Guatemala – Mayastädte im Urwald von Petén – Natur siegt über Kultur

Die alten Maya-Kulturen waren genau wie ihre heutigen Nachfahren ansässig im Süden von Mexiko, in Belize, Guatemala und auch in El Salvador und Honduras. Nachdem sie verlassen wurden, überwucherte Urwald die alten Maya-Städte und vermutlich dauerte es gar nicht sehr lange bis Pyramiden sich in bewachsene Hügel und Berge verwandelten.

Ich behaupte mal – wenn man sie lässt – ist die Natur ist immer stärker als die Kultur. Gerade aktuell beobachten wir, dass sich die Natur in erstaunlicher Geschwindigkeit regenerieren kann. Die Covid-19-Pandemie legt den Verkehr lahm und sofort wird die Luft sauberer, in Venedig wird das Wasser klar ect., ect.

„Natur gehört zu dem was bleibt und sich nicht selbst vernichtet. Ganz anders steht es um die Kultur. Wahrscheinlich vermögen ihre technischen, namentlich militärischen Potenzen, sich selbst und alles irdische Leben auf einen Schlag zu zerstören.“ schreibt der Philosoph Georg Schiemann.

Bis heute ist nicht wirklich geklärt welche Umstände die Maya-Hochkulturen an vielen Orten veranlassten, ihre über Jahrhunderte aufgebauten Städte zu verlassen. Man vermutet jedoch, dass genau die Kultur und die Lebensweise der Maya selbst zum Klimawandel führte, der Wasser- und damit Nahrungsmittelknappheit bedeutete, denn sie holzten in riesigen Ausmaßen den Urwald ab.

Nur ein geringer Prozentsatz ihrer Pyramidenbauten ist bis heute freigelegt und das soll sich auch nicht ändern, damit nicht wieder dasselbe passiert.

Wir besuchten Tikal und Yaxha. In unserer von einem Guide geführten Gruppe zählte ich 9 verschiedene Nationen! Die alten Mayastädte liegen mitten im Urwald, durch den breite Wege angelegt wurden, so dass man hier ohne Machete ganz gemütlich spazieren kann. Über uns hoch oben auf den Bäumen turnten die Affen.

Ich dachte daran, dass unter jedem Hügel und Berg weitere Pyramiden verborgen sind und Jahrhunderte lang reges menschliches Leben herrschte, wo jetzt tropischer Wald ein Zuhause der Tiere ist! Wie phantastisch sich klar zu machen, dass auch unsere heutige Kultur ebenso vergänglich ist und die Erde vielleicht doch noch zu retten! Obwohl mir diese Vorstellung gefällt hoffe ich natürlich, dass ich mein Leben noch in Ruhe zu Ende bringen kann, auch wenn ich in derartigem Egoismus die Wurzel allen Übels sehe. Die Corvid-19-Pandemie beschäftigt mich in dieser Hinsicht sehr. Ich glaube nicht, dass die Menschheit jetzt ausstirbt, aber ich mache mir ernsthafte Sorgen im Hinblick auf meine Lieben in Mexiko und meine Zukunft dort und frage mich: Werde ich jemals wieder so unbeschwert und einfach dort oder anderswo hin reisen können?…

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Guatemala/Flores – Inselstadt im See Petén-Itzá

Flores; das schöne Inselstädtchen im See Petén-Itzá kannte ich schon von meiner letzten Reise. Ein, zwei Nächte wollten wir hier bleiben und schließlich wurden es sechs! Denn abgesehen vom wunderschönen klaren türkisblauen See hat die Umgebung einige archäologische Stätten zu bieten. (siehe https://hebammechiapas.wordpress.com/2018/02/12/reisen-in-guatemala-flores-tikal-yaxha) Außerdem hatte sich José, der kontaktfreudige Besitzer unseres luxeriösen Hostels einen Narren an Máximo gefressen. Er ließ uns reihum die Spirituosen-Delikatessen Guatemalas probieren, verriet wo es die beste Pizza und zur Happy hour abendliche Cocktails für wenig mehr als 1 Euro gibt – dort endete unser Tag dann regelmäßig – und am Wochenende fuhren wir zusammen zum Grillen aufs Grundstück der Schwiegereltern am anderen Seeufer. Wir schieden als Freunde der Familie und senden uns jetzt öfter watsapp Nachrichten…

