„Asi dicen nuestros abuelitos“ – Das Wissen der Alten

Die Erzählungen der Alten haben viel Platz, ihre Stimme Gewicht. Jedenfalls was die Männer betrifft. Wenn beispielsweise Josues und Andrés` Vater spricht, redet niemand dazwischen, egal wie lange es dauert. Es geht meist um Bibelstellen, Jesus und Apostelgeschichten oder um „früher“ und wie „die Großväter“ lebten: entbehrungsreich, im Gegensatz zu heute. Die Erleichterungen und Versuchungen des modernen Lebens drohen die Traditionen und die Kultur der Maya zu zerstören und machen die Leute krank, mahnt der Großvater. Er hat es am eigenen Leib erfahren. Als Coca-Cola auch in den hinterletzten Winkel drang und die Leute begannen, dieses Getränk praktisch als Trinkwasser zu benutzen machte auch er keine Ausnahme. Lange schon leidet er an Diabetes, genau wie viele andere hier. Coca-Cola, Zucker und Mais-Speisen blieben dennoch auf dem Speiseplan, bis er im letzten Jahr fast seinen Fuß verlor und kurz davor war das Zeitliche zu segnen… Seitdem bemüht er sich, die Diät besser einzuhalten… Lange Zeit hat er als Heiler und Partero – Geburtshelfer gearbeitet und hat viel Kenntnis über die hiesigen Heilpflanzen. Die Kirchgemeinde hat gerade ein interessantes Projekt am laufen: in der Sonntagsmesse sollen die jungen Leute über das traditionelle Heilpflanzenwissen unterrichtet werden. Der Großvater, eine Autorität in der Gemeinde, ist dabei ebenso wie Josue sehr aktiv. Beide sind sehr verärgert, dass heutzutage kaum noch jemand die Pflanzen kennt, weil der Griff zur Pille einfacher ist! In der nächsten Messe soll jede/r mindestens eine Pflanze mitbringen und über diese den anderen berichten. Ich bin gespannt!

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„Dios decide“ – „Gott entscheidet“

IMG_0726 - Kopie - Kopie2.10.2017

Orationen (Fürbitten) und der sonntägliche Kirchgang gehören zum Alltag. Die Predigten, unterbrochen von langen Gebeten, kniend auf dem harten Boden, dauern immer ewig und soweit ich dies Luisas Übersetzung nach beurteilen kann werden sie „mit erhobenem Zeigefinger“ gehalten. Was in der Messe gepredigt wird, wird im Alltag kaum beherzigt. Dennoch, die Menschen sind sehr gläubig. „Gott entscheidet!“ diese Worte höre ich ständig.

Theoretisch bin ich einverstanden, aber praktisch ist der Zeitpunkt an dem ich mich nicht (mehr) verantwortlich fühlen und die Entscheidung an Gott weitergeben würde oft ein anderer als für die Leute hier. Dies scheint damit zusammenzuhängen, dass das was ich gelernt habe sich unterscheidet von dem, was hier die Menschen lernen. Auch lernen an sich funktioniert hier anders, nämlich durch – idealerweise – genaue Reproduktion dessen, was die Ältesten tun und lehren, bzw. anordnen.

Ich habe bemerkt, dass Fragen nach dem „Warum?“ bestimmter Verhaltensweisen oder Handlungen in der Regel sinnlos sind, die erschöpfende Antwort ist „So ist unser Brauch.“ Das heißt: so war es schon immer und deshalb ist es richtig. Kaum ein jüngerer Mensch wagt es, sich den “costumbres“, den Bräuchen und Gewohnheiten, in Gegenwart der Älteren zu widersetzen. So wird Kultur erhalten und „Fort-schritt“ verzögert.

Nicht nur ich, auch Luisa, Josue und Andrés, die ihr Wissen nicht allein aus dem was ihre Eltern ihnen vermitteln erworben haben, sondern auch aus anderen Quellen, kommen deshalb gelegentlich in Konflikte mit sich selbst und ihren Mitmenschen, weil sich das Brauchtum mit der eigenen inneren Überzeugung nicht verträgt.

Ein typisches Beispiel dafür ist eine Geburtsgeschichte die Luisa im Januar erlebte und mir erzählte:

Nach einigen Schwierigkeiten wieder schwanger zu werden, bei denen Luisa und ich Cristina (*Name geändert) im letzten Jahr unterstützt und begleitet hatten, erwartete sie endlich nach Jahren ihr zweites Kind. Luisa begleitete die Schwangerschaft und als ca. 3 Wochen früher als erwartet die Wehen einsetzten, machte sie sich auf den Weg. Josue begleitete sie, um den knapp anderthalbjährigen Enano zu betreuen, der noch gestillt wurde.

Wie üblich war die gesamte Familie der Gebärenden anwesend. Die Geburt schritt sehr langsam voran. Die Angehörigen klebten förmlich an der Gebärenden. Luisa erzählte, selbst als Cristina pinkeln musste, spähten sie noch durch die Ritzen der Bretterwand. Cristina fühlte sich bedrängt, konnte sich aber nicht wehren – denn so ist der Brauch, den auch ihr Ehemann respektierte… Luisas und Josues Versuche, die Familie (mit der sie sehr gut bekannt sind) etwas auf Abstand zu bringen waren erfolglos.

Es ging kaum voran, die Familie war deshalb besorgt und Cristinas Großvater, Ältester und damit Oberhaupt der Familie, forderte immer wieder die Gebärende zum Pressen auf (wie es der Brauch ist). Luisa, die den Muttermund getastet hatte (was nicht der Brauch ist, sondern ich ihr beigebracht hatte) wusste, dass der noch lange nicht eröffnet war. Sie versuchte einzuschreiten und erklärte wieder und wieder, wieso es aus ihrer Sicht noch nicht an der Zeit war zu pressen. Sie hörte mit dem Ultraschallgerät das ich ihr geschenkt hatte Herztöne ab (was auch nicht Brauch ist) und stellte fest, dass diese viel zu langsam waren. Zusammen mit Josue versuchte sie die Familie zu überzeugen, die Hausgeburt abzubrechen und Cristina nach San Cristóbal in die Klinik zu bringen. Aber die Familie, widersetzte sich diesem Rat. Der Großvater beschied, das das Kind zu Hause geboren wird und Gott allein würde entscheiden wie diese Geburt ausgeht. Luisa und Josue redeten mit Engelszungen und sagten der Familie auch, dass sie in diesem Falle jegliche Verantwortung ablehnen, falls dem Kind oder der Mutter etwas passieren sollte. Nach 2 Tagen schließlich wurde das Kind, ein Junge, geboren. Luisa musste ihn reanimieren. Das Fruchtwasser war grün gewesen. Wieder redeten sie auf die Familie ein, das Neugeborene, das Atemprobleme hatte in die Klinik zu bringen. Der Großvater war dagegen, „Ihr seht doch, das Kind ist hier auf die Welt gekommen, wie ich gesagt habe, es ist am Leben und Gott wird entscheiden!“ Nach einer Woche hatte sich der Zustand des Kindes soweit verschlechtert, dass die Eltern endlich mit ihm in die Klinik fuhren. Dort wurde vermutlich eine Infektion behandelt. (Patienten bekommen in staatlichen Kliniken keine Epikrise mit und eine traditionelle Hebamme bekommt auch keine Informationen von der Klinik) Das Kind überlebte, ist jedoch behindert. Die Eltern haben Luisa erzählt, ihnen wurde gesagt, mit der Geburt hätte das nichts zu tun. Luisa sagt, die Eltern nehmen ihr Schicksal an. Gott hat entschieden, dass sie ein behindertes Kind haben.

