scheint seit Wochen die Lieblingsbeschäftigung der Deutschen zu sein. Zumindest in Berlin. Vermutlich wird vielen die Wohnung zu eng weil sie ihr homeoffice installiert haben. Vor jedem dritten Haus wird wohlmeinend ein Sperrmüll eröffnet. Könnte ja sein, jemand anders braucht gerade diesen durchgesessenen Sessel, jenes ausgeblichene T-Shirt oder steht auf die kultigen schief gelatschten Schuhe aus dem Jahr 2010. Manchmal ist auch was brauchbares dabei. Heute fand ich zum Beispiel den Aktenordner für meine nächste Steuererklärung und Wäscheklammern.

Neulich beobachtete ich einen Mann, der Fotos von einem riesigen potthässlichen Puppenhaus machte, seine Tochter anrief und fragte, ob sie sich das wohl gerne holen möchte. Entweder ist das ein Akt bedingungsloser Liebe oder – was ich für wahrscheinlicher halte – es handelt sich um einen geschiedenen Vater.

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Mexiko/Zitim/Chiapas – Ein Traum ist wahr geworden – Einweihungsfeier der neuen Klinik

Endlich will ich über die schon nicht mehr ganz so taufrischen Neuigkeiten aus der kleinen Gemeinde Zitim im Süden Mexikos berichten! Es ist ein seltsames Phänomen, dass ich die Dinge die mir am wichtigsten sind oft am längsten vor mir her schiebe!

Gott sei Dank hatten wir am 2. Februar noch freudig und unbeschwert vom Corona-Thema die Einweihung des Klinik-Neubaus gefeiert. Es war ein wunderbares Fest zu dem etwa 100 Leute gekommen waren.

Schon Tage vorher begannen die Vorbereitungen mit viel Hilfe der Großfamilie. Alles wurde hergerichtet, zwei Ziegen und mehrere Hühner mussten ihr Leben lassen und wurden zu „Barbacoa“ verarbeitet – einer Art Gulasch auf mexikanisch, mit vielen Gewürzen und Chili.

Am Sonntag war es dann soweit. Nach der großen Messe aller versammelten 11 Dörfer der Diözese, auf der an diesem Tag auch die Kommunion der Geschwister Juana(11) und Leo(15) stattfand, begann am frühen Nachmittag die Einweihungsfeier mit der Segnung der Klinik.

Während der Zeremonie fühlte ich, wie sehr berührt ich war. Diese jahrelange starke Vision der Familie, eine neue Klinik für ihre Gemeinschaft zu bauen, war im Laufe der Zeit auch zu meiner geworden und hat sich nun realisiert. „Glaube versetzt tatsächlich Berge!“ dachte ich. Hier steht das wunderschöne neue Gebäude, an dessen Bau so viele helfende Hände aus unterschiedlichen Orten der Welt in verschiedenster Weise beteiligt waren. Ich bin ein bisschen stolz, dass auch ich einen Teil dazu beigetragen habe. Mir liefen vor Ergriffenheit und Freude die Tränen – aber gleich bekam ich von Josue eine Aufgabe: er bat mich Fotos zu machen.

Nach der sehr feierlichen Segnung wurde von den jungen Mädchen und jungen Männern der Familie das Essen aufgetragen, während eine Zwei-Mann-Band schon mit ihrem Musikprogramm begann. Danach dauerte es nicht lange und es wurde getanzt bis in die Abendstunden. Sogar die Omas entschlossen sich die Hüften zu schwingen – ein historisches Ereignis! Es war ein sehr schönes Fest.

Am nächsten Tag ging es dann dran, alles wieder aufzuräumen. Viele Hände machten der Arbeit schnell ein Ende.