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Guatemala – Der Prediger im Bus macht den Kirchgang überflüssig

In Guatemala wimmelt es nur so von Freikirchen und Sekten. Vermutlich selbsternannte Prediger sorgen mit der Bibel unterm Arm auf Straßen und Plätzen fürs Seelenheil ihrer Mitmenschen indem sie lautstark und mit Enthusiasmus Gott preisen, Zweifelnden mit Satanischen Strafen drohen und ihre Predigten auf die Menschen einschreien, egal ob es jemand hören will oder nicht. Zu meinem Erstaunen werden sie toleriert und zu meinem Erschrecken finden sie immer genügend Zuhörer.

Auf längeren Fahrten wurden uns mehrmals im voll besetzten Bus lang andauernde Predigten zuteil die sich gewaschen hatten. Gleichmütig ließen die Reisenden alles über sich ergehen und nicht wenige hörten offensichtlich aufmerksam zu. Auch Segnungen zwecks Läuterungen wurden angeboten und tatsächlich gab es eine Person die dies in Anspruch nahm. Interessehalber folgte ich anfangs den fanatischen Ausführungen, die aber sowohl inhaltlich als auch von der Lautstärke her nicht lange zu ertragen waren. Ich setzte meine Kopfhörer auf, drehte die Musik auf volles Volumen und schloss die Augen. Máximo hatte ebenfalls Kopfhörer aufgezogen, konnte jedoch noch hören, dass die Ungläubigen und Ignoranten die göttliche Strafe treffen würde.

Am Ende ihrer Litanei sammeln die Prediger tatsächlich ihre Kollekte ein.

Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass diese Fanatisten tatsächlich davon überzeugt sind was sie sagen. Fast immer erklären solche Leute, dass sie vorher ein „ganz schlechter Mensch“, meistens ein Säufer, gewesen seien und durch Göttliche Gnade geläutert wurden. Sie haben ein starkes Sendungsbewusstsein und in der Regel einen penetranten Missionierungsdrang.

Es gibt viele Alkoholiker und entsprechend viele Wanderprediger.

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Guatemala/Livingston – Karibik mal ganz anders

Livingston scheint eines von den vielen Enden der Welt zu sein…

Wenn nicht die Bootsfahrt über den Rio Dulce in Livingston enden würde, wer weiß ob sich jemals ein Tourist hierher verirren würde… Überhaupt kommt man nur per Boot hin. Wir hatten schon von meiner Freundin Gerdi gehört, dass sie vom gepriesenen „Karibikfeeling in Livingston“ maßlos enttäuscht war, dennoch hatten wir eine Übernachtung eingeplant um alles in Ruhe anzusehen. Außerdem hatte ich die Hoffnung, abends die berühmte Garifunamusik life zu erleben!

Die Garifuna, eine Volksgruppe von etwa 100.000 Menschen, deren Vorfahren Sklaven westafrikanischer Herkunft und indigene Kariben sind, leben an den Küsten von Honduras, Belize, Nicaragua und Guatemala. Sie haben eine äußerst interessante, jedoch mit Sicherheit leidvolle Geschichte.

Im 17. Jahrhundert fand auf der Karibikinsel St. Vincent die Vermischung der Kulturen statt, nachdem 1635 ein Sklavenschiff vor der Insel schiffbrüchig wurde. Aus den Nachfahren der Überlebenden und den Einheimischen bildeten sich die „schwarzen Kariben“.

St. Vincent liegt grob gesagt zwischen Venezuela und Puerto Rico, links neben den Barbados Inseln.

Sowohl französische als auch britische Kolonisatoren beanspruchten die Insel und wechselten sich Jahrzehnte lang in der Herrschaft mit den Kariben selbst ab, die sich immer wieder aufständig zeigten. 1783 trat Frankreich die Insel an Großbritannien ab. Die Briten beendeten 1797 die Aufstände indem sie ein „Friedensabkommen“ schlossen, welches beinhaltete, dass fast 5000 schwarze Kariben auf eine Insel vor Honduras verbannt wurden. Von dort aus erreichten sie das karibische Festland und ließen sich an den Küsten von Honduras, Belize, Nicaragua und Guatemala nieder. Deren Nachfahren wiederum sind die Garifuna. (Mittlerweile leben auch in den USA Garifuna, die auf der Suche nach Arbeit emigriert sind.)