Und was denkst Du?“ fragte ich Luisa. „Ich denke, es ist durch die Geburt, bzw weil sie solange gewartet haben, vielleicht hätte man etwas machen können.“ Luisa fühlt sich nicht verantwortlich für das was passiert ist sagt sie, aber es geht ihr nicht gut mit dieser Geschichte, das sehe ich. Zumal Probleme dieser Art nicht der Einzelfall sind. Falls eine Geburt nicht so voranschreitet wie die Familie es erwartet, wird Luisas Handlungsspielraum eher durch die immer wieder erlebten Bräuche (Frauen gebären hier meist zwischen 6 und 9 Kinder) bestimmt als durch ihr Wissen und Können, so es im Widerspruch zu dem steht, was die Familie kennt und als normal erachtet. Auch zusammen hatten Luisa und ich im letzten Jahr deshalb einige Male schwierige Situationen mit den Familien gehabt, „Gott sei Dank“ nicht mit so drastischem Ausgang…

Ich hatte im Nachhinein viel darüber nachgedacht, ob meine Anwesenheit bei den Geburten hilfreich ist und war zu dem Schluss gekommen, besser nicht mehr direkt dabei sein. Mein Gefühl ist, dass meine Präsenz die Gebärenden und deren Familien oft irgendwie unter Stress setzt, weil sie sich in meiner Gegenwart unsicher fühlen. Sie denken, wenn ich in ihr Haus komme, brauche oder erwarte etwas um mich wohl zu fühlen, von dem sie nicht wissen was. Sie können sich nicht gut mit mir verständigen, weil ich ihre Sprache nicht beherrsche. Ich verhalte mich anders als sie das von indigenen Hebammen gewöhnt sind. Ich habe Luisa dies gesagt und vorgeschlagen, bei den Schwangerenuntersuchungen dabei zu sein, alle ihre Fragen zu beantworten und mit ihr und den Promotores de salud Unterricht zu machen. Ich sah wie enttäuscht und entmutigt sie war als sie das hörte. Es ist ein großer Stressfaktor, hier, weit weg von jeglicher Möglichkeit medizinischer Hilfe allein Geburten zu begleiten, zumal die Familien auch im Falle, dass sie rechtzeitig genug empfiehlt, die Frau besser in die Klinik zu bringen oft – ja sogar meist – nicht damit einverstanden ist. Mit mir zusammen fühlte sie sich immer viel sicherer sagt sie.

Wenn die Geburt nicht wie erwartet voranschreitet oder Schwierigkeiten auftreten, glaube ich aber, dass es in meiner Anwesenheit noch viel schwieriger ist Dinge zu tun die den Leuten befremdlich vorkommen, als wenn Luisa allein den Leuten etwas vorschlägt und erklärt was sie nicht kennen. Ich vermute, die Wahrscheinlichkeit, dass die Familie ihrem Rat vertraut wenn sie alleine ist, ist höher, weil sie eine von ihnen ist, ihre Sprache spricht und sich im Übrigen so verhält wie sie es gewohnt sind.

Luisa war sehr verzagt, hatte sie doch so auf meine Unterstützung gehofft… Ich fühlte mich schlecht und traurig als ich ihre Enttäuschung sah und beginne an meiner Entscheidung zu zweifeln.

Ich erinnere mich an meinen allerersten Besuch in Zitim: Meine Neugier und mein begeistertes Interesse an allen Aspekten des Lebens in einer indigenen comunidad, hatte mich veranlasst hatten zu bitten ob ich hier mitarbeiten dürfe: war ich doch ursprünglich mit dem Bewusstsein einer „Schülerin“ gekommen, um zu lernen, wie es hier ist! Und haben sich nicht alle immer wieder und bis heute geduldig um mich gekümmert, mich in ihr Leben aufgenommen und mir alles erklärt und gezeigt? Natürlich wollten auch sie mehr erfahren und wissen was ich weiß, aber alles was an Neuem hinzukommt bringt sie in Konflikte…

Normalerweise arbeiten traditionelle Hebammen so „wie es der Brauch ist“ und die Menschen es seit Generationen kennen. U.a bedeutet dies in unserer Gegend (für andere Orte kann ich es nicht beurteilen), sobald eine Frau ihre Wehen nicht mehr zu verbergen vermag, mit dem Pressen zu beginnen. Ich denke, dass dies bei Vielgebärenden sicherlich meist funktioniert, habe jedoch gesehen, dass Erstgebärende hier genauso lange Eröffnungsphasen haben wie in Deutschland und auch ihre Schmerzen meist nicht bis zur Endphase völlig verbergen können. Die Muttermundsweite zu ertasten ist nicht üblich, also pressen sie manchmal Stunden- bis 2 Tage lang! Luisa sagt, es kommt vor, dass Frauen durch die Erschöpfung in Ohnmacht fallen und es passiert auch, dass die Erst- und Zweitgeborenen tot auf die Welt kommen. Erst vor kurzem ist nach 2 Tagen Pressen ein Kind gestorben und die Mutter hat mit hohem Blutverlust knapp die Geburt überlebt. Die Hebamme (bei der Luisa eine Weile gelernt hatte) und die Familie sind der Meinung, dass dies Gottes Wille war. Luisa sieht das anders. Ich auch…

Kann ich mich jetzt an einem für Luisa so schwierigem Punkt zurückziehen? Wie viel Kraft wird es sie kosten gegen so großen Widerstand allein ihre Arbeit zu tun, die auch für sie noch in vielen Aspekten neu und keinesfalls Routine ist?

Gerade wartet Luisa auf eine Geburt, sie hatte der Frau schon gesagt, dass sie zu zweit arbeitet und bat sie nun nochmal in meiner Anwesenheit um Einverständnis. Die Frau ist einverstanden.

Ich konnte nicht „Nein“ sagen…

 

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Chicharrón und Tamales!