Vor etwa einer Woche habe ich mit Josue kommuniziert und erfahren, dass es zum Glück bisher keine Anzeichen dafür gibt, dass jemand im indigenen Dorf sich infiziert haben könnte. Alle Kranken kommen mit den üblichen Symptomen und niemand ist mit Atemwegsproblemen gestorben. Sie versuchen, die Leute zu sensibilisieren und predigen vor allem die Wichtigkeit des Hände waschens. Man muss wissen, dass viele Menschen kein fließendes Wasser haben und das kostbare, über weite Strecken herangeschleppte Nass nicht zum Hände waschen „vergeuden“ wollen. Auch Seife können sich die meisten Familien nicht leisten… Sie benutzen für Haut, Haare, Geschirr und Wäschewaschen „Blanca nieves“, ein aggressives Waschpulver von dem mir sofort die Hände kaputt gehen.

Am Tag meines Abschieds wurde mir noch folgende Anekdote berichtet:

Den Erstklässlern einer Familie die ihr Wasser mühsam auf den Berg hoch buckeln muss, wurde von der Lehrerin beigebracht, wie richtiges Hände waschen zu sein hat: Nass machen, gründlich einseifen und mit ausreichend viel Wasser abspülen. Sehr motiviert belehrten die Kinder zu Hause ihre jüngeren Geschwister, Cousins und Cousinen, wobei sie sämtliches Wasser verbrauchten das Mutter und Großmutter in 2 großen Eimern herangeschleppt hatten. Da setzte es was! Sie bekamen tüchtig Schelte – und ich hoffe keine Schläge…

Mittlerweile hat es schon ein paar mal stark geregnet, es ist zu hoffen, dass zumindest der Wassermangel während der kommenden Regenzeit behoben ist.

Josue erzählte mir, dass viele Leute glauben, das Virus existiert nicht, sondern wurde von der Regierung oder „dem Kapitalismus“ erfunden um ihnen Angst einzujagen und sie auszurotten. Die geforderten Schutzmaßnahmen verstören die Menschen. Da sie sozusagen von der Hand in den Mund leben, würden sie verhungern, wenn sie zu Hause bleiben und ihre Arbeit unterbrechen. Natürlich gibt es auch in Mexiko die Kontaktsperre und Aufforderung zum Tragen von Mundschutz. In den indigenen Dörfern KANN das niemand einhalten. Man lebt in Großfamilie, nicht mal jeder hat ein eigenes Bett, oft schlafen mehrere Kinder in einem Bett oder bei den Großeltern, Kleinkinder schlafen eh´ im Elternbett.

Andere glauben, die Pandemie ist die Strafe Gottes und wird die dahinraffen die nicht „richtig“ glauben oder die gesündigt haben. Sie versuchen sich zu schützen nach dem Motto: „Da hilft nur beten!“ es wäre wünschenswert, dass sie das Hände waschen ebenso ernst nehmen…

Aber zumindest versuchen die Leute, nicht mehr in die Stadt zu fahren. Dennoch, viele Männer arbeiten in San Cristóbal auf dem Bau. Dort gibt es schon nachgewiesene Fälle von Covid19…Inzwischen ist der große Markt geschlossen worden. Ich denke daran, was Luis vor 4 Wochen geschrieben hat: „Wenn der Markt schließt werde ich wissen, dass die Lage ernst ist.“

Im Internet verfolge ich die Berichterstattung über die Entwicklung der Infektionszahlen in Mexiko. Heute las ich in einem Bericht über Mexiko City, dass die Zahlen nach unten manipuliert sind und es um ein vielfaches mehr Fälle gäbe als angegeben. In den Krankenhäusern gäbe es katastrophale Zustände, Menschen werden abgewiesen oder liegen in den Gängen. „Was hat das mit der Pandemie zu tun?“ denke ich. Ist doch sonst auch nicht anders.

Ich mache mir jedenfalls weiterhin Sorgen, vor allem um die alten Leute. Ich hoffe, dass ich alle lebend antreffe wenn ich das nächste Mal nach Zitim komme.

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Berliner Umland/Briesetal – Mit der S-Bahn ins Wunderland

Vor einigen Tagen haben wir eine fantastische Frühjahrswanderung entlang des kleinen Flüsschens Briese nördlich von Berlin gemacht. Die Briese ist schon ziemlich alt, sie entstand in der Eiszeit. Leider führt sie nicht genug Wasser um sie mit dem Kanu zu befahren.