Die Garifuna sprechen eine eigene Sprache, die zu den indigenen amerikanischen Sprachen zählt und in die mit der Zeit französische, englische und auch spanische Wörter integriert wurden. Wir waren erstaunt, dass die in Livingston lebenden Garifunas einen deutlichen englischen Akzent haben wenn sie Spanisch sprechen.

In den 90ger Jahren flohen während der Bürgerkrieges viele indigene Maya wegen des Genozids nach Livingston und wurden ansässig. So sind die Einwohner der Stadt heutzutage teilweise Maya, teilweise Garifuna, bzw. hat sich die Bevölkerung offensichtlich schon vermischt, es gibt hier Leute aller möglichen Hautschattierungen. Könnte also ganz interessant sein!

Äußerlich herrscht tatsächlich ein karibisches Flair, ich fühlte mich von der Architektur her erinnert an die Häuser an der Karibikseite von Costa Rica und vom baulichen Zustand her an heruntergekommene Küstenorte in Kuba. Allerdings machte auf mich alles einen Gottverlassenen und traurigen Eindruck und das assoziiere ich nicht mit Karibikfeeling! Musik war nicht zu hören und die Leute wirkten abgestumpft und mufflig.

Nachdem wir unseren Rundgang durchs Städtchen gerade in einem mittelschlechten Gasthaus beendet hatten und uns unschlüssig fragten was noch zu tun sei in Livingston – immerhin war es noch nicht mal 16 Uhr – sah Mr. Philip Flores, ein Garifuna – Typ gealterter Bob Marley – seine Stunde gekommen. Garantiert hatte er uns schon eine Weile observiert. Er wählte mich zur Kontaktaufnahme. „Hi, wie gehts?“ sagte er lässig auf englisch. Wie man das dann so macht auf solcherart freundliche Ansprache antwortete ich gehorsam: „Gut, sehr gut, klasse, alles super!“ – auf Spanisch, worauf er ebenfalls auf Spanisch mit eindeutig englischem Akzent wechselte. Er erzählte, dass viele Garifuna aus dem englischsprachigen Nachbarland Belize stammen bzw. dort zur Schule gegangen sind. Dann erklärte er uns, dass wir ja wohl gaaar nichts wissen von Livingston – oder ob wir etwa was gesehen hätten von der Kultur der Garifuna?! Natürlich hatte er damit voll meinen Nerv getroffen! Nein, in der Tat, zu meiner Enttäuschung hatten wir nichts gesehen, nur ein paar vereinzelte Leute dunkler Hautfarbe waren uns begegnet.

„Hier in diesen Straßen wirst du keinen Garifuna finden! Maya, alles Maya, kein Garifuna hat hier sein Geschäft!“ sagt er laut und verächtlich und wies auf die Andenkenläden an denen wir gerade vorbei latschten. „Kommt mit, ich zeige euch die andere Seite von Livingston, da wo meine Leute leben, die wurden nämlich von den Maya verdrängt!“

Mr. Flores zog ein abgegriffenes Papier aus der Hosentasche, das er stolz als angebliche Kopie aus dem „Lonly Planet“ präsentierte. Dort stand schwarz auf weiß, unter einer Skizze des Stadtplans von Livingston, wer authentische Informationen über die Kultur der Garifuna suche, solle sich an Philip Flores wenden. Und schon hatte er uns an der Angel mit seiner genialen Geschäftsidee: Ganz ohne website oder Büro betreibt er seine „Ein-Mann-Travel Agency“ und lebt damit vermutlich besser als manch anderer.

Wir folgten ihm – ich neugierig, Máximo wohl oder übel… Bei dem Sauwetter waren wir vermutlich seine einzigen Klienten.

Nach 100 Metern verkündete er, dass nun das Livingston der Garifuna beginne und wies auf die Holzhäuser im karibischen Stil die ihre besten Zeiten hinter sich hatten und als Opfer des letzten Hurrikans vor sich hin rotteten.