26.9.2017

Am Freitag schlachten wir unser Schwein!“ verkündete eine Nachbarin. Wir meldeten an, zwei „montónes“ (Haufen) Schweinefleisch zu kaufen. Gegen 9 Uhr morgens wanderten Leo und ich den Berg hinauf zum Gehöft der Nachbarn. Dort waren die Männer dabei das Schwein zu zerlegen. Ich zählte 20 Haufen Fleisch ausgebreitet auf einer großen Platte die mit Bananenblättern bedeckt war. Rund herum waren die Frauen und Mädchen damit beschäftigt, mit Stöcken die Hunde in Schach zu halten, die versuchten ein Stück Fleisch zu rauben. Alle potenziellen Käufer waren bereits versammelt. Da es Nachbarn sind sollte man denken, dass sie die Wartezeit mit einem Schwätzchen herumbringen würden, aber das war nicht der Fall. Niemand redete miteinander, ganz genauso wie die Leute, die Samstags vor der Bäckerei Siebert in in meiner Straße in Berlin schweigend Schlange stehen. Dennoch kommt mir das hier seltsamer vor, weil sich alle von Kindesbeinen kennen.

Selbst wenn es innerhalb der Familie lebhaft zugeht, ist die indigene Gesellschaft ist nach außen hin sehr still und ernst. Nachdem Leo und ich den Weg hierher munter geschwatzt hatten, stand auch er jetzt reglos mit unbewegter Miene. Ich habe das schon oft erlebt, vom Erwachsenen bis zum lebhaftesten Kind verstummen die Leute und bewegen sich und ihre Mine nicht mehr als nötig ist. Niemals vorher habe ich Menschen erlebt, die eine so würdevolle Ausstrahlung besitzen.

Nach und nach wurde das gesamte Schwein vom Fleisch über sämtliche Knochen und Organe in genau abgewogene gleiche Stücke zerlegt, allein die Klauen blieben übrig. Die Fleischer verstanden ihr Handwerk, alles ging unter Beobachtung der Anwesenden ruhig vonstatten, nur die Hunde wurden ab und zu angeschrien. Schließlich wurde jedes montón für 100 Peso (das sind 5,00 Euro) verkauft und wir zogen mit unserem Zehntel Schwein für 10,00 Euro von dannen!

Ich kann kaum fassen, dass ein gesamtes Schwein lediglich 100,00 Euro einbringt! Die ganze Arbeit über so lange Zeit bis es herangewachsen ist! Diese Schweine bekommen Mais und Küchenabfälle und werden draußen angepflockt um zu weiden. (Sagt man das so bei Schweinen?…)

Wir aßen also 2 Tage Schweinefleisch in verschiedenen Varianten.

Eine besondere Delikatesse für Mexikaner ist „Chicharrón“: ausgelassene Schweineschwarte, die wenn sie frisch aus der Pfanne kommt knusprig ist und ganz gut schmeckt, mal abgesehen davon, dass sie vor Fett trieft… Man isst sie aber auch kalt, es gibt sie sogar im Supermarkt in Tüten, sie schmecken dann etwa so widerlich wie alte Erdnussflips.

Was mir entschieden besser gefällt sind Tamales: Maispasteten mit verschiedenster pikanter oder auch süßer Füllung, die eingewickelt in Mais- oder Bananenblätter über Wasserdampf gedünstet werden, etwa so wie Serviettenknödel. In unserem Fall bestand die Füllung aus Schweinefleisch und Chili-Tomatensoße, extrem lecker!!

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Alles wie immer und doch neu – Ankunft in Zitim

IMG-1122. September 2017

Seit einer Woche bin ich nach 15 Monaten Abwesenheit wieder in Zitim, nachdem ich mit Andrés, der mich und meine 3 schweren Koffer in Cancún erwartet hatte, noch 10 Tage in Quitana Roo gereist war. Deshalb habe ich von den schweren Erdbeben die in Chiapas ihr Epizentrum hatten nichts gespürt, außer ein paarmal ein leichtes Zittern! Doch die Erzählungen meiner Freunde, die Risse in den großen Gebäuden der Stadt machen Angst. Fast alle Kirchen sind betroffen und können nicht mehr betreten werden, ebenso das gerade neu restaurierte Rathaus, während die kleinen Häuser und Hütten zum Glück nicht so sichtbare Schäden aufweisen. IMG_2

Es gibt immer noch Nachbeben. In San Cristóbal gehen mehrmals täglich die Sirenen los wenn wieder ein Beben kommt. Letztens war ich in der Stadt und es gab Alarm, die Leute reagieren aber überhaupt nicht mehr darauf. Hier im Wald gibt es natürlich keine Sirenen, wenn man grad draußen ist spürt man auch fast nie was. Manchmal erwache ich nachts weil es etwas vibriert, so als würde mein Bett in einem ICE durch die Gegend fahren.

In Zitim ist nichts kaputt gegangen, auch nicht die Wände des Klinikneubaus, die gerade neu errichtet waren. Es ist eine große Freude zu sehen, dass es sich gelohnt hat die vielen Benefize zu veranstalten. Das alte Klinikgebäude aus Holz wird jetzt durch ein festes Haus ersetzt und modernisiert. Es wird ein Sprechzimmer, eine Hebammenpraxis und einen Seminarraum geben, sowie ein eine kleine Apotheke und ein Bad. Geplant ist ein Bettenzimmer für Patienten die interniert werden müssen.

Die Spenden die ich im letzten Jahr in Deutschland und der Schweiz für die Klinik Zitim erhalten habe werden hier gut angelegt und ich danke an dieser Stelle nochmals jeder/m einzelnen die/der gespendet bzw. mich bei den Veranstaltungen unterstützt hat!!!

Am 13. September kamen wir von unserer letzten Station Palenque (etwa 220 km entfernt) nach 9-stündiger Fahrt morgens um 8 Uhr in San Cristóbal an. Die Familie war gekommen um uns abzuholen und die Wiedersehensfreude war groß! Die Kinder sind gewachsen, vor allem natürlich der kleine Enano der am 1. August schon seinen 2. Geburtstag hatte. Juana ist jetzt 9 und Leo wird im Oktober 13.IMG_6774

Alles war gleich wie immer und doch ganz neu, denn die Bauarbeiten sind schon in vollem Gange. Die Holzhütte die als Küche diente gibt es nicht mehr, sie wurde durch ein schönes Lehmhaus mit vielen liebevoll gestalteten Details ersetzt. Andrés, der sich der Tischlerei widmet hat Fenster, Türen und eine Vitrine gezimmert und ich habe ein Bett bekommen! Ein Lehmbackofen ist im Bau und es gibt ein Temazcal (Schwitzhütte) in dem wir schon einmal gebadet haben.

Ich bin immer wieder beeindruckt, wie die Familie mit einfachsten Mitteln und großer Tatkraft ihre Träume in die Realität umsetzt!