Das Frühjahr ist die perfekte Jahreszeit um hier zu spazieren: Gerade beginnen die Blätter zu sprießen und tauchen alles in ein frisches, fast grelles Grün, aber dennoch fällt viel Sonnenlicht ein, weil die Bäume noch wenig belaubt sind.

Diese Wanderung zähle ich zu den schönsten Naturerlebnissen seit Jahren – und ihr wisst, wie viel und wo ich überall unterwegs war!!! Da reist man um die halbe Welt und hat so was in Berlin, unglaublich! Umso mehr, weil man ganz gemütlich von seiner Haustür mit der S-Bahn hierher fahren kann!

Traurig war, zu sehen, dass aufgrund des Wassermangels der letzten Jahre massenhaft große alte Bäume entwurzelt sind.

Natürlich waren wir nicht die einzigen die hier unterwegs waren, wovon das Papier zeugte, von dem der Weg gesäumt war. Wir fragten uns fassungslos, wieso die Leute massenhaft direkt am Wegrand ihr Geschäft verrichten und dann ihr Klopapier nicht mal mitnehmen! Ich kapierte das nicht und regte mich furchtbar darüber auf. „Das sind Frauen!“ behauptete Máximo. Ich konnte nichts dagegen setzen – denn Männer benutzen nun mal kein Klopapier wenn sie im Wald pinkeln.

Es ließ mich nicht los und ich erzählte mehreren Leuten empört von der Schweinerei. Schließlich präsentierte mir meine Schwägerin des Rätsels Lösung: Das war kein Klopapier, das waren Tempos! Man soll Taschentücher sofort nach Benutzung wegschmeißen, wegen Covid19, das nimmt „der Berliner“ wohl allzu wörtlich! Kann man so blöd sein???

Ich frage mich und meine auswärtigen Leser, ob die Bevölkerung in andern Landstrichen ebenso dermaßen ignorant und der Natur entfremdet ist?

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Wriezen/Oderbruch – Das wunderbarste Brautpaar der Welt

Heute ist ein besonderer Tag. Ein Tag an dem ich sehr bewegt zurückblicke in meine ferne Kindheit. Am 2. Mai 1969 haben meine Tante und mein Onkel geheiratet. Als eines der schönsten Feste meines Lebens, ganz sicher als schönste Hochzeit die ich jemals erlebte, ist mir dieser Tag in lebendiger Erinnerung.

Wie wir heute am Telefon feststellten, habe ich die unwesentlichen Fragmente – die standesamtliche Heirat – verdrängt, mein Hirn konzentriert sich auf die interessanteren und erfreulichen Ereignisse!

Da erscheint zuerst dunkel vor meinem geistigen Auge der Polterabend an dem erstaunliche Mengen von Porzellan zu Bruch gingen, dessen Scherben das Brautpaar zusammenkehren musste.

Die kirchliche Trauung ist viel präsenter; hatten wir mit meinem Bruder als Blumenkinder doch eine der bedeutendsten Funktionen inne! Während ich überaus ernsthaft und konzentriert einzelne Blümchen in korrekten Abstand fallenließ, schmiss der kleine Bruder mit vollen Händen verschwenderisch die Blüten herum, was meine Besorgnis erregte.

Als die Trauungszeremonie soweit vorangeschritten war, dass die Hochzeitsgäste (zu meiner Verwunderung und Irritation) mehr oder weniger verstohlen in ihre Taschentücher schnieften, entwischte der Knirps und schritt entschlossen auf den Altar zu, weiterhin mit vollen Händen Blumen verteilend, was der rührseligen Stimmung eine erfreuliche Wendung gab. Ein amüsiertes Lächeln zog über die Gesichter, außer vielleicht über das meiner Mutter, die kurzzeitig unter Druck geriet.