Nachdem wir versprochen hatten, eine kleine Spende „für bedürftige Kinder“ abzudrücken, führte er uns in ein Viertel, das wir allein jedenfalls nicht betreten hätten und verkündete, wir sollten uns keine Sorgen machen, er sei hier der Chef und wir stünden unter seinem Schutz. Obgleich diese Aussage nicht sehr Vertrauen erweckend klang, machte ich mir tatsächlich keine Sorgen. Philip Flores ist mit Sicherheit ein Schlitzohr, aber ich mochte ihn.

Er zeigte uns schwarz-weiß-gelb angemalte Häuser und Pfosten und erklärte, das es sich um die Garifuna Farben handele. „Livingston heißt in Wirklichkeit, in unserer Sprache Labuga – aber das erzählt euch Touris ja keiner!“ „Die Musiker“ – fragte Máximo – „wo sind sie??“ denn wir hatten keinen einzigen Ort gefunden an dem Musik ertönte. „Wir spielen nicht mehr für die Restaurants, nur noch für uns selbst! Die werben mit unserer Musik, locken die Leute in ihre Läden und uns bezahlen sie nix!“ Weiter erfuhren wir, dass er nicht nur selbst Musiker sei, sondern sich auch für die Entwicklungs- und Bildungsarbeit in diesem herunter gekommenen Viertel engagiere, Sprachunterricht organisiere und die erbetenen Spenden sammele er für Kleinkinder die nicht gestillt werden können, weil ihre Mütter HIV positiv sind. Hier sei 40% der Garifuna-Bevölkerung HIV infiziert. Tatsächlich fand ich später im Internet bestätigt, dass es unter der Bevölkerung dieser Region eine hohe Aidsrate gibt und die medizinische Versorgung unzureichend ist.

Philip zeigte uns eine große Bauruine und behauptete, dies sollte eine Schule werden, aber die dafür bestimmten Gelder seien durch Korruption abhanden gekommen und er setze sich dafür ein, dass der Bau weiter ginge. Wir erfuhren noch einige andere empörende Tatsachen, während wir am Strand an tristen Häusern entlang liefen. Müllberge warteten in regelmäßigen Abständen auf die Müllabfuhr in Form der nächsten Flut.

Meine Frage nach dem lokalen Essen, von dem ich gelesen hatte, dass es sehr lecker sei, bot ihm den Anlass seinen Feierabend einzuläuten. „Das könnt ihr probieren!“ meinte er und führte uns in ein kleines Familienlokal, das ganz nett war. Wir luden ihn ein, aber da er plötzlich zu einer sehr wichtigen Versammlung musste und schon spät dran war lehnte er ab, nicht ohne die versprochene Spende einzufordern. Ich bedauerte wirklich seinen überstürzten Aufbruch, denn er war echt witzig. Für mein Leben gern hätte ich gewusst, wofür er meine nach Máximos Meinung viel zu großzügige Spende verwenden würde…

Die lokale Spezialität, eine mit Kokosmilch gekochte Suppe, war wirklich lecker. Wir unterhielten uns noch eine Weile mit der Wirtin, einer Garifuna, die voll dem Klischee einer richtigen schwarzen Mami entsprach.

Im Regen liefen wir zurück zu unserem Hotel das direkt am Strand lag.

Die Karibik war Schlammfarben. Gut, das lag vermutlich am Wetter; es regnete während unseres gesamten Aufenthaltes unaufhörlich, mal weniger, mal stark. Auf jeden Fall aber ist diese Küste auch verschmutzt durch menschliche und industrielle Abwässer die der Rio Dulce, der direkt neben der Stadt ins Meer mündet, mit sich führt.

Wir schwammen ein paar Runden im Hoteleigenen Pool. Das hätte ich mir auch nie träumen lassen… an der Karibik im Swimmingpool baden!!!

Wer davon träumt, einmal Urlaub an der Karibik zu machen sollte vielleicht nicht als erstes nach Livingston fahren…

Die ganze Nacht goss es in Strömen, wir erwachten und tapsten im Wasser, das unter der Türe ins Zimmer gelaufen war.