IMG_6732Nachdem wir auf der Reise so immense Hitze und Trockenheit hatten, dass man sogar nachts in der Hängematte ohne sich zuzudecken noch schwitzte, muss ich mich jetzt wieder an die Kälte und die vielen starken Regengüsse gewöhnen, deretwegen man dann sofort im Schlamm watet und nasse kalte Füße hat. Was anderes als Plastikschlappen oder Gummistiefel geht gar nicht. Und so hab ich mir schon die erste Erkältung eingefangen und leider auch Verdauungsprobleme…

Glücklicherweise kommt aber an den meisten Tagen die Sonne für mehrere Stunden wieder zum Vorschein und brennt dann mit solcher Intensität, dass alles schnell abtrocknet. An sonnenlosen Tagen ist es kalt und alles zieht Feuchtigkeit. Der Tag meiner Ankunft war ein solcher und das erste was ich tun musste, war alle Klamotten die ich besitze zu waschen und vom Schimmel zu befreien, denn während meiner Abwesenheit war alles klamm und feucht geworden. Das passiert immer schon schon nach ein oder 2 Tagen…

Ich muss zugeben, dass mich die Erinnerung an den letzten kalten grauen verregnet-schlammigen November den ich hier verbracht habe gerade noch etwas schreckt. Die Umstellung vom Berliner Stadtleben auf das in einer comunidad ist in vieler Hinsicht wieder eine Herausforderung…

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Zu Anfang – Ferien in Quitana Roo


18.09.2017
Mittags am 2. September landete ich pünktlich mit einem der vermutlich letzten Flüge der AirBerlin in Cancún. Insgesamt hatte ich eine Reise von ca. 15 Stunden hinter mir. Andrés hingegen, der aus Zitim gekommen war um mich abzuholen, war mit dem Bus mehr als 24 Stunden unterwegs gewesen!

Eigentlich hatten wir geplant, die Hochburg des Massentourismus Cancún am nächsten Morgen schnellstmöglich zu verlassen, aber beim Geld tauschen vergaß ich meinen Pass in der Wechselstube! Da diese Sonntags geschlossen hat mussten wir also doch einen Tag in Cancún verbringen. Die Stadt selbst bietet nichts Besonderes, also auf zum Strand und rein in die Hotelzone. Wenn schon denn schon!


Die Hotels sind auf einer Halbinsel direkt am Strand angesiedelt, eines am anderen. Wir versuchten, aus Neugier in eines einzutreten, wurden aber noch auf der Treppe gestellt und mussten das Gelände verlassen. Es gibt alle paar Kilometer (!) einen Durchgang zum Strand. Glücklicherweise war es bewölkt und die Hitze deshalb gut zu ertragen, daher wanderten wir stundenlang, das Meer auf der einen, die Hotels auf der anderen Seite. Der Strand war fast menschenleer, da die Saison vorbei ist. Wie mag es hier wohl aussehen, wenn all diese riesigen Hotels voller Urlauber sind?…
Andrés staunte, er war der Meinung, wer hier Urlaub macht müsse seeeehr reich sein. Aber was ist „reich“? Für ihn bedeutet „reich“ ganz etwas anderes als für mich…
Am Ende erreichten wir das kleine Stück Strand, das für die Einheimischen offen ist. Da tranken wir dann ein Bier zum Sonnenuntergang.
Unser Ziel am nächsten Tag war Mahahual, ein kleines Dorf an der Karibikküste, von dem ich gelesen hatte, dass es da noch recht beschaulich zuginge und dass diesem Ort das größte Korallenriff der nördlichen Hemisphäre vorgelagert ist. Meeresschildkröten gibt es auch. Wir verbrachten 3 Tage mit Schnorcheln und faulenzen in der Hängematte, zu mehr ist man auch nicht fähig bei der Hitze. Ich hatte mir gleich einen Sonnenbrand geholt und musste fortan mit Hosen und langem Shirt ins Wasser, übrigens für Mexikaner keine ungewöhnliche Badetracht! Umziehen lohnt kaum, im Nu ist alles wieder trocken!


Dann fuhren wir weiter zur Lagune von Bacalar, einem Wunder der Natur, das ich auf jeden Fall immer wieder besuchen werde! Ich war 2012 das erste mal hier gewesen und extrem begeistert. Die „Lagune der 7 Farben“ wird so genannt, weil ihr Wasser in allen Farben erscheint, je nach Lichteinstrahlung, Beschaffenheit des Grundes und der Wassertiefe. Hier zu paddeln ist paradiesisch! Wir fanden ein nettes Hostel direkt am Wasser und schliefen draußen in der Hängematte, sogar nachts war es noch so heiß, dass wir ohne Decke schwitzten.


Hier freundeten wir uns an mit Jessi und Alan, die mit ihrem 6 Monate alten Baby unterwegs sind und durch Straßenkunst ihr Überleben sichern. Alan versuchte mit mäßigem Erfolg uns einige Kunststücke beizubringen 😉
Jessi hat eine Cousine in Chetumal, die sie seit Kindertagen nicht mehr gesehen hatte. Das war das nächste Ziel der beiden und sie luden uns ein mitzukommen. Das taten wir und verbrachten 2 Tage bei Jessis Familie, die in sehr einfachen Verhältnissen lebt und uns alle ohne Umstände herzlich willkommen und unsere Hängematten im engen Häuschen aufhängen hieß.



Weiter gings dann zusammen mit Jessi und Alan nach Palenque, wo wir die berühmten Ausgrabungsstätten besuchten. Von Palenque aus könnte man noch einige Ausflüge unternehmen, aber mein vieles Gepäck war doch sehr hinderlich, v.a., weil ich auch meinen Computer und einige andere Dinge dabei hatte, die ich nicht gern verlieren wollte. Außerdem fühlte ich, daß mich Unruhe ergriff, wie ein Pferd, das die Nähe des Stalls wittert. Ich wollte jetzt endlich in meinem Dorf ankommen! Und so fuhren wir dann mit dem nächsten Nachtbus los in Richtung San Cristóbal!

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Willkommen zum Benefiz-Film-Abend zugunsten der Klinik Zitim in Chiapas

Endlich ist es soweit!!! Ich freue mich sehr: Die Film-Dokumentation ist mit tatkräftiger Hilfe von Liz, einer in Berlin lebenden Mexikanerin fertig und die Benefiz – Film – Abende img_2180

img_6701zugunsten der unabhängigen indigenen Klinik in Zitim können starten!

Fast ein Jahr habe ich in Zitim gelebt und zusammen mit der traditionellen Hebamme
Luisa Sanchez Ton u.a. Hausgeburten begleitet. Im Anschluss an meine kleine Film-Dokumentation werde ich von meinen Erfahrungen berichten.

Der Eintritt ist frei und ich bitte herzlich, dass Ihr spendet soviel es Euch möglich ist. Die Spenden gehen zu 100% an das Colectivo „Camino de viento“, das die kleine Klinik vor 8 Jahren gegründet hat und ohne staatliche Unterstützung mit großem Idealismus Schwangere betreut, Hausgeburtshilfe leistet und die Kranken der Region behandelt.