Vom üppigen Mittagessen – mein Onkel war Sohn des regional berühmten Metzgermeisters – ist mir vor allem eine Zitronencreme in Erinnerung, die sich unauslöschlich in meine Geschmacksknospen eingebrannt hat! Ich habe viel später einige Male versucht, eine solche Köstlichkeit herzustellen und es schließlich aufgegeben, weil ich nie auch nur annährend in der Lage war ein vergleichbares Ergebnis zu erreichen.

Das Highlight der Nachspeise wurde jedoch noch übertroffen von der Party, zu der Lifemusiker aufspielten. Meine Kavaliere Konrad und Hartmut – Cousin und Bruder des Onkels – weckten in mir für immer die Leidenschaft fürs Tanzen. Ich erinnere mich, dass ich Konrad den Vorzug gab, weil es mir nicht gefiel, dass Hartmut mich um anderthalb Köpfe überragte. Seltsamerweise gibt es in meiner Erinnerung ab einem bestimmten Punkt nur noch den Tanz und mich, ich war im siebten Himmel! Mein Endorphinrausch wurde irgendwann jäh unterbrochen, als ich aus mir noch heute unerklärlichen Gründen ins Bett geschickt wurde, vermutlich weil mein kleiner Bruder müde wurde und es so für unsere Eltern „ein Abwasch“ war.

Viel lieber hätte ich heute persönlich mit Tante und Onkel in diesen Erinnerungen geschwelgt als am Telefon… Ich sendete ein paar abfotografierte Hochzeitsbilder und dabei kam ich auf eine geniale Idee! Wie ich es mir schon dachte, bejahten sie die Frage, ob sie ihren Hochzeitsstaat noch im Kleiderschrank haben! Ich schlug vor, die Sachen nochmals anzuziehen und Hochzeitsbilder zu machen. Erst wollten sie nicht so recht und suchten Ausreden, vor allem der Onkel ;-): Hose passt nicht mehr, Hemd und Fliege schon laaaange weggegeben, da muss dann extra noch ein Schlips geknotet werden, Selbstauslöser – wie geht denn das?… Ich ließ nicht locker, zu begeistert war ich von der Idee! Schließlich lenkte der Onkel ein und sagte mir: „Wenn Tante Maria das Kleid anzieht, dann mach´ ich mit!“ Juchuuuuh!

Gespannt wartete ich auf die Fotos, die prompt nach einer Weile kamen, mit der Nachricht: „Passt alles nach 51 Jahren, auch wenn die Hose kneift. Die Prozedur hat uns ganz schön ins Schwitzen gebracht. Und das alles auf Deinen Wunsch!“ Ich war so gerührt, dass nun mir, wie damals den Hochzeitsgästen, die Tränen kamen.

Danke Tante Maria und Onkel Horst! Ihr seid ein wunderbares Paar!

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Berlin-Brandenburg – Freie Fahrt auf Wasserstraßen

Als ich auf der Spree einen Paddler sah kam mir der rettende Gedanke: als Fluchthilfe muss ein aufblasbares Kanu her!
Um Berlin gibt’s jede Menge Wasser und paddeln liebe ich sowieso. Vier mal habe ich das Böotchen schon zu Wasser gelassen.

Auf zwei Seen probierten wir das Kanu aus. Während die Ufer von Spaziergängern übervölkert waren herrschte Ruhe auf dem Wasser, lediglich ein paar standup Paddler mit einem Weinfässchen an Bord feierten Junggesellenabschied.

Zwei große Menschen würden sicherlich abtauchen, aber mit einer mittelgroßen Person kann ich gut zu zweit fahren.

Auf dem Finowkanal wird derzeit ein Traum wahr: keine weiteren „muskelbetriebenen Boote“ weit und breit und erst recht kein Motorboot, denn die Schleusen werden nicht bedient. Für mich kein Problem, mein Kanu kann ich locker allein tragen.