Und dann geschah das Wunder: genau als wir aufbrechen mussten um das Boot für die Rückfahrt zu erreichen riss der Himmel auf und die Sonne brach durch! Pelikane saßen auf Stegen und Booten und trockneten sich zu Hunderten das Gefieder. Ich liebe Pelikane. Auf die Minute genau als das Boot abfuhr begann es wieder wie zu schütten wie aus Eimern.

Vermutlich werde ich im Leben nicht wieder nach Livingston kommen, aber die Pelikane und Mr. Philip Flores werde ich nie vergessen!

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Guatemala/Bootsfahrt auf dem Rio Dulce – Pelikane im Nebel

Nein; wir waren nicht im November auf der Nordsee unterwegs, wie es vielleicht das Titelbild suggerieren könnte, sondern am 8. März auf dem Rio Dulce. Der 43 Kilometer lange Rio Dulce ist der einzige Weg vom Lago Izabal durch dichten Urwald zur Stadt Livingston an der Karibikküste.

Die Fahrt auf dem Rio Dulce auf dem Reiher, Kormorane und vor allem Massen an Pelikanen leben ist eine der Touristenattraktionen in Guatemala, die für uns leider buchstäblich ins Wasser fiel. Wenn die Wolken, die direkt auf dem Wasser lagen, mal aufrissen waren die Vögel vage zu erkennen. Erschwert wurde die Sicht durch den dichten Regen der schmerzhaft aufs Gesicht peitschte, weshalb wir uns die meiste Zeit unter den ausgeteilten Plastikfolien versteckten.

Ab und zu landeten wir am Ufer um Leute abzusetzen. Straßen gibt es hier nicht mehr, die Anwohner des Flusses kommen nur auf dem Wasserweg zu ihrem Haus. Einmal hielt das Boot tatsächlich an einer schwimmenden Zahnarztpraxis!

Ich staunte über die unglaubliche Anzahl hochseetüchtiger Jachten, Katamarane und luxuriöser Anwesen am Ufer. Ich überlasse jedem selbst darüber zu spekulieren wem die wohl gehören. Beachtet bitte die geografische Lage in der wir uns befinden!…

Pitschnass kamen wir in Livingston an. Willkommen an der Karibik!

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Von Mexiko City nach Berlin – Abenteuer in verkehrsberuhigten Zonen

Die Reise von San Cristóbal nach Berlin sollte die längste des letzten halben Jahres werden. Am 23. März fuhren wir nachmittags mit dem Bus los. Mit einem besonders schönen Sonnenuntergang verabschiedete sich das Hochland von Chiapas von uns. Nach 14 stündiger Fahrt erreichten wir am nächsten Morgen Mexiko City. Máximos Flug ging erst abends, doch wir beschlossen sicherheitshalber gleich zum Flughafen zu fahren, um uns direkt dort zu informieren, da ständig Flüge gestrichen wurden. Ehe wir herausgefunden hatten ob alles klappt war es bereits Nachmittag.

Unter den Rückreise suchenden trafen wir ein chilenisches Pärchen das wir aus Guatemala kannten und eine Freundin von Máximo mit Familie.

Máximos Flug ging planmäßig am frühen Abend. Die Fahrt durch die leeren Straßen zu meinem Hotel mutete gespenstisch an. Ich erinnerte mich an unsere Stadtrundfahrt durch Mexiko City am Neujahrstag und wie begeistert wir über den wenigen Verkehr waren … jetzt kam es mir traurig und totenstill vor ohne den vielen Verkehr und all die Leute. In einem verlassenen Park saß ich eine Weile unter den Bäumen, die jetzt im Frühling so wunderschöne blaue Blüten tragen. Beim Abendessen im nächstgelegenen Restaurant war ich der einzige Gast. Es war wirklich unheimlich, nicht zuletzt deshalb, weil sich in Mexiko kaum jemand vorstellen konnte, dass Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen auch nur ansatzweise umgesetzt werden würden – offiziell gab es die ja noch nicht mal! – und jetzt bleiben alle freiwillig zu Hause.