Termine:
Freitag, 24. Februar 2017
Freitag, 21. April 2017
Freitag, 5. Mai 2017
Freitag, 2. Juni 2017

jeweils 19.00 – ca 21.00 Uhr

Ort: Hebammenpraxis Weissensee
Gäblerstr. 4-6
13086 Berlin

Da der Raum begrenzt ist, bitte ich um verbindliche Voranmeldung mit Datumsangabe unter folgender e-mail-Adresse:

hebamme.chiapas@gmx.de

Ich freue mich auf Euch!

Christiane Ulrich, Hebamme

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Reise nach Guatemala

Waehrend meines letzten Mexicoaufenthaltes hatte ich es waehrend 9 Monaten nicht nach Guatemala geschafft. Weil jetzt die vorletzte Geburt auf sich warten liess, schien auch diesmal das Ziel meiner Reisetraeume wieder in die Ferne zu ruecken…
Endlich, zwei Wochen nach dem errechneten Geburtstermin kam das Kind auf die Welt. Blieben 8 Tage bis zum Entbindungstermin der letzten Frau, deren Geburt ich mit Luisa zusammen betreuen wuerde. Ich entschied, 6 Tage zu verreisen.
Es begann pünktlich frueh um 7Uhr mit einer ausgedehnten Stadtrundfahrt durch San Cristóbal, um alle Reisenden in ihren Hostels einzusammeln. Ausnahmslos Touristen, alles junge Leute: Holländer, Russen, Deutsche, ein Engländer, ein Mädchen aus Taiwan. Schließlich stiegen doch noch ein paar Mexikaner zu, die hatten dasselbe Ziel wie ich: San Pedro am Lago Atitlan. Dort wollten sie Mauern und Wände mit Graffiti verzieren. Sie nahmen mich mit zum Hotel “Paraíso”, das fast ausnahmslos von Dauergästen bewohnt zu sein scheint: Jungs die tagsüber ihre Artesanias verkaufen und sich abends ihre Joints drehen. Je nachdem wie spät ich nach Hause kam fand ich sie nur noch mit verklärtem Grinsen auf den Bambussesseln sitzen oder sie begrüßten mich überschwänglich und fielen mir um den Hals. Ich kam mit vor wie der Alte aus dem Roman “Die Kinder von Torremolimos“, ein Kultbuch das ich liebe! 
Von San Cristóbal bis zur guatemaltekischen Grenze geht es stetig bergab, mit zunehmender Hitze ändert sich die Vegetation. 
Das Grenzdorf La Mesilla liegt in tierra caliente, der warmen Klimazone. Dort warteten wir 2 Stunden bei ziemlicher Hitze auf den Bus der uns zum Atitlansee bringen sollte. Angeblich hätten wir um 15 Uhr ankommen sollen, tatsächlich erreichten wir San Pedro nach zehnstuendiger Busreise und abschliessender Bootsfahrt bei Gewitter quer ueber den See erst abends um 21 Uhr Ortszeit (hier ist es eine Stunde früher als in San Cristóbal). 
In Guatemala, wie in ganz Mittelamerika verkehren diese  buntbemalten ehemaligen US-Schulbusse mit der großen Schnauze, aber ich fuhr mit dem kleinen Touristentransport, aus Zeitgründen. So oder so ist es ziemlich strapaziös, aber durch die Berglandschaft Stück für Stück die Höhenmeter wieder hochzutuckeln lohnt die lange Reise! Von der Grenze kommend sind die Berge viel steiler als in Chiapas und erscheinen deshalb sehr hoch. Hier waechst der guatemaltekische Hochlandkaffee. Vermutlich, wie auch in Mexiko, wird der größte Anteil und die beste Qualität exportiert. Ich habe gelesen, wenn jeder Mexikaner täglich eine Tasse Kaffee tränke, würde die gesamte Kaffeeernte des Landes dafür nicht ausreichen! Wenn man sich vorstellt wieviel Kaffee exportiert wird, lässt sich denken wie wenig davon die Mexikaner trinken. Vermutlich ist es in Guatemala nicht anders. Für viele Einheimische ist Kaffee zu teuer.
Auf der Fahrt durch die Bergdörfer sah ich vor fast jedem Haus Frauen am Webstuhl arbeiten. Ihr alle kennt die guatemaltekischen Stoffe, sie sind farbiger als die mexikanischen und haben eingewebte Muster. 
Frauen und Mädchen in den Dörfern rund um den Atitlansee tragen fast alle Tracht, aber sie kombinieren corte (Rock), facha (Gürtel) und Bluse nach jeweiligem Geschmack. Es gibt unendlich viele Muster, Farben und Stickereien, so sieht jede Frau anders aus und immer wunderschön. Es ist unglaublich, ein Farbenmeer! Die mexikanischen Trachten (alle Frauen eines Dorfes tragen dieselbe Tracht) erschienen mir dagegen plötzlich wie schwarz – weiß!
Hier halten sich nur wenige alte Frauen an die traditionelle Tracht ihres Dorfes. Juan, mein Guide mit dem ich einige Touren machte hatte eine einleuchtende Erklärung: 
Als die Spanier das Land kolonialisierten, wollten sie verhindern, dass sich Menschen aus verschiedenen Dörfern zusammenschließen um sich zur Wehr zu setzten. An der Tracht konnte natürlich jeder sehen woher jemand kommt und dies kontrollieren. Deshalb, sagt Juan, begannen die Leute die Kleider zu kombinieren, und so konnte niemand mehr erkennen woher einer stammt. Alle anderen die ich dazu befragte hatten allerdings keine revolutionäre Erklärung; es gefällt ihnen halt! sagten sie.
(Neulich erzaehlte mir eine Freundin, dass die “traditionellen Trachten” UEBERHAUPT erst durch die spanischen Kolonisatoren EINGEFUEHRT wurden, genau aus dem Grund: um zu verhindern, dass Menschen aus verschieden Regionen sich unkontrolliert zusammenschliessen! Das hatte ich bisher noch nicht gehoert!)
Die Straße ist leider gesäumt vom Müll des Plastikzeitalters. Als wir an Höhe gewonnen hatten änderte sich die Landschaft, die Berge schienen wieder große Hügel, so wie in Chiapas. 
Auf der Durchfahrt durch Ortschaften fiel mir wieder die unendliche Vielfalt der Farbzusammenstellungen auf, oft hat sie rein praktische Gruende: die Farbe war alle oder man hat alle Reste verwertet. Ich liebe das! Mich begeistert die Aesthetik des Provisorischen. Sobald auch nur ein bisschen Geld bewussten Gestaltungswillen ermoeglicht, verkommt ein Bauwerk hier mit nahezu 100%tiger Sicherheit zum Auswuchs der Haesslichkeit. Jedenfalls nach meinem Geschmack 😉