Außer Enten, Schwänen und Graureihern begegnete mir ein Mann der sein Lieblingskinderspielzeug zum Beruf gemacht hat und einen riesigen elektrischen Rasenmäher mit Fernsteuerung über den Damm dirigierte.

Mir fiel auf, dass viele Bäume von Bibern angefressen sind. Ich habe mich jetzt belesen, dass die Biber normalerweise Weichhölzer, bevorzugt Weiden, Pappeln und Espen mit einem Durchmesser von maximal 15cm fällen, um die zarten Triebe, Blätter und Knospen zu fressen. Diese Bäume gibt es aber am Uferstreifen nicht (mehr?) und deshalb müssen sie wohl auf andere, große ausweichen. Ein trauriges Bild. Wäre es sinnvoll gewesen, jährlich neue Weiden am Ufer zu pflanzen?? Die wachsen doch ziemlich schnell, in Wassernähe jährlich einen Meter. Und wenn die Biber sie kappen treiben sie im nächsten Jahr wieder. Warum kommt da keiner drauf, oder stimmt was nicht an meiner Idee???

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Berlin – „Herr, lass Hirn regnen… Oder Steine. Hauptsache, Du triffst!“

Unterwegs in der Stadt fällt mir gerade ständig auf, dass flächendeckend nicht nur Häuserwände beschmiert werden, sondern überhaupt alles, bis zu den Planken von Parkbänken.

Das Wort Graffiti will ich für die hohlen Kritzeleien, die sich schneller vermehren als der Coronavirus in seinen Hochburgen, nicht benutzen! Sie verdienen auch kein Foto.

Ich bin keine Gegnerin von street-art und ich bin Berlinerin! Aber was ich hier sehe kann ich nur als vorpubertäre Ausdrucksform von frustrierten Minderbemittelten mit Aufmerksamkeitsdefizit deuten. Es scheint erschreckend viele davon zu geben oder die arbeiten im Akkord, was nicht schwierig ist, da keinerlei kreativer Anspruch zu erkennen ist.

Manchmal gibt es auch sinnvolle Sprüche, auf den Bürgersteig gesprüht. Aber die überleben nicht lange.

Als ich vorgestern den Kolibri fotografierte der jahrelang das Elektrizitätshäuschen der Tram zierte und mich immer an Mexiko erinnerte ahnte ich nicht, dass ich grade noch die letzte Gelegenheit erwischt hatte…

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Mexiko/Chiapas – Besuch aus Berlin

Während das Leben dieses seltsame Schritttempo angenommen hat bin ich noch immer damit beschäftigt, die Erlebnisse der letzten Monate in Mexiko aufzuschreiben und Fotos zu sortieren, so wird das wohl noch eine Weile gehen. Gestern sagte ein Freund der mich schon sehr lange und früher sehr gut kannte, ich hätte ja in Deutschland gar keine Wurzeln mehr, selbst wenn ich hier sei hätte ich im Grunde nur mit der Latinokultur zu tun. Habe ich meine Wurzeln verloren? Ich glaube eher, ich hatte gar keine, ja die Idee des angewurzelt-seins erscheint mir so gar nicht passend für mich. Wieso sollte ein Mensch sich eher mit einem Baum als zum Beispiel mit einem Zugvogel identifizieren?! Natürlich könnte jemand spitzfindig bemerken, dass die Vögel des Futters wegen den Kontinent wechseln. Dazu kann ich dann nur sagen: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!“

Ich nehme euch heute also mit zurück nach Mexiko, meinem anderen Zuhause:

Die Familie im indigenen Dörfchen Zitim hatte schon oft internationalen Besuch. Ich habe dadurch viele interessante Leute kennengelernt. Die Besucher waren alle in irgendeiner Weise Sympathiesanten und Förderer der kleinen selbstverwalteten Klinik die die außergewöhnliche Familie als Kollektiv „Camino de viento“ gegründet hat.