Am nächsten Mittag sollte mein Flug mit Air Canada nach Toronto und von dort weiter mit Lufthansa nach Deutschland gehen. Ich gab mein Gepäck ab und erhielt meine Bordkarte nach Toronto mit der Info, dass ich dort auschecken, mein Gepäck abholen und wieder neu einchecken solle. Wie sollte das gehen, da sie in Kanada sofort alle Einreisenden in Quarantäne stecken, abgesehen davon dass die Zeit zu knapp war… Ich eilte zum Lufthansa Schalter und erfuhr, dass bereits seit geraumer Zeit alle Lufthansa-Flüge ab Toronto gestrichen seien, sie wunderten sich, dass Air Canada das nicht wisse. Ich allerdings hatte auch nur eine mail bekommen, dass mein Inlandsflug von München nach Berlin gecancelt war.

Ich dachte an all meine schönen mexikanischen Blusen die in dem Koffer steckten… Oh Nein!!! – Zurück zu Air Canada! Mein Koffer war natürlich schon in den Katakomben des Flughafens abgetaucht. „Der Koffer muss zurück, ich fliege nicht!“ verkündete ich.

Es erwies sich als vorteilhaft, dass ich wie immer unter den letzten Passagieren war die einchecken. So war der Koffer noch nicht im Flugzeug gelandet. Freundlicherweise durfte ich nach Durchleuchtung und Temperaturmessung (35,8) in die unergründlichen Eingeweide des Flughafens abtauchen um mein Gepäck zurückzuholen.
Lufthansa hatte mich inzwischen auf einen Abendflug mit KLM umgebucht. Ich brauchte mich um gar nix zu kümmern. Gekostet hat es auch nichts.

Máximo der inzwischen in Paris angekommen war rief an und teilte mit, dass er dort fast 24 Stunden festsäße ehe der nächste Flug nach Deutschland gehe. Er erinnerte mich an das „Kapselhotel“ im Flughafen – eine Art Schließfach für Menschen – über das wir noch vor 2 Tagen gelästert hatten… Ich buchte eine Schlafkapsel. Darin fühlt man sich wie in einem Raumschiff. Blaues Licht sorgt für spacige Stimmung. Die Türe schließt automatisch und lässt sich nicht wieder aufschieben. Dafür gibt es einen extra Knopf auf einer Art Cockpit. Ich bekam kurzzeitig klaustrophobische Anwandlungen weil ich das nicht sofort gepeilt hatte. Offenbar war ich nicht die einzige, der Kapsel-Nachbar betätigte den Notfallknopf weil er den Türöffnerknopf nicht fand und wurde befreit.

Die Kapsel selbst ist eigentlich ganz ok, jedenfalls hat man viel mehr Platz als in einem Doppelstockbett unten. Es gibt WLAN und sogar Fernsehen.
Abends um 22 Uhr startete mein Flieger pünktlich nach Amsterdam. Es hatte irgendwie was apokalyptisches durch den mittlerweile fast Menschenleeren Flughafen zu laufen. In Amsterdam die selbe Szenerie. Erst am Gate wieder eine Menschenschlange.

Wie schon öfter in den letzten Tagen dachte ich an den Roman „Die Wand“ von Marleen Haushofer, zufällig hatte ich den grade im Oktober gelesen. Ich empfehle, sich dieses Buch zu besorgen. Sollte der corona Virus die Menschheit ausrotten und jemand alleine übrig bleiben dann steht da alles wichtige für´s Überleben. Robinson Crusoe ist für nordeuropäische Breiten ja eher ungeeignet 😉

In Berlin Tegel angekommen verließen wir Passagiere, die aus allen Himmelsrichtungen in Amsterdam angekommen und von dort nach Berlin weiter geflogen waren, den Transitraum ohne jegliche Fragen, Passkontrolle und andere Belästigungen die man sonst so gewöhnt ist. Bei Máximo der aus Paris einflog wurde lediglich Gesichtskontrolle gemacht.

Nach einem Hamsterkauf werde ich als „mündige Bürgerin“ jetzt mal 14 Tage lang das Haus hüten, meine Fotos sortieren und all die Erlebnisse aufschreiben, über die ich noch nicht geschafft habe im Blog zu berichten, weil ich viel schneller gelebt habe als ich reflektieren kann. Ihr könnt Euch also schon mal freuen auf ein paar posts die sich ausnahmsweise nicht um Pandemie, Verschwörungstheorien und Zukunftsprognosen drehen.