San Pedro und die anderen Doerfer am Ufer des Atitlansee waren vielleicht vor 10 Jahren vom Tourismus noch recht unberuehrt, heute jedoch findet man ohne Probleme Unterkunft in einem der zahlreichen Hotels oder Hostels aller moeglichen Preisklassen. Wenigstens gibt es Gott sei Dank noch keinen Massentourismus. Es leben hier viele Auslaender und es tummeln sich Individualreisende aller coleur und Nationen: sportbegeisterte Vulkanbezwinger und Wanderer, erholungssuchende Sonnenanbeter, Yogafreunde, Bildungsurlauber auf der Suche nach den Wurzeln der Mayakultur und viele, meist junge Leute, die gehoert haben, dass dies ein “cooler Ort” ist. Man riecht, es wird viel gekifft und einige Einheimische erzaehlten mir, dass alle moeglichen Drogen gedealt werden und mittlerweile viele Einheimische Drogenprobleme haben.
Der 126 km2 grosse See auf ca 1600 Meter Hoehe entstand durch einen gewaltigen Vulkanausbruch vor ca 84.000 Jahren. Er ist von Bergen und drei um die 3500 Meter hohen Vulkanen umgeben, hat keinen Zufluss zum Meer und soll zu den schoensten der Erde zaehlen. In Reisefuehren wird Lago Atitlan als “Ort mit viel Wasser” uebersetzt. Angeblich stammt der Name Atitlan aus der indigenen Mayasprache Nahuatl, die aber hier gar nicht gesprochen wird, da die Nahuatl nicht hier leben sondern in Mexiko. Juan sagte mir, der urspruengliche Name aus seiner Muttersprache, dem Tzutuhil, war “See der Grossvaeter/Ahnen” (atit = Grossvater, lan = See). Durch die Kolonisierung wurde diese Bedeutung verdraengt.
Die 4 Tage vergingen viel zu schnell. Nach dem taeglichen Fruehstueck in einer israelischen Saftbar begann ich mit einem gigantischen Muesli im Magen das bis zum Abend anhielt meine Unternehmungen. Hier gibt es eine grosse israelische community, obwohl vor 2 Jahren etwa 200 Israelis von den Dorfbewohnern vertrieben wurden. Warum? Sie respektierten nicht die hiesigen Braeuche, sagt Juan, dessen Familie seit Generationen in San Pedro lebt. Was heisst das konkret? Sie lebten wie Hippies mit einem Haufen Kindern und badeten nackt! …
Einen Tag wanderte ich mit Juan am Seeufer entlang durch die Doerfer. Von ihm erfuhr ich viele interessante Geschichten, er erklaerte mir die alten Mayazahlen, die kaum noch jemand kennt und als ich erzaelte dass ich in Chiapas lebe, was ich mache und dass wir dort mit Heilpflanzen arbeiten, zeigte er mir viele Pflanzen, so dass ich meine Fotosammlung ordentlich vervollstaendigen konnte.
Direkt am Seeufer ist es nirgends moeglich langzulaufen, weil alle Grundstuecke verkauft sind, offensichtlich an Leute mit Geld, viele an Auslaender, von denen wohl die meissten Appartements vermieten. Juan erzaehlte, dass viele. Einheimische vor Jahren ihr Land verkauft haben, ohne sich darueber bewusst zu sein welchen Wert so ein Grundstueck darstellt und was fuer Folgen es haben wuerde wenn die Umgebung des Atitlansees in Haende auslaendischer Investoren geraet… Wie so oft verdienen die Einheimischen am Tourismus eher den geringsten Teil…
Am naechsten Morgen trafen wir uns frueh um 3 Uhr, um auf einen Bergruecken zu steigen, der als “Indian nose” in jedem Reisefuehrer zu finden ist (die Silhouette dieses Bergrueckens erinnert an ein Gesicht mit einer “typisch indianischen” Nase!!…) Ich konnte mir nichts anderes vorstellen, als dass diese Bezeichnung eine fuer den Tourismus kreierte ist und fragte Juan nach dem urspruenglichen Namen: ins Spanische uebersetzt espejo de Dios (Gottes Spiegel), sagte er – aber daran erinnere sich schon kaum noch einer…
Im Morgengrauen erreichten wir den Aussichtspunkt und erlebten einen grandiosen Sonnenaufgang mit phantastischer Aussicht! Ich konnte mir gut vorstellen, warum Gott diesen See als Spiegel gewaehlt hat!
Einen Tag lieh ich mir ein Kanu und paddelte stundenlang ueber den See, bis ich sogar einen kleinen Strandstreifen fand der nicht in Privatbesitz ist und wo ich baden konnte.
Unterwegs wunderte ich mich, wie wenige Wasservoegel zu sehen waren, Fischern begegnete ich auch kaum. Ich unterhielt mich mit einem an dem ich vorbeipaddelte. Ja, sagte er, bis vor ein paar Jahren gab es noch genuegend Fische und ich konnte gut davon leben, aber jetzt fange ich kaum mehr was. Und der See verkrautet auch immer mehr. Warum? Er zuckte die Achseln, keine Ahnung! Ich fragte spaeter Juan. Er sagte, dass in den 50ger Jahren eine nicht heimische Barschart im See ausgesetzt wurde, um angelnde Touristen anzulocken! Mittlerweile haben die Barsche fast alle Fische aufgefressen! Spaeter recherchierte ich im Internet und fand dies bestaetigt. Die Idee mit den Barschen stammt demnach von der Fluggesellschaft Pan American World Airline! …??? Ich erinnerte mich an meinen Besuch am Lake Victoria in Tanzania vor 20 Jahren. Haargenau dieselbe Geschichte!…
Und wie krass, dass den Menschen die direkt davon betroffen sind und dort leben diese Zusammenhaenge gar nicht bewusst werden!
Beim Paddeln am Seeufer entlang entdeckte ich, dass der Wasserspiegel offenbar in den letzten Jahren erheblich gestiegen sein muss, denn viele Haeuser sind bis zum ersten Geschoss im Wasser versunken. Ein aelterer Mann erzaehlte mir, etwa alle 50 Jahre steigt der Wasserspiegel um mehrere Meter an und danach sinkt er Stueck fuer Stueck ueber die Jahrzehnte wieder. Das war schon immer so, sagte er. Aber wieso bauen sie dann so nahe am See?! Schulterzucken; sie hoeren eben nicht mehr auf die Alten!
Wie mir spaeter der Fahrer eines Faehrbootes sagte, haette mich auf meiner Kanutour chocomil uebel erwischen koennen! Was?? Schokomilch??? “Xocomil” ist Tzutuhil und bezeichnet einen tueckischen Wind, der so wie ich es verstanden habe manchmal nachmittags ziemlich ploetzlich gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen kommt und auf dem See gefaehrlich hohe Wellen macht. Aha… deshalb also hatte Juan mir gesagt ich solle mich immer schoen nahe am Ufer halten… Jajaaaa…