(Eine kleine filmische Dokumentation über die Klinik und „Camino de viento“ findet ihr unter https://www.youtube.com/watch?v=LlCi3kuhiho )

Mit Rat, Tat und Spendenaktionen engagieren sich Menschen aus verschiedenen Ländern für die Klinik. Manche bleiben mehrere Tage oder sogar einige Wochen, um mitzuarbeiten und ihre Kenntnisse weiterzugeben, z.B. Ärzte, Physiotherapeuten, Psychologen und Hebammen. Josue und Luisa können dann alle ihre Fragen im Hinblick auf die Patienten besprechen oder es wird eine Weiterbildung organisiert zu einem Thema, das die jeweilige Person vermitteln kann. Aus alternativen Kreisen in San Cristóbal kommen auch Mexikaner um anderweitig zu helfen, so wie neulich ein Freund der die Elektrik installiert hat. Wer einmal länger dort war bleibt im Herzen verbunden und kommt irgendwann wieder…

Seitdem ich dort wohnte kamen auch „einfach so“ Besucher nach Zitim, Freunde von mir, aber auch Leute die ich erst kurz zuvor in Mexiko kennengelernt hatte. Ich lade nur Leute ein von denen ich annehmen kann, dass ihr inneres Gleichgewicht nicht davon abhängt, dass sie ihre Komfortzone im Hinblick auf Essensgewohnheiten und bestimmte Bequemlichkeiten nicht verlassen müssen. Zumindest vermeide ich mehrtägigen Aufenthalt von Gästen mit diesbezüglichen Betreuungsbedarf für den niemand Zeit und ich keine Lust habe.

Ende letzten Jahres war meine langjährige Berliner Heilpraktikerin Sieglinde mit ihrer Familie in Mexiko auf Reisen. Gemeinsam mit Gerdi, deren Tochter ebenfalls in Behandlung gewesen war, beschlossen wir, unseren Patientenstatus etwas aufzulösen und begannen, Sieglinde San Cristóbal und Umgebung als Reiseziel schmackhaft zu machen. Unsere Bemühungen hatten Erfolg.

Es ist immer etwas Besonderes, Menschen in Mexiko zu treffen, die ich „aus meinem Berliner Leben“ kenne. Ebenso geht es mir, wenn mich Freunde von anderswoher in Berlin besuchen! Ich finde es schön, ihnen meine Lieblingsorte zu zeigen und sie mit den Menschen bekanntzumachen die in meinem Leben wichtig sind.

Ich glaube, Gerdi und Oscar geht es ähnlich. Wir fuhren auf ihren Berg um sie zu besuchen, gingen ins Hogar Comunitario, mit meiner Freundin Mary und ihren Kindern Tamales essen und natürlich fuhren wir nach Zitim, wo die Familie schon gespannt wartete. Die Kinder lieben Besuch! Mit ihnen machten wir uns auf in den Wald zu den Ziegen und Schafen.

Auch Luisas Eltern und weitere Kinder aus der Verwandtschaft hatten sich eingefunden. Ich hatte vorgeschlagen, bei Luisas Vater eine Oration zu erbitten, weil für mich die religiösen indigenen Zeremonien diese so fremde Kultur am eindrücklichsten rüber bringen.

Nach der Oration aßen wir der Tradition gemäß gemeinsam. Wie immer hatte ein Huhn dran glauben müssen. Nico, Sieglindes Sohn, war neugierig auf das Hühnerschlachten gewesen – für einen Berliner Jugendlichen ist dies ja nicht gerade eine alltägliche Erfahrung. Aber Luisa hatte das Huhn vorsorglich schon am Morgen zu Suppe verarbeitet. Ihre Sorge, zartfühlenden tierliebenden Seelen ein Trauma zuzufügen, entspringt einigen Erfahrungen mit europäischen Gästen.

Wir besichtigten den Neubau der Klinik und nötigten Sieglinde, die traditionelle Tracht der Huixtecas anzuprobieren und machten Fotos. Im Gegensatz zu mir sah sie wie eine echte Mexikanerin aus!

Für uns alle, Gäste wie Gastgeber, war das ein sehr schöner Tag.

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