Bleibt im Heim Leute, guckt meine Fotos an und begleitet mich gedanklich auf der Reise in die Vergangenheit nach Mexiko und Guatemala, wascht die Hände, ernährt euch gesund und nicht ausschließlich von Pasta und Dosenfutter.

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Wo verbringe ich meine Quarantäne?… – Wie das Coronavirus meine Reisepläne infizierte

Das Coronavirus kennt keine Grenzen und kümmert sich nicht um Ein- und Ausreise Bestimmungen. Auf unserer Guatemalareise haben wir erst etwas verzögert realisiert, welch weitreichende Konsequenzen diese Corona-Geschichte hat. Ich verschickte vor 3 Wochen noch Fotos mit dem mexikanischen Bier „Corona“ in der Hand… SALUD!
Vor 10 Tagen hat Guatemala die Grenzen geschlossen. Wir waren eh auf der Rückreise, aber ich bekam Angst, denn es wurde gemunkelt, sie lassen Deutsche nicht mehr nach Mexiko einreisen! Máximo hatte seinen argentinischen Pass mit und würde rüberkommen. Zum Glück gab es überhaupt keine Probleme mit der Einreise. Auf guatemaltekischer Seite wurde unsere Temperatur überprüft, die Grenzbeamten trugen Masken. In Mexiko belästigte uns der gelangweilte Grenzer nicht mal mit Fragen nach unserer Befindlichkeit…
Ich war glücklich, nach Mexiko rein gekommen zu sein!!! Mein Haus hatte ich zwar zum 31.3. gekündigt, da ich ja ab April auf Reisen sein wollte, eine Freundin hatte mir aber schon angeboten, mich bei ihr einzumieten, so schien alles geregelt. Die Reisepläne hatte ich zu diesem Zeitpunkt (15.3.) schon begraben…
Erst in San Cristóbal erreichten mich in Masse die Nachrichten darüber, dass ein Land nach dem anderen die Grenzen schließt und immer mehr Flüge gecancelt werden. Mehrmals wurde mir eindringlich geraten so schnell wie möglich zurück nach Deutschland zu fliegen.

Ich verbrachte 2 äußerst ungemütliche Tage mit dem Versuch, eine richtige Entscheidung zu treffen, kam aber zu keinem Entschluss, vermutlich deshalb, weil ich emotional noch gar nicht bereit war an eine Rückkehr zu denken.

Ich besitze ein Pendel, das ich äußerst selten benutze – nicht um „die universelle Wahrheit“ herauszufinden, wohl aber, um meine eigene unbewusste Überzeugung sichtbar zu machen. Ich beschloss, das Pendel einzusetzen. Es zeigte sich, dass mein Verstand signalisierte, die vorzeitige Abreise sei der passende Weg für mich – nicht so sehr meiner Gesundheit und der geschädigten Lungen wegen, sondern unter Einbeziehung meiner gesamten Lebenssituation und der gegenwärtigen äußeren Umstände. Ich pendelte mehrmals, doch es kam immer aufs selbe heraus. Frustriert über das Ergebnis setzte ich mich in den Garten und in dieser Stimmung klingelte das Telefon. Es war die Freundin, mit der zusammen ich dieses Pendel gekauft hatte. Ich erzählte von meinen Entscheidungsschwierigkeiten und erwähnte auch, dass ich mit unbefriedigendem Ergebnis gependelt hatte. Meine Freundin stellte fest, dass ich ja nun wisse, was die sinnvollste Entscheidung sei, aber mein Herz wohl boykottiert, weil es an Mexiko hängt… Ich hörte mir das an, plötzlich wurde mir bewusst, dass es sich um den Abschiedsschmerz handelte und dass ich um diesen sowieso nicht herum kommen würde, ob jetzt oder später… Immerhin handelt es sich nur um eine Verkürzung von zweieinhalb Monaten, in denen ich eh´ hatte herumreisen wollen und dafür ist jetzt definitiv nicht der richtige Zeitpunkt. Ich buchte einen Rückflug für den 25.3. Mein Kopf hatte gesiegt. Leichter wurde mir davon nicht ums Herz. Wie jedes Jahr beim Abschied nehmen von meinen Leuten hier in Mexiko flossen Tränen…



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