Sonntags, so hoerte ich, ist Markttag in Santiago de Atitlan auf der anderen Seeseite und ich hatte den Auftrag, einer Freundin einen schoenen guatemaltekischen Stoff mitzubringen. Also schipperte ich dorthin, eine wunderschoene Fahrt laengs ueber den See, direkt vorbei am Vulkan San Pedro. Auf der Fahrt unterhielt ich mich mit einem Maler, der sein Bild zum Verkauf in eine Galerie bringen wollte. Er gab mir den Tipp, unbedingt ins Haus vom Maximón zu gehen, denn das sei absolut das wichtigste in Santiago.
Ich hatte keine Ahnung was die casa de Maximón ist. Als mir der Maler sagte ich solle da mal hingehn schnappte ich mir also ein Mototaxi und los ging die Fahrt, durch enge Gassen und in ein Viertel in das ich als Fremde ohne Begleitung erstmal nicht unbedingt gegangen waere. Als der Fahrter bekanntgab wir waeren jetzt angelangt, zweifelte ich ernsthaft ob ich aussteigen sollte. “Hier ist das nicht!” – behauptete ich, als ob ich es wuesste. “Doch! Seit drei Wochen wohnt Maximón hier!” antwortete der Fahrer, was mein Misstrauen nur noch naeherte. “Steig aus, ich bringe dich hin!” Ich stieg aus. Durch einen ruempeligen patio in dem Waesche hing gingen wir zu einem Haus, aus dem es nach Weihrauch und Tabak roch, davor hockten und sassen eine Menge Frauen und kleine Kinder, was mich beruhigte. Die Tuer stand offen, eine Zeremonie war in Gang, aber das war anders als ich es aus Mexico gewohnt bin! Maximón, eine Holzfigur, thronte auf einem Stuhl, gespickt mit Geldscheinen und bekam abwechselnd eine Zigarrette in seinen holzernen Mund geschoben und Alkohol eingefloesst, waehrend verschiedene Leute nacheinander offenbar ihre Anliegen vorbrachten und von ihrem jeweiligen curandero (Heiler), vor Maximón kniend alle moeglichen Sachen gefragt wurden, bevor der mit seinen Gebeten einsetzte. Leider konnte ich nichts verstehen, weil Tzutuhil gesprochen wurde. Dahinter an einem langen Tisch sassen in einer Reihe rauchend und trinkend aeltere Maenner. Einer spielte ab und zu auf der Gitarre einen monotonen Rhythmus. Ich hatte wirklich Glueck gehabt dies zu erleben, denn nach etwa einer dreiviertel Stunde waren alle Bittsteller durch und dann passierte eigentlich nichts mehr. Ich unterhielt mich eine Weile mit den Kindern und Autoritaeten die, da keine Klienten mehr kamen Pause hatten und erfuhr, dass dies ein Privathaus ist und Maximón tatsaechlich vor etwa 3 Wochen erst hier eingezogen ist. Jaehrlich wechselt er sein Domizil, jeweils in das Haus einer anderen Autoritaet. Ich vermute, dass er eine gute Einnahmequelle ist.
Ich weiss nicht, wie man Maximón bezeichnen kann, ein Heiliger scheint er mir nicht zu sein…
Ich verbrachte etwa zwei Stunden dort, irgendwann kam eine Gruppe franzoesischer Touristen, von denen jeder an Maximón vorbeiflanierte und ein Foto schoss, danach wurde von den Autoritaeten abkassiert. Seltsamerweise hatte mich niemand zahlen lassen, obwohl ich sogar um Erlaubnis geben hatte bei einer Zeremonie zu filmen. Bevor ich mich verabschiedete steckte ich Maximón noch ein paar Pesos unter die Tuecher.
Hinterher habe ich im Internet nachgelesen. Die Legende von Maximón geht etwa so:
In alter Zeit gab es in Santiago viele Probleme, weil boese Hexen ihr Unwesen trieben, sie toeteten Leute indem sie ihnen Krankheiten anhexten. Die Nahuales (Schamanen ) vereinigten sich, aber sie waren machtlos. Schliesslich beschlossen sie, einen maechtigen “Grossvater” aus einem Baum zu schnitzen der den Ort beschuetzen sollte. Sie gingen in die Berge und sprachen mit verschiedenen Baeumen, die ihnen aber alle sagten, dass sie nur zum Hausbau taugten oder um Staelle fuer Tiere zu bauen. Schliesslich, nach langer Suche, fanden sie einen weiteren Baum, der ihnen ohne zu zoegern zusicherte, die Dorfbewohner beschuetzen zu koennen. Unter Gesang und Beten wurde aus dem Baum der Grossvater geschnitzt. Waehrend sie arbeiteten kam ein junges Maedchen. “Ihr Armen, ihr muesst doch muede sein von der Arbeit! Hier bringe ich euch atole (Maissuppe), Brot und etwas zu trinken, damit ihr euch staerken koennt!” sagte sie. Die Leute freuten sich, aber dann bemerkten sie, dass das Brot sich in Kot und das Getraenk sich in Pferdeurin verwandelt hatte! Das Maedchen war in Wirklichkeit eine Hexe die sie jetzt verhoehnte! Sie liess den geschnitzten Grossvater verschwinden, es blieb nur noch Holz fuer die Gesichtsmaske uebrig. Die Nahuales nahmen ihre letzten Kraefte zusammen, schnitzten die Maske und bildeten den Koerper mit vielen heiligen Tuechern, als Herz setzten sie einen gruenen Stein ein. Seine Gelenke bildeten Ringe die alles miteinander verbanden. Deswegen bekam der Grossvater seinen Namen: Maximón bedeutet der Gebundene. Als der Grossvater fertig war baten sie ihn seine Arbeit zu tun: das Boese zu vernichten. Immer wenn er Hexen begegnete packten ihn diese, wurden aber sofort von grosser Angst erfasst und liessen ihn deshalb wieder los. Wenn sie in ihre Haeuser fluechteten starben sie kurz darauf an Erbrechen und Durchfall, so wie einst ihre Opfer. Nach kurzer Zeit waren alle Hexen tot und die Dorfbewohner waren sehr gluecklich. Aber nicht lange, denn Maximón begann jetzt selbst boese Dinge zu tun! Er stellte den jungen Frauen in Gestalt eines schoenen Mannes und den jungen Maennern in Gestalt einer schoenen Frau nach! Maedchen wie junge Maenner verliebten sich scharenweise in ihn und alle starben sie an Erbrechen und Durchfall. Die Nahuales waren sehr wuetend und beschlossen Maximóns Macht zu zerstoeren, aber sie wollten ihn nicht umbringen. Sie brachen ihm Arme und Beine ab, damit er nicht mehr herumgehen und nichts mehr selbststaendig tun kann. Maximón kann jetzt nur noch Gutes tun, denn er ist staendig unter Aufsicht. Heute lebt er in der Bruderschaft von St. Cruz.

Der Sonntaegliche Markt von Santiago zieht sich durch einige Strassen und ist dennoch im Vergleich zu den Maerkten in San Cristóbal eher klein – aber die Farben!!! Wie gesagt, hier tragen fast alle Frauen Tracht und die Kombinationen sind unendlich! Niemals wiederholt sich etwas, ich stelle mir vor, dass das nur noch in Indien uebertroffen werden kann… Und in Santiago sind sogar auch viele Maenner in Tracht gewandet! Ich fand schnell den passenden Stoff fuer die Freundin und konnte auch selbst nicht wiederstehen 😉 … und Gott sei Dank hat ja auch Juanita bald Geburtstag und die freut sich auch sicher ueber ein corte (Rock) aus Guatemala … und fuer meinen Rockstoff koennte ich doch noch ein huipil (gewebter Umhang, reich bestickt)… Ich bin eigentlich normalerweise nicht von Kaufsucht geplagt, aber schliesslich hatte ich nach kurzer Zeit fast alle Quetzales die ich bei mir hatte fuer Stoffe ausgegeben! Nur noch das Geld fuer die Rueckfahrt und 500 mexikanische Pesos waren in meinem Portemonaise als ich mich schliesslich wieder auf den Weg zum Hafen machte. Dort passierte mir Folgendes: Eine Frau hielt mich an um mir einen huipil zu verkaufen. Der huipil war getragen, handgewebt und handbestickt, “200 Quetzales” sagte sie. Ich zeigte auf den Beutel mit meinen Tuechern “Tut mir leid, aber ich hab mein Geld schon ausgegeben.” “150!” war die Antwort und dann 100 und dann 40, das sind nicht mal 5 Euro! “Was redest du da, du kannst den huipil nicht fuer 40 Quetzales verkaufen, das ist viel zu wenig!“ Nein, sie wollte unbedingt den huipil loswerden, sie hatte auch nur den einen. So ging das eine ganze Weile, die Frau redet auf mich ein dass ich ihn kaufe, ich auf sie, dass ich weder Geld hab, noch ein huipil brauche, noch dass es eine angemessene Bezahlung ist fuer so viel Arbeit. “Bitte kauf ihn, ich habe Kinder und die haben nichts zu essen!” sagte sie schliesslich. “Ich kann ihn nicht kaufen, ich habe kein Geld mehr, nur noch das Kleingeld fuers Schiff!” sagte ich. Inzwischen bereute ich schon, dass ich alles ausgegeben hatte… da fielen mir die mexikanischen Pesos ein. Ich kramte den 500er hervor “Hier, nimm den! Behalt deinen huipil” Unglaeubig schaute sie mich an, “Nimm, das ist mexikanisches Geld” sagte ich, vielleicht kannte sie das ja nicht? “Wirklich?? Aber das ist viel!” – “Wieviele Kinder hast du?” – “Vier.” – “Vier Kinder haben viel Hunger!” Sie strahlte und reichte mir den huipil, ich wollte ihn nicht nehmen, irgendwie schaemte ich mich. “Nimm ihn! Bitte! Wie heisst Du?” sagte sie. Wir tauschten unsere Namen aus. Ich nahm den huipil und bedankte mich. Es ist ein etwas kleinerer huipil, vielleicht von ihrer Tochter? “Ich werde deinen huipil einem kleinen Maedchen schenken.” ich dachte an Juanita. Die Frau, sie heisst Miriam, erzaehlte schon einer anderen, dass ich den huipil fuer 500 Pesos gekauft habe. (Ungefaehr sind das 28 Euro) “Gott segne Dich, du bist ein guter Mensch!” sagen beide. Ich bedankte und verabschiedete mich, denn ich sah mein Schiff in den Hafen biegen. Sie winkten zum Abschied.
Was fuer eine Welt, in der eine Frau die Kleidung ihrer Familie verkauft um ihren Kindern was zu essen zu geben waehrend andere Geld fuer immer neues ueberfluessiges Zeug verplaempern und dabei haben sie doch alles schon doppelt und dreifach.
Auf der Rückfahrt nach Mexiko hatte ich im Touristentransport ein unangenehmes Erlebnis: ich saß in der Nähe eines deutschsprachigen Menschen meines Alters. Dem Geruch den er verströmte nach zu urteilen ein Langzeitreisender. Dies hatte ihm allerdings nicht zu innerer Ruhe verholfen; er begann lautstark auf Deutsch zu meckern, dass der Fahrer zu langsam führe und wir so ja nie ankommen! Erwähnenswert ist, dass meiner ebenfalls deutschen Platznachbarin bei jedem der zahlreichen durchaus gewagten Überholmanöver auf der kurvenreichen Bergstrecke der Angstschweiß ausbrach. Aufgrund meiner längeren Anwesenheit in Mexiko hatte ich schon schlimmere Fahrten hinter mir, aber diese war nicht ohne. An der Grenze war der Bus zu wechseln. Wir erfuhren, dass aufgrund einer Strassenblockade unser Bus auf mexikanischer Seite in 8 km Entfernung stünde. Es gab aber die Möglichkeit mit Taxis etwa 7 km bis zur Blockade weiterzufahren. Die Blockade war von der Bevölkerung der Region errichtet und eine Protestveranstaltung gegen das verschmutzte Trinkwasser. In großer Hitze marschierten wir den letzten Kilometer am Stau vorbei zum Bus. Schön, dass ich nur einen kleinen Rucksack mithatte… 
Schließlich endete die Reise abrupt damit, dass ich, kaum waren wir glücklich in den Bus gestiegen, ein watsapp aus Zitim bekam: die nächste Geburt hatte begonnen 
In San Cristóbal angekommen schnell in den Combi Richtung Dorf gesprungen und von dort direkt zum Haus der Gebärenden … Nach einem halbstündigen Fußmarsch durch Maisfelder und über Berg und Tal langte ich dort im Dunkeln an…
Das war meine Reise nach Guatemala, viel zu kurz, aber sehr intensiv! Das nächste Mal werde ich eine lange Reise nach Guatemala planen!…

Wen es interessiert kann sich noch eine Doku über eine deutsche Frau anschauen die seit Jahren am Atitlansee lebt und dort interessante Projekte macht. Ich hab sie persönlich durch eine gemeinsame Freundin in Mexiko kennengelernt und wollte sie besuchen, aber leider war sie grad auf Reisen als ich dort war.
http://www.br.de/-fernsehen/sendungen/lebenslinien-fuer-immer-rebellin-ddr-frauengefaengnis-guatemala-muell-missionarin100.html

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